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WIEN/ Staatsoper: MANON LESCAUT

23.06.2016 | Oper

WIEN: MANON LESCAUT – Staatsoper, 23.6.2016

(Heinrich Schramm-Schiessl)


Marcello Giordani. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Immer wenn vor Beginn einer Vorstellung der Schweinwerfer auf das Bühnenportal gerichtet wird, gibt es etwas Unangenehmes zu hören. Meist ist es die Bekanntgabe einer Indisposition oder gar einer Umbesetzung. Diese Angst war dieses Mal gleich dahin, da Direktor Meyer nicht, wie sonst, allein, sondern gemeinsam mit Wolfgang Bankl vor dem Vorhang erschien. Die Nachricht, die er zu überbringen hatte, war allerdings erschütternd. Er musste dem Publikum mitteilen, dass KS Alfred Sramek ca. eine Stunde vor Beginn der Vorstellung verstorben ist. Obwohl man auf Grund des Umstandes, dass KS Sramek seine Krebserkrankung öffentlich gemacht hat, mit dessen Ableben durchaus rechnen musste, ging ein Raunen der Betroffenheit durch den Zuschauerraum. Nach einigen Worten des Gedenkens erhob sich das Publikum zu einer Trauerminute. Mir fiel in diesem Moment ein, dass ich meine este Begegnung mit dem Sänger vor etwas mehr als 40 Jahren in einer „Cosi fan tutte“-Aufführung des Konservatoriums der Stadt Wien, in der er den Alfonso sang, hatte.

Nach ihrem Dresdner Triumph als Elsa kam Anna Netrebko nunmehr wieder im italienischen Fach nach Wien und stellte sich in einer neuen Rolle vor, nämlich als Puccinische Manon. Wenn man jetzt geglaubt hat, dass nach den letzten Auftritten in Wien (und Salzburg) eine Steigerung nur mehr schwer möglich sei, wurde man eines Besseren belehrt. Die Stimme wird in der Mittellage immer noch voller und runder und hat jetzt eine wunderschöne dunkle Färbung. Das heißt aber nicht, dass sie nicht nach wie vor über eine makellose Höhe verfügt, mit der sie speziell in den Ensembles mühelos alles überstrahlt. Ihre Phrasierung ist präzise abgestimmt auf die jeweilige Stimmung und man spürt jeden Moment, dass sie einen Menschen darstellt. Gekrönt wurde diese Leistung dann in einem ungemein intensiven und berührenden 4. Akt, wobei die Arie „Sola, perduta,abbandomata“, in der sich ihre gesamte Ausweglosigkeit widerspiegelt, zum Höhepunkt des Abends wurde. Aber nicht nur stimmlich, auch darstellerisch vermag sie, idem sie sich wie immer voll ausgibt, diese Rolle zum Leben zu erwecken. Und eines sei hier ein für alle Mal festgehalten: Auf der Bühne – und nur das zählt – ist sie nie eine Diva, sondern immer ein  Mensch. Marcello Giordani war ein ausgezeichneter DesGrieux. Zugegeben, sein  Timbre ist Geschmackssache, aber die Stimme klingt mit ihrem durchaus heldischen Kern tadellos und die Höhen kommen  bombensicher. Die Schlüsselstelle seiner Rolle, den Schluß des 3. Aktes, sang er imponierend. Wolfgang Bankl war als Geronte darstellerisch präsent, stimmlich konnte er nur wenig gefallen. David Pershall hingegen war als Lescaut weder stimmlich noch darstellerisch zufriedenstellend. Von den übrigen Mitwirkenden sei noch Carlos Osuna als schönstimmiger Edmondo erwähnt.

Marco Armiliato, quasi unser „Hausdirigent“ für das italienische Fach – nächstes Jahr darf er endlich die längst schon verdiente Premiere dirigieren – am Pult des gut disponierten Staatsopernorchesters hielt den Apparat gut zusammen und war den Sängern ein guter Begleiter. Allerdings hätte man sich stellenweise etwas mehr Sensibilität gewünscht. Manche Passagen klangen doch etwas rauh und manchmal zu laut. Der Chor entledigte sich seiner Aufgabe zufriedenstellend.

Am Ende viel Jubel, vor allen Dingen  natürlich für Anna Netrebko.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

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