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WIEN/ Staatsoper: PARSIFAL – Szenisch wie dirigentisch ein lähmender Abend

30.03.2017 | Oper

Richard Wagners „PARSIFAL“an der Wiener Staatsoper – Szenisch wie  dirigentisch ein lähmender Abend

Premiere 30.3.2017

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Nina Stemme. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Alvis Hermanis: Er ist der dritte Regisseur an der Wiener Staatsoper, der seit der tumultösen „Il Trovatore“-Inszenierung des Jahres 1993 von István Szabó und der ebenfalls damals höchst umstrittenen „Frau ohne Schatten“-Inszenierung des Robert Carsen aus dem Jahr 1999 seiner Inszenierung einen besonderen Wien-Bezug geben wollte. „Unser ‚Parsifal‘ findet im Otto Wagner Spital des 20. Jhts statt. Die Stadt war damals so bedeutend wie heute Silicon Valley … Wien war … in der Wissenschaft und der Kunst der Wegbereiter des 20. Jahrhunderts, es gab hier eine intellektuelle Konzentration. Die Menschen waren gewissermaßen nah dran, den Gral zu finden…“, so Hermanis in einem Interview mit der „Wiener Zeitung“.

Szabó wie Carsen  haben mich seinerzeit mit ihren Konzepten überzeugt. Szabó wollte zeigen, wie ein Werk die zerbombte Wiener Oper nach einem Kriegstrauma wieder zum Leben erweckt. Die Wiener wollten damals aber keine Trümmer-Inszenierung sehen – dazu kam eine nach etlichen Umbesetzungen im Vorfeld höchst verunglückte musikalische Umsetzung durch eine mehr als durchwachsene Sängerbesetzung. Ein Debakel, wie auch Ex-Operndirektor Joan Holender zugab. Und Carsens Inszenierung war einfach ein Streitfall mit ihrer Sigmund-Freud-Schlagseite.

Aber, wie das  mit „konzept-lastigen“ Inszenierungen oft so ist: Stilbildend sind sie selten für eine längere Dauer und damit in Repertoire-Theatern schwer einzugliedern! Götz Friedrichs „Moses und Aron“ 1973, Alfred Kirchners „Chowanschtschina“ 1989, Willy Deckers „Billy Budd“ 2001 oder die Uraufführung von Reimanns „Medea“ in der Inszenierung von Marelli 2010 beispielsweise, waren besondere Glücksfälle! Repertoire-Theater haben da eher ein Problem als Stagione-Häuser…

Nun also Alvis Hermanis‘ Sicht von Wagners ‚Parsifal‘. Im Wien der auslaufenden Habsburg-Monarchie verlegt er die Handlung ins Otto-Wagner-Spital auf die Baumgartner Höhe. Die Gralsritter als „mut- und führerlose“ Schar, alt gewordene, psychisch kranke Patienten. Religiöser Wahn? Opfer eines Keuschheits- und Reinheitskultes? Woll(t)en sie sich in weltferne Esoterik retten? Kann spannend werden, so mein erster Gedanke.

Zwei Ärzte (Gurnemanz, der „gute Arzt“, Klingsor, der „böse Arzt“.  Amfortas, Kundry: Patienten. (Letztere wird die „Stationen zweimal wechseln, wird im ersten Aufzug nach der Stelle: „Schlafen, schlafen, ich muss…“ vom bösen Arzt eigenhändig in die andere Krankenstation geschoben)…

(Persönlicher Einschub: Ein morgendlicher Spaziergang am Premierentag im Gelände der Psychiatrie auf der Baumgartner Höhe und dann hinauf zur Otto-Wagner-Kirche. Absolute Ruhe, bewölkter Himmel. Die suggestiv-ernste Jugendstilästhetik des Bauwerks:  Da möchte man sich ‚Montsalvat‘ zu Beginn des „Bühnenweihfestspiels“ schon imaginieren…)

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Rene Pape, Christopher Ventris. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Von Richard Wagner also ansatzlos zum „(Otto)Wagner Spital“:

