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WIEN / Staatsoper: RIGOLETTO

01.04.2014 | Oper

 

WIEN / Staatsoper: 
RIGOLETTO von Giuseppe Verdi
103. Aufführung in dieser Inszenierung
1. April 2014 

Niemand wird das hohe Lob dieser Wiener „Rigoletto“-Produktion von Sandro Sequi (in der Ausstattung von Dessyllas / Crisolini-Malatesta) singen, das ist gewiß kein Meisterstück. Aber man kann darin prächtig Verdis Rigoletto spielen und unabgelenkt ansehen, und wenn man sich vorstellt, dass die Neuinszenierung der nächsten Saison vielleicht nicht das Werk, sondern nur die Ideen eines Regisseurs dazu (und möglicherweise zu ganz was anderem) bringt, dann fragt man nach der Logik der Programmplanung. Denn Inszenierungen, die wirklich ausgetauscht gehörten, gibt es reichlich.

Nun, noch einmal – viermal im Ganzen – der alte „Rigoletto“, und von den drei Hauptprotagonisten her wenigstens zweimal Freude für den Opernfreund. Man will ja nicht unbescheiden sein. Das ist ja schon eine Menge, wo im Alltag ja doch nicht mit Goldmünzen gezahlt wird, sondern mit schlichten Euros.

LEO NUCCI, demnächst 72, demnächst der 500er

LEO NUCCI, demnächst 72, demnächst der 500er Foto M.Pöhn

Das Wunder: Leo Nucci     Es war sein 499. In der nächsten Vorstellung, am 4. April 2014 an der Wiener Staatsoper, wird Leo Nucci seinen 500. Rigoletto verkörpern (und da wird man sich hoffentlich etwas Festliches einfallen lassen). Von diesen 500 Vorstellungen hat er dann 32 in Wien gesungen, die letzten 30 zwischen 1980 und 2006, nun kommt der 72jährige auf 34 Wiener „Dienstjahre“ in dieser Rolle – und zeigt, wie man aus jahrzehntelanger Erfahrung  lebendigste Gegenwart machen kann. Sicher steht die Stimme nicht mehr in vollem Sanft, manchmal wirkt sie ein wenig trocken, manchmal ein wenig forciert, aber was sind das für nichtige Einwände angesichts dieser Leistung? Zumal Nucci mit seiner Technik immer noch imstande ist, zumindest gelegentlich eine Stimmfülle zu produzieren (oder auch zu imaginieren), mit der weit jüngere Kollegen, die eben nicht für diese Rolle geboren sind, einfach nicht mitkommen.

Natürlich ist es auch die Gestaltung – dieser Zwerg, der da auf der Bühne steht, ist hintergründig und souverän zugleich, er weiß, wie er durch die Höflinge durchtänzelt, er weiß, wie er sein Stöckchen wirft, er fängt es mit der lockeren Routine dessen, der das tagtäglich macht und der gelernt hat, in dieser verhassten Hofgesellschaft zu überleben… Nuccis Höhepunkt ist ein zweiter Akt ohnegleichen: In seinem Ausbruch „Cortigiani, vil razza dannata“ gewinnt er beklemmende Größe, und wenn er „Si vendetta, tremenda vendetta“ schwört, ist das schlechtweg atemberaubend. Wir wissen nicht, ob es über die 4 Vorstellungen jetzt noch eine Chance geben wird, Leo Nucci als Rigoletto live zu hören (DVDs mit ihm in dieser Rolle gibt es glücklicherweise einige) – man soll sich das Elementarereignis nicht entgehen lassen.

Die Entdeckung: Piero Pretti    Eigentlich war man gekommen, um Francesco Meli zu hören, ein seltener Gast am Haus, zuletzt im „Simone“ fabelhaft genug, um eine erneute Begegnung zu wünschen. Aber Meli gehört offenbar zu jenen Sängern, denen einfällt, dass sie eine Rolle „nicht mehr“ oder „lieber doch nicht“ singen wollen, wenn sie ihre Verträge bereits unterzeichnet haben. Nun, es gibt Kollegen, die einspringen, ihre Chance erkennen und nützen. Diesmal tat es Piero Pretti, über den man schon einiges gehört hat und dessen Wien-Debut mit „Traviata“ erst im Mai vorgesehen war. Jetzt hat er es als Herzog vorgezogen, schlechtweg glanzvoll reüssiert und absolut niemanden vermissen lassen.

