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WIEN/ Staatsoper: „ONEGIN“ – DAS STAATSBALLETT HAT EINE NEUE TATJANA

03.03.2017 | Ballett/Tanz

WIEN UND SEIN STAATSBALLETT HABEN EINE NEUE TATJANA (1. März 2017)

Geschrieben von Norbert Weinberger

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Onegin bereut, Tatjana verzichtet (Peçi, Yakovleva) © / Ashley Taylor

Crankos „Onegin“ kann man nicht oft genug sehen. Aktuell erfreute Eno Peçi als „L’homme blasé, der schon allein durch seine weit ausgreifenden Arme die ständig abwehrende Distanz zur Umwelt ausdrückt. Oder Natascha Mair als Olga. Ein süßes Mädel, sogar wienerisch im Ausdruck. Denys Cherevychko als Lenski, ist ein „Prince charming“, der alle Schwierigkeiten weglächelt, bis ihn der nahende Tod zu Boden drückt. Um die Spannung zu erhöhen: Das Allerneueste zuletzt: Maria Yakovleva, Erste Solotänzerin als Tatjana. Rührend, beeindruckend, hinreißend; ein Feuerwerk an Emotionen entzündend im finalen Pas de deux zwischen Tatjana und Onegin. Ein weiterer Stern im reichen Repertoire von Solo- und Titelrollen Yakovlevas.

Wäre es nicht wieder einmal an der Zeit, trotz aktueller Ballettfreuden, einen Blick zurück zu werfen, anlässllich einer so wichtigen Rollen-Neubesetzung, eines der beiden einzig bestehenden John-Cranko-Werke im Repertoire des Wiener Staatsballetts – (hoffentlich bald wieder am Spielplan sein Ballett „Romeo und Julia“). Aus dem Triumvirat der ganz Großen des vorigen Jahrhunderts, war Cranko ganz bestimmt und unbestritten einer der wichtigsten Erzähler von Geschichten im sogenannten Genre des Handlungsballetts! Von gleichem Rang, ebenso großartig und überbordend kreativ mit dabei Kenneth MacMillan. Aus dieser Trias verbleibt uns zum Ballett-Glück – zu guter Letzt – noch immer einzig als „Fackelträger“ John Neumeier! (der ebenfalls ein „Onegin“ Ballett, unter dem Titel „Tatjana“ kreiert hat, UA 2014 beim Hamburg-Ballett).

Für den berühmten Vers-Roman Alexander Puschkins aus 1833 als Ballett-Vorlage, hatte sich Cranko Mitte der Sechziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts entschlossen. Damit hatte er eines der zentralen und psychologisch reifsten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts geschaffen (Uraufführung Stuttgart April 1965 1967 revidiert). Die Besetzung der Uraufführung konnte man sich kaum weniger glanzvoll besetzt vorstellen, als mit Marcia Haydée, Ray Barra, Egon Madsen! An solch turmhohem Rang hatten sich eigentlich sämtliche nachgefolgten Tänzerinnen und Tänzer überall auf der ganzen Tanzwelt bis heute zu messen.

Jetzt hat sich Maria Yakovleva, Erste Solotänzerin des Wiener Staatsballets, selber in einem „Grand Pas“ zur Tatjana herausgefordert mit ihrem Rollen-Debut. Ein diffiziles Charakter-Portrait ist bereits vorgezeichnet als Roman-Figur bei Puschkin! „Masha“ Yakovleva war damit am Riesen-Sprung zur technisch so anspruchsvollen, facettenreichen und vor allem emotional außerordentlich schwierigen Rolle, einer echten „principal role!“! Mehr als ein Jahrzehnt zuvor, am 8.4.2006 war Yakovleva noch in der Rolle der zierlichen, federleichten Olga auf den hiesigen Bühnenbrettern zu sehen. 
Der damalige Wiener Staatsopern-Abend vereinte die zarte Russin, (hervorgegangen aus der Waganowa-Akademie sowie dem St. Petersburger Mariinski-Ballett), zusammengespannt mit Stargast-Solisten des Stuttgarter Balletts: Jiri Jelinek tanzte damals einen imposant auftrumpfenden Onegin; ebenfalls aus Stuttgart kommend, ihm zur Seite als Tatjana die Koreanerin Sue Jin Kang, deren rollendeckende finale Verzweiflung besonders berührte.

„Ballett auf hohem Niveau in Darstellung und Stil“…! („Die Presse“) stand damals fest für das zweite Paar, mit Yakovlevas Olga und Eno Peci als Lenski, sie demonstrierten erfolgreich ihre Qualitäten.

Gar nicht so einfach alle seelischen Wandlungen der Romanfigur der Tatjana zu erfühlen, zuerst vom jungen schwärmerischen Mädchen für den Gutsnachbarn Onegin und ihre unerfüllte Liebe zu ihm. Und zu spät – zur reifen Frau mit Verantwortung, ein Konflikt der zuerst Abweisenden, mit sich Kämpfenden. Und dann final, doch standhaft und treu den angetrauten Gatten nicht verlassen zu können. Diesen emotionellen Spagat, muss man tänzerisch und schauspielerisch vollinhaltlich ausdrücken können! Yakovleva war sichtbar auf dem richtigen Weg bei ihrem Rollen-Debut.

Irgendwie aus der Zeit gefallen sind mir die zu üppigen Dekors von Elisabeth Dalton. Die umgebende Natur, der Garten von Madame Larina und das Duell-Bild, hätten auch für „Giselle“ Gültigkeit. Die pompös voluminöse Portieren sämtlicher Interieurs wirken, wie tief herab hängende dunkle Gewitterwolken und dräuen stets wie Vorboten des Unheils am Horizont.

Wieder einmal war festzustellen: Onegin ist und bleibt ein absolutes Meisterwerk mit choreographischen und vor allem emotionellen und schauspielerischen höchsten Ansprüchen, speziell in allen der Pas de deux. Dirigent Guillermo Garcia Calvo schlug durchwegs tänzer-freundliche Tempi an, einige chorische Tanzstücke für das Ensemble im Schluss-Akt klangen etwas zirkushaft und grell.

John Cranko: „Onegin“ Ballett in drei Akten, nach Alexander Puschkin zur Musik von P. I. Tschaikowsky. In den Hauptpartien: Maria Yakovleva (Debut), Eno Peçi, Denys Cherevychko, Natascha Mair. Dirigent: Guillermo Garcia Calvo. 1. März 2017, Staatsoper. 
Nächste Vorstellungen in wechselnder Besetzung: 4., 22. März. 4., 10., 12. April.

Norbert Weinberger

 

 

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