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WIEN/ Staatsoper: PELLÉAS ET MÉLISANDE

20.06.2017 | Oper

WIENER STAATSOPER/ 20.6. 2017 „PELLÉAS ET MÉLISANDE“

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Simon Keenlyside, Maria Nazarova. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Mehr als ein Vierteljahrhundert war dieses Werk nicht mehr auf der Bühne der Wiener Staatsoper zu finden. Zum Lieblingsstück des Publikums brachten es die bisherigen Produktionen nicht, trotz der legendären Zusammenarbeit von Günther Schneider-Siemssen und Herbert von Karajan oder des späteren Dirigats von Claudio Abbado. Der Komponist begehrte schon zu seiner Zeit gegen liebgewordene Hörgewohnheiten auf und in einer immer lauteren Zeit hat es eine Oper, bei der erst knapp vor der Pause auch Fortissimostellen auftauchen, nicht leichter. Dazu kommt, dass das Werk sehr vom Text (und noch mehr vom nicht Geschriebenen) abhängig ist, was beim ersten Hören sicher eine zusätzliche Barriere darstellt.

Oberflächlich betrachtet ist es eine einfache Dreiecksgeschichte: Zwei Halbbrüder lieben dieselbe Frau und der eine tötet aus Eifersucht den anderen. Aber was im Troubadour zu großer Geste gerät, ist hier in vielen Punkten nur rätselhaft angedeutet. Schon wer diese Frau eigentlich ist, woher sie kommt und was ihre Vergangenheit ist, wird verschwiegen. (Der Regisseur fügt noch zusätzliche Rätsel hinzu: Wer ist der tote Mann am Strand im ersten Bild, wo doch kein Mackie Messer um die Ecke biegt ?) In diesem mystischen Dunkel liegt aber zugleich der Reiz des Werkes. Das düstere Schloss Allemonde, in dem man die Sonne nicht sehen kann und das verborgene Zisternen und Grotten hat, ist in der szenischen Realisation von Marco Arturo Marelli von Wasser beherrscht. Im Zentrum der Bühne ist ein großes Wasserbecken, in dem auch kleine Boote navigieren können. (Angesichts der derzeitigen Temperaturen ein besonders hübscher Einfall.) Die Assoziation ist naheliegend, spielen doch viele der Szenen am Wasser. Der Nachteil dieser szenischen Lösung ist, dass manche Szenen nur sehr seitlich stattfinden können und für viele im Publikum nicht sichtbar sind.

Nicht weiter überraschend ist, dass die komplette Besetzung ihre Partien erst zum zweiten Mal an der Staatsoper singt. Da ist Olga Bezsmertna die unbekannte Fremde mit ihrem gut geführten Sopran, der manchmal vielleicht zu wenig jungmädchenhaft klingt. Aber ist Mélisande überhaupt ein junges Mädchen ? Dafür gelang es ihr diesmal, im Gegensatz zur Premiere, den Ring zum rechten Zeitpunkt in den Brunnen fallen zu lassen. Ein echtes Erlebnis ist der Golaud von Simon Keenlyside mit ausdrucksstarkem Bariton, auch wenn ihm der Regisseur eine Entwicklung vorenthält. Schon zu Beginn probt er einen Selbstmord, den er am Ende nochmals versucht und da ein Flachmann sein treuer Begleiter ist, scheint ihn Marelli als Alkoholiker zu sehen. Der Pelléas ist eine zwischen Tenor und Bariton schwebende Partie. Für einen Tenor an vielen Stellen sehr tief, fordert er aber für einen Bariton ziemlich extreme Höhen. Adrian Eröd mit seinem hellen Bariton hat da keine Probleme, diese sogar im Piano anzusetzen. Darstellerisch glaube ich ihm den jungen unerfahrenen Prinzen nicht ganz.

Die restliche Besetzung lässt Marelli viel öfter auf der Bühne agieren, als das Libretto vorsieht. Das macht aber durchaus Sinn, denn warum soll sich beispielsweise der Arzt (Marcus Pelz)  nicht um den kranken Arkel kümmern (auch wenn der Infusionsgalgen entbehrlich wirkt) oder den verletzten Golaud untersuchen ? Ein echter Glücksfall ist der kleine Yniold von Maria Nazarova. Sie ist sozusagen der lebendige Teil des tristen Schlosses und interagiert perfekt mit den anderen Bewohnern. Natürlich kommt der gesangliche Teil dabei nicht zu kurz. Auch Bernarda Fink als Geneviève hat öfter stumme Auftritte zu absolvieren, um die Balance in der Familie halbwegs ins Lot zu bringen. In ihrer zentralen Stelle im zweiten Bild lässt sie einen schönen Mezzo erklingen. Der alte König Arkel wird von Franz-Josef Selig mit profundem, weichen Bass gesungen. Damit seine Blindheit auch augenfällig wird, muss er natürlich eine Sonnenbrille tragen …

Die Kostüme von Frau Dagmar Niefind sind insgesamt zwischen belanglos und hässlich anzusiedeln. Die Sänger brauchen sich aber nicht schlecht behandelt zu fühlen, bei der Premiere präsentierte sich die Dame in einem ähnlichen Outfit.

Das Problem mit dem Vorhang, das in der Premiere im dritten Akt eine ungeplante Unterbrechung verursachte, ist glücklicherweise behoben, denn die Idee, die Sicht auf die Bühne wie durch eine sich öffnende Kamerablende zu ermöglichen, ist sehr ansprechend.

Alain Altinoglu ist dem Werk ein sehr guter Anwalt und zeichnet die filigranen Linien der Partitur mit viel Hingabe nach. Da die Dynamikanweisungen selten große Lautstärke fordern, sind auch die Sänger bei ihm gut aufgehoben und sie können ohne Druck und durchgehend mit guter Diktion singen. Ganz kurz darf auch der Chor aus dem Off Seemannsrufe produzieren.

Wolfgang Habermann

 

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