Vorspiel „Erster Aufzug“: Der Vorhang ist bereits offen (nicht erst nach Takt 110, wie Wagner angibt), das heißt, die Orchester-Einleitung wird wieder einmal inszeniert: Schöne Jugendstilfassade (ein Fenster gibt sogar den Blick auf einen Baum frei). Innen aber ein typisch trister Massen-Schlafsaal damaliger Spitäler, das Büro des Chefarztes liegt unmittelbar davor. Schreibtisch, Jugendstil-Lampe, die Skulptur eines Gehirnes als Schreibtisch-Schmuck. ‚Gurnemanz‘ ist der „gute Arzt“ und „Gott in Weiß“ (ein Glücksfall vom ersten Ton an der souveräne, wortdeutliche, samtstimmige Einspringer René Pape). Der Chefarzt ist offensichtlich ein Wagner-Fan, hört sich frühmorgens (die Patienten erwachen einer nach dem anderen) über Grammophon Wagners „Parsifal“-Vorspiel an. „Gralsgebiet/Wald“ ist vermutlich der Park der Krankenhausanlage (Den wird man in dieser Inszenierung nie zu Gesicht bekommen). „He! Ho! Waldhüter ihr, …, so wacht doch mindest am Morgen!“ Gemeint sind zwei Krankenschwestern (1./2. Knappe, sehr präzise: Ulrike Helzel, Zoryana Kushpler) und zwei Krankenpfleger (3./4.Knappe, sehr eindringlich: Thomas Ebenstein, Bror Magnus Tødenes), letztere erweisen sich sehr bald als sadistisch und hasserfüllt der Patientin ‚Kundry‘ gegenüber. Zwei ziemlich arrogante Stationsärzte (1./2. Gralsritter, sehr prägnant: Benedikt Kobel, Clemens Unterreiner) begrüßen Gurnemanz, den „Gott in Weiß“. Kundry (Schizophrenie-Patiention?) wird in Zwangsjacke hereingeführt und, ungeachtet ihrer Balsamhilfe für den Mitpatienten Amfortas, in ein Gitterbett gesperrt.

Bis dahin gibt‘s Hoffnung auf eine spannende, stilbildende „Parsifal“-Interpretation. Doch dann geht es los mit all den Ungereimtheiten in wieder einmal einem Einheitsbühnenbild, wenn ein „Regiekonzept“ der Theaterrealität nicht standhält. Nicht einmal regie-handwerklich bewältigt wird! Wagner hat im „Parsifal“ zwei Verwandlungsmusiken geschrieben. ‚Gurnemanz‘ erklärt dem ‚Reinen Toren‘ des ersten Aufzugs ein Vierteljahrhundert vor Albert Einsteins Relativitätstheorie das Phänomen: „Zum Raum wird hier die Zeit!“ Hermanis schiebt einfach Gittertüren ein bisschen hin und her – das soll Wagners Verwandlungszauber sein? Ziemlich dürftig. Genauso im dritten Aufzug. Da schreiten – nein: schlendern – die Ritter (lächerliche Flügelhelme auf dem Kopf) durch eine schmale Tür mit der Aufschrift „Zeit“ in die „Gralsburg“sprich: wieder den vorderen Spitalsraum.  Verwandlungen, Theaterzauber, stell ich mir bei den bühnentechnischen Möglichkeiten des 21. Jhs nicht derart banal und kreativbefreit vor…

Ab dem zweiten Aufzug wird‘s endgültig skurril: Im Klingsor-Akt muss für den zynischen Psychoanalytiker natürlich eine Sigmund-Freud-Couch her, auf der Kundry eine Analyse über sich ergehen lassen muss. Aber auch die tote Herzeleide liegt hier. Parsifal wird so postmortal eine Begegnung mit der Mutter zuteil. Die Blumenmädchen sind vorerst auch unter Leintüchern auf den Seziertischen versteckt. Die Szene mit Parsifal:  Sehr unbequem auf den Sezierwägen Klingsors. ‚Parsifal‘ zu den Mädchen: „Lasst ab, ihr fangt mich nicht!“. Parsifal sitzt. Die Mädchen sitzen. Ein völlig statisches Fangenspiel. Keine Blumen – der „holde Duft“ kann wohl nur von einem Desinfektionsmittel herrühren. Noch nie habe ich übrigens derart unerotische Verführungsversuche der Blumenmädchen und auch Kundrys gesehen. Die sängerisch grandiose, explosive Nina Stemme war zu bedauern. Läppisch auch Aue und Karfreitags-Zauber, wenn wieder einmal die Diavortrags-Maschinerie angeworfen wird („Video“: Ineta Sipunova). Ein Foto mit einer Art Wandteppich mit kitschigem Muster samt Blümchen-Abschlussrand (würde eine Volksschullehrerin vermutlich sagen).

Lähmend war der Abend durch Hermanis‘ einfallsloses Steh-, Sitz-, Kriech-  und Zeitlupentheater.  Dazu hätte es kein „Konzept“ gebraucht. Dafür wurde der lettische Inszenator mit einem heftigen Buhkonzert bedacht.

