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WIEN / Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY

11.11.2013 | Oper

Martinez, Ana Maria x Foto: Website von Ana Maria Martinez

WIEN / Staatsoper:
MADAMA BUTTERFLY von Giacomo Puccini
361. Aufführung in dieser Inszenierung von Josef Gielen
11. November 2013 

Nicht jeder Dirigent einer italienischen Repertoirevorstellung erhält an der Wiener Staatsoper so viel „Auftrittsapplaus“ wie jener, der die aktuelle „Madama Butterfly“-Serie übernommen hat – aber es ist eben doch Plácido Domingo, Publikumsliebling bleibt Publikumsliebling. Nun gibt es Leute, die von den Dirigenten-Fähigkeiten dieses Weltklasse-Sängers nicht allzu viel halten, aber an diesem Abend hätten sie ihre Meinung revidieren müssen. Die „Butterfly“ ist ein besonders schwieriges Werk, weil die Musik selten fließt, meist kleinteilig verläuft, was ungeheure Präzision erfordert und zu erarbeiten ist. Domingo und dem Orchester gelang von Anfang an alles richtig, er dirigierte das tragische Schicksal gefühlvoll, geradezu zärtlich, dabei immer mit der nötigen Exaktheit, mit lyrischem Schwelgen, wo vorgesehen, und großen dramatischen Aufschwüngen. Das hätte keiner der souveränen „Italiener“ am Pult besser machen können. Da steckt vermutlich einige Probenarbeit – und wohl auch große Liebe zu dem Werk dahinter.

Man könnte nun sagen, Domingo habe seinen Schützling mitgebracht, oder auch, die Titelrollensängerin hat ihren Mentor überredet, sie orchestral auf Händen zu tragen – egal, wie man es formuliert: Jedenfalls sang Ana Maria Martinez eine hervorragende Butterfly, wie man sie nicht alle Tage hört. Im Vergleich zu ihrer Desdemona in Chicago zeigte sich, dass Puccini ihr viel besser in der Kehle liegt. Wieder fiel ihre ganz besondere Technik auf, die es ihr ermöglichte, diese schwierige und anstrengende Rolle lupenrein zu singen – nicht nur die große Arie, auch jedes Detail. Neben ihren sicheren, aber nie gebrüllten, nie forcierten Spitzentönen bestach wiederum ein tragfähiges Piano.

Obwohl es schon sehr viel ist, eine Butterfly musikalisch so makellos über die Rampe zu bringen, war das doch nur ein Teil des Gesamtpakets. Das Problem der Rolle besteht darin, dass viele Sängerinnen versuchen, die Japanerin mit irgendwelchen niedlichen Mätzchen darstellerisch zu ertrippeln. Ana Maria Martinez hingegen hat die Figur der Cio-cio-san mit großer Ernsthaftigkeit verinnerlicht, ihr Bewegungskodex wirkt nicht nur authentisch, sondern absolut selbstverständlich und ohne jede Künstlichkeit. Ihrer zurückhaltenden Emotionalität zuzusehen war so spannend wie packend, und man verdankt ihr einen großen Abend.

Eine angenehme Begegnung war die Suzuki der Alisa Kolosova, die – ebenso wie die Martinez, der Bariton und die Sängerin der Kate Pinkterton – an diesem Abend ihr Wiener Rollendebut gab. Ein schöner Mezzo (was man nach ihrer uninteressanten Fenena nicht vermutet hätte), eine intensive Darstellerin. Weniger überzeugte der neue Sharpless in Gestalt des jung und unsicher wirkenden, stimmlich spröden Gabriel Bermudez.

In der Mini-Rolle der Kate Pinkerton gab Simina Ivan eine sympathische Dame. Herwig Pecoraro intrigierte als Goro so kupplerhaft (und stimmlich überzeugend), wie es die Rolle will, Alexandru Moisiuc fluchte gewaltig als Onkel Bonze, Hans Peter Kammerer hingegen war als Yamadori so mikrig bei Stimme, dass man ihm den mächtigen Fürsten und Brautwerber nicht glaubte.

Und da ist schließlich der Pinkerton, der nicht wirklich gut behandelte Tenorheld (zumindest verglichen mit seinen Puccini-Kollegen Rudolf, Cavaradossi und Kalaf), der im ersten Akt zwar einiges Schwierige zu singen bekommt, aber es arbeitet sich eigentlich alles nur auf das Liebesduett hin. Im zweiten Akt fällt er aus, im dritten hat er einen Kurzauftritt mit einer quasi Halb-Arie. Dennoch – gar so undankbar ist es auch nicht, wenn man ein schöner Verschwender-Tenor ist, aber jedenfalls keine Rolle für Neil Shicoff, auch früher nicht – er war schon immer zwischen Eleazar und Britten am besten aufgehoben und hat mit Belcanto nie überzeugend reüssiert. Nun ist die Stimme schon in einem ziemlich schlechten Zustand, trocken und gestemmt, aber immerhin schlug er sich im dritten Akt unwesentlich, aber doch besser als im ersten. Und der letzte Eindruck zählt beim Publikum. Man wünschte sich für Shicoff, es gäbe jetzt eine Reihe von Charakterrollen für ihn, wo die Präsenz dieses Künstlers mehr zählte als die Stimme, die Puccini nun einmal verlangt.

Am Ende, nach Butterflys berührendem Tod, heizte Domingo das Orchester wirkungsvollen zu solch intensivem Schmerz auf, dass das Publikum nur in Jubel ausbrechen konnte – das ist Oper!

Renate Wagner

 

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