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WIEN / Staatsoper: Mozarts DON GIOVANNI mit Haus- und Rollendebüts

26.11.2019 | KRITIKEN, Oper

Ludovic Tessier (Don Giovanni) mit Hanna-Elisabeth Müller (Donna Anna). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn.                                                      

WIEN / Staatsoper: Mozarts DON GIOVANNI

57. Aufführung in dieser Inszenierung

25. November 2019

Von Manfred A. Schmid

„Die Oper aller Opern“ hat E.T.A. Hoffmann Mozarts Dramma Giocoso genannt. Da ist was dran. Don Giovanni hätte sich an der Wiener Staatsoper jedenfalls eine bessere Inszenierung verdient als die von Jean-Louis Martinoty aus dem Jahr 2010. Sie ist – bis auf die schaurig-feurige Höllenfahrt am Schluss – glanzlos, was auch vom durchwegs düster gestalteten Bühnenbild Hans Schavernochs unterstrichen wird. Nur für das Gastmahl hat sich Monsieur Martinoty etwas Neues, Brauchbares einfallen lassen. Wie hier der Verführer par excellence den Tisch, an den er den von ihm getöteten Komtur zum Diner einladen wird, ausgerechnet vor dessen Grabmal aufbauen lässt (Abenteuer-Catering an ungewöhnlichen Schauplätzen, was für ein Marketing-Gag), passt gut zu seiner respektlosen, freigeistigen, blasphemischen Einstellung und bietet die geeignete Bühne für einen packenden Abgang.

Musikalisch kann man mit dem Auftakt zur aktuellen Aufführungsserie hingegen durchwegs zufrieden sein. Gesanglich recht homogen und in einer gelungenen Mischung aus bewährten Kräften aus dem Ensemble und zwei erfreulichen Hausdebüts präsentiert sich die Sängerriege. Mit Adam Fischer am Dirigentenpult kann das Staatsopernorchester wieder einmal zeigen, dass es nicht nur für Richard Strauss, sondern auch für Mozart eine gediegene Heimstätte ist. Fischers Mozart klingt klassisch-frisch, nicht romantisch aufgeladen. Fischer schöpft aus dem Vollen und sorgt dennoch für die nötige, kammermusikalische Transparenz. Besonders gelungen sind die Gesangsensembles – Quartette, Quintette und Sextette, die er mit einem guten Gefühl für die Tempi begleitet.

Federica Lombardi, die sich in den letzten Jahren international vor allem als Donna Elvira einen Namen gemacht hat, ist in dieser Rolle auch in Wien schon aufgetreten. Allerdings nicht im Opernhaus, sondern Anfang September im Konzerthaus, im Rahmen des Mozart-Da-Ponte-Zyklus von Teodor Currentzis. Nun also ihr Hausdebüt im Haus am Ring. Als sitzengelassene Frau hin und her schwankend zwischen Rachegefühlen und weiter bestehender emotionaler Bindung an den Verführer, stellt sie die Zerrissenheit dieser Figur glaubwürdig dar. Grandios ihre Arie „Mi tradi quell’alma ingrata“, Zeugnis ihrer entschlossenen Unentschlossenheit. Lombardis Sopran ist in der Höhe stets sicher, besitzt ein angenehmes Vibrato mit warmer Färbung. In der Tiefe fehlt es ihrer Stimme zuweilen etwas an Durchsetzungskraft, was sich in der Arie „Ah! Chi mi dice mai“ vernehmbar macht.

Erstmals an der Staatsoper zu erleben ist auch Hanna-Elisabeth Müller, die als Donna Anna mit ihrem in vielen Farben leuchtenden Sopran punkten kann. Eine schön ausgewogene Mittellage, von der aus sie ihre Stimme mühelos nach oben und unten entfalten kann. Ihr Gesang vermittelte die Sorgen und Nöten einer zutiefst verletzten Frau. Stark ihre Gestaltung der Arie „Non mi dir“.

Die dritte Frau im Bunde ist das lebens- und liebeshungrige Bauernmädchen Zerline, darstellerisch und gesanglich hervorragend gestaltet von Andrea Carroll. Eine aparte Mischung aus Charme und Naivität, dargeboten mit lyrischer Grandezza. Dieses Ensemblemitglied empfiehlt sich jedenfalls für Rollen im schwereren Repertoire. An ihrer Seite als Bräutigam Masetto kommt wiederum Clemens Unterreiner im Einsatz. Stimmlich bewältigt er die Partie zur vollsten Zufriedenheit. Den Jungbauern nimmt man ihm aber nicht ab. Das liegt zum einen an seiner ausgeprägten Persönlichkeit, in diesem Fall aber auch an seiner Kostümierung, die – mit weißem Anzug und schwarzem Hemd – eher an einen Mafioso oder Vorstadtcasanova denken lässt.

Eine bewährte Hausbesetzung als Don Ottavio ist Jinxu Xiagou. Ein bisschen phlegmatisch in der Darstellung, stimmlich aber mit seinem hellen, höhensicheren Tenor ein guter, etwas eindimensional angelegter Don Ottavio. „Il mio tesoro“ überzeugt auf allen Linien, „Dalla sua pace“ offenbart zuvor noch Anlaufschwierigkeiten.

Peter Kellner (Leporello) mit Clemens Unterreiner (Masettto) und Bühnenmusikerinnen beim Fest.

Paul Dumitrescus Commendatore fehlt für diese Rolle nicht nur die stimmliche Statur, sondern auch die nötige Ausstrahlung. Auch in seinem Fall ist die Kostümierung der geforderten äußerlichen Erscheinung alles andere als dienlich: Er tritt im flatternden Morgenmantel auf. Davon kann auch Ludovic Tézier ein Lied singen, der als Don Giovanni u.a. mit einem hellschimmernden Gewand aus Seide ausgestattet ist, das – wie ein Kritiker schon bei der Premiere feststellte – aus dem Fundus des schillernden Unterhaltungskünstlers Liberace stammen könnte. Vielleicht mit ein Grund dafür, wieso er die Champagnerarie so hastig abspult. Die dunkle, abgründige Seite des skrupellosen Verführers sucht man bei ihm freilich vergeblich. Eher denkt man bei ihm an einen bürgerlichen Schwerenöter mit ausgeprägter, gesunder Libido. Mit seinem dunkel schattierten Bariton strahlt er zudem eine Wärme aus, die ihn fast sympathisch erscheinen lässt. Fein erklingt seine Serenade „Deh, vieni alla finestra, o mio tesoro“, erwähnenswert auch seine führende Rolle in Ensemblenummern, etwa im Sextett „Sola, sola in bio loca“.

Ein weiteres Rollendebüt gibt Peter Kellner als Leporello. In seiner noch kurzen Zeit als Mitglied des Ensembles der Staatsoper hat sich der junge slowakische Bass schon in unglaublich vielen Rollen ausgezeichnet und seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Nun also der Schritt in die Oberliga. Die Bariton-Partie fordert von einem Bass eine ausdrucksstarke Höhe. Kellner bewältigt diese Herausforderung auch weitgehend gut. Nur manchmal klingt er etwas rau und unbalanciert. Darstellerisch ist es eine Freude, wie er sich auf der Bühne bewegt und mit seinem schweren Job als Diener des verruchten Don Giovannis hadert, ihm zunächst als Herzensbrecher gerne nachzueifern versucht, bis er sich letztendlich angewidert von ihm abwendet. Ein Anfang ist gemacht. Um in diese Rolle stimmlich richtig hineinzuwachsen, wird es noch einige Zeit brauchen.

Gedankt wird mit herzlichem Applaus.

25. November 2019

 

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