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WIEN / Staatsoper: MANON LESCAUT

21.06.2016 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
MANON LESCAUT von Giacomo Puccini
33.
Aufführung in dieser Inszenierung
20.
Juni 2016

Anna Netrebko wieder einmal live in Wien und in einer Rolle, in der man sie hier noch nicht gehört hat. Das füllte die Wiener Staatsoper bis zum letzten Stehplatz, wobei allerdings interessanterweise vor dem Haus überraschend viele Karten angeboten wurden. Dass es gerade von dieser Serie – vermutlich der begehrtesten der ganzen Spielzeit – keinen LiveStream gibt, wird die Netrebko-Fans sehr traurig machen. (Kann man nicht noch rasch etwas daran ändern?)

Nach Massenets Manon für die Netrebko nun die (dramaturgisch weniger überzeugende) Manon Lescaut von Puccini. Verismo pur und auch sehr laut, und das liegt Anna Netrebko derzeit, deren Stimme mittlerweile vor allem in der Mittellage so dunkel ist, dass sie Kolleginnen aussticht, die sich „Mezzosopran“ nennen. Tatsächlich bleibt die Stimme auch in den zahllosen strahlenden, wie eine Attacke eingesetzten Höhen noch immer wie dunkles Gold – ehrlich gesagt, wie ein Sopran klingt sie einfach nicht mehr.

Sie hat ihrer Stimme zwischen Lady Macbeth und Elsa (dem bekannten Triumph neulich in Dresden) viel abverlangt und wohl auch zugemutet – allein mit diesen zwei  Rollen, von denen man nie gedacht hat, dass beide aus ein- und demselben Kehlkopf kommen können. Man würde sich als Zuhörer und Anna Netrebko als Betroffene in die Tasche lügen, wenn man sagte, dass ihre Stimme gänzlich unbeschädigt geblieben ist. Sie hat natürlich ihre bekannt gute Technik (und liebt es, sie demonstrativ vorzuführen, etwa im Gleiten vom Forte ins Piano), aber die Gesangslinie ist nicht mehr durchwegs makellos – da will man die Details, die man natürlich hört, nicht aufzählen, weil sie angesichts der Gesamtleistung dann nicht ins Gewicht fallen. (Manches geht aber einfach nicht mehr, wie man anlässlich des „Red Ribbon“-Konzerts bei der Nedda-Arie feststellte.) Noch ist es nicht so weit, dass eine große Sängerin anfangen muss, ihren Ruhm zu verzehren und das Publikum dem Namen klatscht und nicht der konkreten Leistung. (Es „kommt der Tag, Octavian“, mancher Sänger macht es uns vor.)

Was an der Netrebko immer fasziniert, ist die Ungehemmtheit, mit der sie sich in ihre Rollen „wirft“, oft zu schonungslos – wenn sie sich im zweiten Akt noch und noch sexy am Boden räkelt, möchte man ihr zurufen: Danke, es reicht schon. Aber ihre Präsenz, ihr voller Einsatz sind schlechtweg mitreißend. Glaubt man ihr das brave Mädchen mit Pullmannkappe, das im 1. Akt ankommt (in der Mode-Galleria, die Robert Carsens Inszenierung prägt), vielleicht nur halb, ist sie voll und ganz die mondäne Edelnutte des 2. Aktes, die ihre Gewänder (zuerst, ganz in Rot, Glitzer und Federn, ein Carmen-Ersatz, dann in Schwarz-Silber-Gold) ebenso genießt wie ihren Schmuck und das mondäne Leben, von Party und Fotografen umschwirrt. Die verwirrte Gefangene in Handschellen im dritten Akt und vor allem die Sterbende des letzten Aktes gewinnen dann  weitere Dimensionen – es ist, wenn auch eher plakativ als fein gezeichnet, die opernhaft entsprechende Entwicklung eines Charakters in einer knalligen Verismo-Umwelt. Die Netrebko ist auf der Bühne, wenn man sie lässt (so wie hier), ein Power-Ereignis. Man sollte sie gesehen, sollte sie erlebt haben.

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Marcello Giordani haben wir vor allem in letzter Zeit leider nicht so oft live gesehen, aber man kennt ihn aus seinen Glanzjahren vor allem von den Met-DVDs: ein Künstler von wunderbar menschlicher Ausstrahlung, nicht mehr der schlanke, junge, wendige Liebhaber, wohl aber der intensive, glaubhafte, anteilnehmende, leidende. Stimmlich wirkte er an diesem Abend wie ein Sänger, der seine gesamte Kraft aufbieten musste, um mit der Netrebko mitzuhalten, was ihm in den Höhen immer wieder gelang (da leuchtete auch von Zeit zu Zeit sein wunderschönes Timbre auf), während er in der Mittellage Defizite hören ließ. Aber auch hier überzeugte die Persönlichkeit, nicht zuletzt, weil er mit seiner Partnerin so gut zusammen passte.

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Die dritte sehr starke Persönlichkeit des Abends war Wolfgang Bankl als Geronte, den er schon 2005 bei der Premiere dieser Produktion gesungen hat. Da steht ein eisenharter Mann auf der Bühne, der sich nimmt, was er kaufen kann, und gnadenlos zynisch und brutal rächt, wenn er es letztlich doch nicht bekommt. Bankl kann die „Fiesheit“ dieses Charakters allein durch die Stimme vermitteln, obzwar er (man denke an seinen Klingsor) eine natürliche Begabung und Ausstrahlung für „Bösewichte“ hat (das soll, bitte, ein Kompliment an einen Sängerdarsteller sein).

In den Nebenrollen machte Carlos Osuna als Edmondo positiv auf sich aufmerksam, David Pershall als Lescaut hingegen leider gar nicht, das klang nach einem Ausfall.

Wer je über die Lautstärke von Gustavo Dudamel bei der „Turandot“ gelästert hat, der sollte sich anhören, welches Verismo-Inferno Marco Armiliato an diesem Abend entfesselte (das erste Mal übrigens, dass man ihn aus einer Partitur dirigieren sah – was an den alten Karl Böhm-Witz erinnert: „Warum soll ich auswendig dirigieren? Ich kann ja Noten lesen.“). Tatsächlich war Armiliato weit weniger „behutsam“, als er mit „seinen“ Italienern sonst umgeht, was sich auch aus zwei Hauptdarstellern erklärt, die ihm wie zwei Wildpferde dramatisch davon galoppierten – da musste er einfach einen dicken, manchmal grob gewebten musikalischen Teppich darunter ausbreiten. Dass es auch delikater geht, bewiesen er und das Orchester mit dem Vorspiel nach der Pause.

Laut war dann auch der Applaus. Anna Superstar funktioniert noch immer.

Renate Wagner

 

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