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WIEN / Staatsoper: RIGOLETTO

08.04.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
RIGOLETTO von Giuseppe Verdi
100. Aufführung in dieser Inszenierung
8. April 2013 

Die 100. Aufführung der doch recht schäbigen und unimaginativen „Rigoletto“-Aufführung der Wiener Staatsoper stellte eine neue Sängerin im Haus vor und bot nicht weniger als vier Rollendebuts in den fünf Hauptrollen. Nur Kurt Rydl (der diesen Part schon seit über 35 Jahren singt!) war bekannt, gab wieder einmal den Sparafucile, machtvoll, manchmal fast zum Röhren neigend, aber jeder Zoll der gewaltige „Bravo“, dem man alles Böse zutraut – in Stimme und Spiel.

Simon Keenlyside sang seinen ersten Rigoletto in Wien. Er ist ein Künstler, der sich stets neu und bis an die Grenze herausfordert – man würde auf Anhieb in seinem Gedächtnis kaum einen Sänger finden, der gleichzeitig Wozzeck und Rigoletto am Repertoire hat und sie auch gleich nacheinander singt. Vielleicht sollte man das auch nicht. Keenlyside hat zwar schon des öfteren gezeigt – nicht zuletzt mit seinem Posa -, dass er ein Meister der Technik ist und seinen Gesangsstil an den jeweiligen Komponisten anzupassen vermag. Er singt nicht nur Mozart oder als Gegensatz dazu den mörderischen „Tempest“ von Thomas Adès, er kann seine Stimme auch dazu bringen, mit Verdi zu „strömen“ – aber nur in einem gewissen Ausmaß.

Nun ist immer möglich, dass ein Sänger sich nicht in Topform befindet, aber jedenfalls erweckte sein erster Rigoletto in Wien doch den Eindruck stimmlicher Überforderung. Keenlyside musste über weite Strecken forcieren, dann verliert sein Timbre an Qualität, und aus Verdis Belcanto wird kratziger Verismo (und Spitzentöne kappte er gleich selbst, wenn er spürte, dass er sie nicht durchstehen würde). Am Ende ist es wahrscheinlich auch eine Frage der Kraft, denn den veritablen Heldenbariton italienischen Zuschnitts, den die Rolle letztlich erfordert, bringt der Sänger einfach nicht mit.

Dass er wieder einmal als Persönlichkeit fasziniert, war zu erwarten und wurde eingelöst. Kein üblicher Rigoletto, der hinkende Alte mit Buckel: In seinem grotesken Kostüm (hat er es mitgebracht?) und seinem gewissermaßen „scharfen“ Auftreten, geht er nicht als Narr, sondern als Herausforderung durch die Welt des Herzogs. Wenn er allerdings die lächerliche Zipfelmütze wegwirft und herausschreit, dass er seine Tochter zurück haben will, steht plötzlich ein ganz anderer Mensch auf der Bühne, der genuine Vater, der er schon im Duett mit Gilda war… Keenlyside neigt zu Neurotiker-Studien, auch sein Rigoletto grenzt an eine solche, aber seine Bühnenpräsenz ist ungeheuer: Das Publikum jubelte ihm zu, obwohl es von der Rolle mehr Faszinierendes gesehen als im Verdi-Sinn „Schönes“ gehört hat…

Tenor Matthew Polenzani wird an der Met auf Händen getragen, man braucht nur die Kritiken nachzulesen, er ist auch (zuletzt im Liebestrank) neben der Netrebko ein gefeierter Held. Sein erster Wiener Auftritt als Herzog überzeugte durchaus, das ist ein auf breiter Substanz ruhender Tenor, eine sicher geführte Stimme mit guten, wenn auch nicht unbedingt glanzvollen Höhen. Im Gegensatz zu Keenlyside war er mit der Rolle nicht überfordert – und bot doch weniger. Denn wenn er auch brav alles „richtig“ macht, steht da ja doch ein wenig beweglicher, nicht eben jung oder stürmisch wirkender Herr auf der Bühne, der weder als Liebhaber noch als Tenor noch als Persönlichkeit den Funken der Begeisterung ins Publikum wirft.

Mit Olga Peretyatko hat die Opernwelt schon wieder eine bildschöne Russin, aber nicht alles, was wie die junge Netrebko aussieht, singt auch wie die junge Netrebko. Ihre Gilda war zu uneinheitlich, um sich wirklich ein Bild zu machen, nicht sonderlich überzeugend mit der Arie, aber sehr ergreifend im Duett mit dem Vater im zweiten Akt (wobei dann natürlich auch das Geben und Nehmen zwischen ihr und Keenlyside sehr stark war). In der Höhe wird die Stimme leicht schmal und scharf, aber auch dergleichen kann Abendverfassung sein.

Und gleich noch eine schöne Russin – Elena Maximova, die zuletzt 2012 als verführerische Carmen  entzückt hat, war geradezu eine Verschwendung für die Maddalena. So, wie sie singt, aussieht und spielt, verdient sie mehr.

Sorin Coliban als mächtig donnernder Monterone, Donna Ellen, Tae-Joong Yang, Hans Peter Kammerer, Lydia Rathkolb in den kleineren Rollen, der Chor (vor allem die Herren) wieder prächtig unterwegs, steckten ja doch in einer Aufführung voll von Widersprüchen, an denen auch Dirigent Jesús López-Cobos seinen gar nicht so rühmlichen Anteil hatte. Ist das der Mann, der einen so wunderbar elastischen Rossini dirigiert hat? Für Verdi fiel ihm nur ein, die Musik geradezu zu hetzen, wobei er mehr als einmal überhaupt keine Rücksicht auf die Sänger nahm, und nach Möglichkeit zu „donnern“ – das Gewitter im letzten Akt, das dramatisch einherbrauste, war quasi der Parameter seiner Interpretation.

Noch einmal: Das Publikum applaudierte enthusiastisch.

Renate Wagner

 

 

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