Lähmend war der Abend aber auch durch das uninspirierte, anämische Zeitlupen-Dirigat von Semyon Bychkov. Er zerdehnte Wagners Musik oft fast bis zum Stillstand bzw. zur Unhörbarkeit, zelebrierte das Bühnenweihfestspiel mit geradezu einschläfernden Tempi, arbeitete fast nur mit dem Weichzeichner. Das Wiener Staatsopernorchester bemühte sich mehr als fünf Stunden lang, diese Tempovorgaben mit Edelklang – und Leben – zu erfüllen. Das war Schwerstarbeit diesmal.

Wenn man sich die Mühe macht, die „Parsifal“-Partitur genauer anzuschauen, so wird man besonders oft die Angaben: „Ruhig, ohne Dehnung“, „Nicht schleppen“, „Etwas belebend“ oder „Noch mehr beschleunigen“ finden. All das schien Bychkov völlig zu ignorieren. Auch oftmals publizierte Warnungen des Wagner-Enkels Wofgang Wagner an Dirigenten vor der Gefahr des Schleppens scheint Bychkov nicht zu kennen. Die Sängerbesetzung wurde von ihm rücksichtslos an  die absolute Grenze des Singbaren und atemtechnisch Bewältigbaren getrieben.

Die Quittung bekam Bychkov bereits nach beiden Pausen, als sich in den Beifall unüberhörbar Buhrufe mischten, die beim Schlußvorhang zusätzliche Phonstärke erreichten. Bravorufer hielten dagegen.

Die stärkste Leistung kam unter diesen ungünstigen Umständen von René Pape, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und einen prachtvollen ‚Gurnemanz‘ sang. Entwicklung macht dieser Gurnemanz zwischen erstem und drittem Aufzug keine durch. Er ist genau um einen Akt älter – und das schien Hermanis zu genügen. Pape wurde verdientermaßen besonders umjubelt (ab der 3. Aufführung wird Kwangchul Youn singen, der ursprünglich vorgesehene deutsche Bass Hans-Peter König, musste die gesamte Premierenserie absagen). Gefolgt von Nina Stemme, die in bewundernswerter Weise dennoch eine berührende Wanderin zwischen den Welten sang und darstellte. Sie trug auch das „Kleine Schwarze“ als Dienerin des 3. Aufzuges mit Anstand (Kostüme: KristineJurjane). Christopher Ventris war ein erfahrener Rollenvertreter als Parsifal, den er in Wien bereits in der 3. Inszenierung singt. Diesmal war es gewiss am schwierigsten, so von der Regie und vom Dirigenten im Stich gelassen. Sein Tenor klang diesmal eher monochrom. Dem erbarmungswürdigen Amfortas Gerald Finley wurde oben angeführtes Kriechtheater zugemutet. Mit balsamweichem Bariton bewältigte er seinen schwierigen Part, die ‚Erbarmen‘- Rufe und das ‚Heraus die Waffen‘, bravourös. Auf seinen König Lear in Aribert Reimanns Oper bei den Salzburger Festspielen kann man gespannt sein. Als ‚Titurel‘ erfreute Jongmin Park mit schwarzem Bass. Als ‚Klingsor‘ wüsste ich bessere Besetzungen als Jochen Schmeckenbecher, der mit Vokalverfärbungen beträchtliches Tremolo überdecken wollte. Die Blumenmädchen konnten nichts dafür, dass sie derart unerotisch im Spitalsambiente wirkten. Sie sangen jedenfalls sehr präzise. (Ileana Tonca, Olga Bezsmertna – sie derzeit im Dauereinsatz! – , Margaret Plummer, Hila Fahima, Caroline Wenborne, Ilseyar Khayrullova). Für die Stimme von oben steuerte Monika Bohinec die rechten pastosen Töne bei. Die gesamte Besetzung wurde heftig akklamiert.

Der Chor der Wiener Staatsoper hatte glücklicher Weise nicht auch noch den Weichzeichner dabei und gestaltete seine Szenen kräftig, markig, stimmschön (Einstudierung: Martin Schebesta).

Da diese Regie mit dem Wien-Bezug garantiert nicht weiter verkäuflich sein wird (in Aix-en-Provence z.B. wird man sich eher nicht so sehr für Steinhof interessieren!), werden die Wiener Opernfreunde wohl längere Zeit mit dieser misslungenen Inszenierung leben müssen …

Karl Masek

 

 

 

 

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