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WIEN/ Staatsoper: PIQUE DAME

31.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Pique Dame. Wiener Staatsoper, 30.1.2013

Dass Neil Shicoff keine Liebhaberrollen a la Cavaradossi mehr singen sollte ist ja schon hinlänglich bekannt. Dass man sich aber jetzt auch schon um seine Interpretationen von psychisch angeschlagenen Figuren Sorgen machen muss, das war mir neu und wurde an diesem Abend hörbar. Keine Frage, der Sänger gibt auf der Bühne alles, was er zur Verfügung stehen hat – doch langsam muss man sich fragen, ob das noch genug ist. Wie üblich brauchte er über eine halbe Stunde, bis sich seine Stimme halbwegs eingependelt hatte, doch war es nicht überhörbar, welche Kraftanstrengungen es ihn kostete, seine – noch immer – strahlenden Höhen zu erreichen. Es gibt viele, die mit Shicoffs Timbre wenig anfangen können, ich habe immer seinen fast vibratofreien Gesang geschätzt – aber auch an ihm geht die Zeit nicht spurlos vorbei. Von den Bewegungen her gibt er sich immer noch jugendlich und auch die Maskenbildner haben einen großartigen Job gemacht. Ich respektiere diesen verdienten Sänger, aber die Zahl der Rollen, die seiner aktuellen Stimmverfassung entspricht, ist im Schrumpfen begriffen.

Als Gräfin durfte Grace Bumbry noch einmal die Bühne der Staatsoper betreten. Sie war schon sehr, sehr lange nicht mehr hier engagiert, daher war es für viele jüngere Operngeher die erste – und wohl auch letzte – Gelegenheit, diese beeindruckende Person live zu erleben. Natürlich ist mit ihren 76 Jahren der Glanz ihrer Stimme schon verblasst, doch immer wieder konnte man erahnen, was für eine großartige Stimme diese Frau einmal gehabt haben muss. Bumbry ist auch nicht mehr sehr beweglich – das alles machte aber an diesem Abend nichts aus – es wehte ein Hauch von Nostalgie und Wehmut durchs Haus. Und diese Künstlerin hat eine ungeheure Ausstrahlung!

Von der restlichen Besetzung überzeugten besonders zwei Ensemblemitglieder – es ist interessant, wie sehr sich die Leistungen von Eijiro Kai verbessert haben. Sein Gesangsstil ist plötzlich viel runder als früher geworden. Die Leistung, die er als Jeletzki zeigte, war nach meinem Dafürhalten die beste, die ich von ihm in all den Jahren gehört habe.

Ihr Rollendebüt als Polina/Daphnis gab die junge Russin Alisa Kolosova. Da der Rezensent eine Schwäche für das Timbre slawischer Mezzosoprane hat, ist es natürlich klar, dass ihm die Leistung sehr angesprochen hat – obwohl sie in der Höhe zur Zeit noch etwas zu eng in der Stimme und angestrengt gewirkt hat. Allerdings ergänzte sich der Klang von Alisa Kolosova hervorragend mit der Stimme von Hasmik Papian, die eine etwas ältlich wirkende Lisa darstellte und ihren Part fehlerfrei sang, ohne wirklich restlos überzeugen zu können. Da passt irgendwie der Ausdruck „rollendeckend“ dazu.

Tómas Tómasson war als Tomski/Pluto aufgeboten. Er hat eine gute Ausstrahlung, ohne allerdings als „Gesamtpaket“ an Albert Dohmen, der bis dato der Tomski vom Dienst war, heranzukommen.

Die kleineren Rollen wurden von Herwig Pecoraro, Sorin Coliban, Benedikt Kobel, Dan Paul Dumitrescu, Marcus Pelz und Caroline Wenborne zufriedenstellend und unauffällig gesungen.

Marko Letonja war ein umsichtiger Kapellmeister, der das Staatsopernorchester fest im Griff hatte und einen sehr positiven Eindruck hinterließ. Für das slawische Fach dürfte er ein gutes Gefühl haben – ein Wiederhören ist auf jeden Fall wünschenswert.

Der Abend hatte eine solide Qualität, die Inszenierung von Vera Nemirova ist eine, mit der ich durchaus leben kann. Geprägt wurde die Aufführung vom Abschiednehmen einer großen Künstlerin und dem sich am Horizont abzeichnenden Ende einer anderen außergewöhnlichen Karriere.

Kurt Vlach

 

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