Weder Geburtsort noch –Datum von Pretti sind zu recherchieren, aber der noch junge Italiener, der seit 2006 im Geschäft ist und erst in jüngster Zeit über seine heimatlichen Opernhäuser international ausschwärmt, ist jedenfalls schlank und gut aussehend, wenn auch keine Lockenkopfschönheit, was so manchem Tenor schon geholfen hat. Er besitzt das absolut Entscheidende, nämlich ein wirklich schönes Timbre. Sein Tenor ist hell, schlank, kraftvoll mit großteils prachtvollen, geradezu leuchtenden Höhen. Und seine Technik ist gut genug, um alle Schwierigkeiten zu packen und mit nicht mehr als Kleinigkeiten hier und dort ein wenig von der Linie zu schrammen. Seine musikalische Gestaltung der Rolle war vorbildlich, und darstellerisch wird es schon noch kommen – das ist im Bedarfsfall leichter zu erlernen, als wenn es an der Stimme etwas zu mäkeln gäbe. Aber Piero Pretti klingt ganz ohne Zweifel (wenn nichts dazwischen kommt) nach Zukunft, vielleicht sogar großer.

Die Enttäuschung: Valentina Naforniţa    Wie klug es ist, eine Sängerin, die man in der künftigen Premiere als Gilda präsentieren wird, jetzt schon in dieser Rolle loszuschicken, sei dahingestellt. In diesem Fall war es sogar besonders ungünstig, denn die junge Dame, die zweifellos wunderbar aussieht, war eine Enttäuschung vom ersten bis zum letzten Ton. Es ist zweifellos technische Hilflosigkeit, dass sie bei jeder Gelegenheit ins Forte flüchtet – eine so gebrüllte Gilda hat man kaum je gehört, sie hat sogar das berühmte Quartett des letzten Aktes niedergeschrieen und um seine Balance gebracht. Im Piano hält sie es nie lange aus, im Mezzavoce kommt ein Tremolo hervor, das klingt, als sei sie um Jahrzehnte älter als sie ist, und die Spitzentöne bohren sich erbarmungslos ins Ohr. Kurz, wenn nicht ein Wunder geschieht und sie ihre Technik gewaltig aufrüstet, kann man sich auf diese Premieren-Gilda wahrlich nicht freuen.

Die anderen     Ideal, weil rassig in der Erscheinung und dunkel-sinnlich im Timbre, war die Maddalena der Nadia Krasteva. Dan Paul Dumitrescu, normalerweise der Papa- und Opa-Typ in den italienischen Opern, ist für Sparafucile, den Mörder (ein „Bravo“, wie die Rolle heißt), eine eher seltsame Besetzung, bringt auch nicht den nötigen rabenschwarzen Baß dafür mit, ist aber für seine Verhältnisse so düster und bedrohlich wie nur möglich. Der Monterone des Alexander Moisiuc donnert seinen Fluch tatsächlich eindrucksvoll, Juliette Mars ist die unauffällige Gilda-Gesellschafterin, Lydia Rathkolb in toller Robe ganz kurz die Contessa di Ceprano, und der Page der Herzogin hat nur ein paar Töne, aber Hila Fahima hat als neues Ensemblemitglied im neuen „Prolog“ sogar eine Doppelseite bekommen, daher fällt sie ein wenig auf.

Der Dirigent    Jesús López-Cobos, Jahrgang 1940, damit sogar zwei Jahre älter als Nucci, ist wahrlich kein Jungspund, aber er rast durch den „Rigoletto“, als müsste er in größter Eile fertig werden – rätselhaft. Nicht nur, dass er von der Ouvertüre an extrem lautstark und sogar lärmend agiert, er ist fast immer eine Idee zu schnell und zieht damit manche Unsicherheit bei Solisten und Chor nach sich.

Dennoch – mit diesem Rigoletto und mit diesem Herzog hatte man einen lohnenden Opernabend erlebt.

Renate Wagner

 

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