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WIEN/ Staatsoper: RIGOLETTO – 2. Vorstellung der Premierenserie

24.12.2014 | Oper

Wiener Staatsoper, Rigoletto am 23. Dezember 2014

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

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Erin Morley, Paolo Rumetz. Foto: Michael Pöhn/ Wiener Staatsoper

 Die jüngste Staatsopern-Premiere des Verdi-Klassikers Rigoletto wurde bereits ausführlich rezensiert, der Abgang des stimmlich angeschlagenen Simon Keenlyside und das Einspringen der Coverbesetzung Paolo Rumetz füllte in den letzten Tagen die Feuilletonspalten und Kulturseiten aller Zeitungen. Nun stand die erste Reprise dieser Premierenserie an, Keenlyside musste – fast logischerweise – absagen und Ensemblemitglied Rumetz (den gebürtigen Triester kann man sicherlich nicht mehr zur jungen Garde zählen) bekam diesmal von Anfang an das Vertrauen ausgesprochen. Und damit bleiben wir beim Positiven der Aufführung: Alle drei Hauptprotagonisten schlugen sich grosso modo ausgezeichnet und (zumindest) das Gehörte befriedigte den Belcanto-Liebhaber. Wenn auch mit einigen Abstrichen. So hörte man von Rumetz zwar eine (über)durchschnittlich schönklingende Baritonstimme, seine Rollengestaltung kam aber über Routinegesten und väterliches Gehabe nicht hinaus. Wurde in der Vorbereitung nur mit dem charismatischen Keenlyside (der den Rigoletto in die Nähe eines Wozzeck rücken sollte) geprobt? Ging Rumetz während dessen im Wienerwald spazieren? Von den Vorstellungen des Regisseurs merkte man schon bei Reprise 1 nichts mehr, wie wird das später sein?

 Ähnlich im Stich gelassen wurde Piotr Beczala. Der auf allen großen Bühnen etablierte Pole weiß aber, wie man den Duca anlegt und brillierte auch mit feiner Höhe, während die Mittellage (zumindest im ersten Akt) bedenklich eng und gepresst klang. Den Belcanto-Schmelz, der einem Herzog von Mantua eigen sein müsste, bekam man aber auch nur selten zu hören. Dennoch, so groß ist die Auswahl an Weltklassetenören heute nicht, drum auch für ihn ein Bravo!

 Positiv überrascht wurde ich von Erin Morley. Die mir bis dahin unbekannte Amerikanerin besitzt einen hübschen Sopran und berührte menschlich mit ihrer Gilda am nachhaltigsten. Wenn sie bei manchen Spitzentönen auch noch darauf verzichten würde ins sichere forte zu fliehen, dann wäre man noch glücklicher. Dass sie dies ohnedies drauf hat, bewies sie in der berührenden Schluss-Szene. Da war es aber auch das einzige Mal, dass mich die grandiosen Verdi-Melodien emotional berührten. Bis dahin war nämlich alles eher Stückwerk, wofür auch der im Vorfeld so hochgelobte Myung-Whun Chung am Pult des Wiener Staatsopernorchesters mitverantwortlich zeichnete. Selbst ein stimmgewaltiger Rumetz und auch ein Beczala mit Druck hatten öfters Probleme über das allzu forcierende Orchester zu kommen. Die Nebenrollen wiesen eine sehr uneinheitliche Besetzung auf: Einzig Sorin Coliban als Monterone erwies sich einer Premierenbesetzung würdig, Ryan Speedo Green (Sparafucile) besitzt eine schwarze Bass-Stimme, die ausbaufähig klingt, Elena Maximova (Maddalena) fehlt das Erotiktimbre für diese Rolle, die restlichen Partien möchte ich lieber verschweigen.

 In darstellerischer Hinsicht wurden das Ensemble und auch der Chor schwer im Stich gelassen. Personenführung scheint für Monsieur Pierre Audi, der für die Regie verantwortlich war, ein Fremdwort zu sein. Wie man im Original-TV-Stream, den Keenlyside auf seiner Homepage publizierte, sehen kann, galt wohl das ganze Interesse der Regie nur der Titelpartie. Das ist aber für eine Neuinszenierung zu wenig. Wenn dann noch rein technische Regiefehler (so standen etwa Gilda und Rigoletto im Schlussbild direkt im Blickfeld von Herzog, Sparafucile und Maddalena, anstatt sich zu verstecken) und unlogische Szenen (die Holzleiste in Gildas Käfig hinderte alle Protagonisten beim Singen, das unmotivierte Umfallen der Hofschranzen war gänzlich unverständlich), dann endet eben auch bei einer ersten Reprise der Schlussapplaus nach sechs Minuten.

 Was aber gar nicht so schlecht war, denn das Warten auf die Mäntel dauerte diesmal entsprechend länger: Von drei Garderoben hinten auf der Galerie war nämlich nur eine geöffnet, was mir Gelegenheit zur Einholdung von Publikumsmeinungen bot. Nach meiner Bemerkung, ob die Sparmaßnahmen bei den Garderoben auch auf das (hässliche und themenverfehlende) Bühnenbild (Christof Hetzer) ausgeweitet wurden, erhielt ich die Replik: „Na, der Bühnenbildner wird für den Schmarren sicherlich genug kassiert haben!“ Naja, und der Regisseur wird auch nicht leer ausgegangen sein. Aber das ist jetzt endgültig eine andere Geschichte.

Ernst Kopica

 

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