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WIEN / Staatsoper: LES CONTES D’HOFFMANN von Jacques Offenbach

Olga Peretyatko gelingt der sopranistische Hattrick

09.09.2019 | KRITIKEN, Oper

 

Gaelle ARQUEZ, Nicklaus und Dmitry KORTSCHAK, Hoffmann  Foto: M.Pöhn, Wr.Staatsoper

WIEN / Staatsoper: LES CONTES D’HOFFMANN von Jacques Offenbach

90.Aufführung in dieser Inszenierung

9. September 2019

Von Manfred A. Schmid

Es ist selbstverständlich nicht dem Sparstift anzulasten, wenn derzeit an der Staatsoper alle drei (inklusive der im Epilog kurz auftretenden Stella sind es sogar vier) Sopranrollen mit nur einer Sängerin besetzt sind. Im Libretto von Jules Paul Barbier ist zwar vermerkt, dass es sich dabei tatsächlich um nur eine Frau handelt, die dem Dichter Hoffmann in seinen Traumvisionen in jeweils anderer Gestalt begegnet. Da diese Frauenrollen aber stimmlich ganz unterschiedliche Anforderungen mit sich bringen – Koloraturensicherheit bei der Kunstpuppe Olympia, lyrische Qualitäten bei Antonia, sinnliche Färbung im Falle der Kurtisane Giulietta – werden sie in der Regel einzeln besetzt. Und wenn bei der zu treffenden Auswahl diese Unterscheidungsmerkmale entsprechend berücksichtigt werden, dann – und nur dann – ist auch durchgängig beste Umsetzungsqualität garantiert.

Olga PERETYATKO und Dmitry KORTSCHAK  Foto: M.Pöhn

Immer wieder aber haben herausragende Sopranistinnen sich der Herausforderung gestellt, gleich alle Partien selbst zu übernehmen. Anna Moffo und Edita Gruberova etwa habe da Maßstäbe gesetzt, oft genug aber war das Ergebnis weniger begeisternd. Olga Peretyatko gelingt dieses Meisterstück in der derzeit laufenden Les Contes d’Hoffmann-Serie hingegen bewundernswert. Sie ist eine fesselnde Olympia, auch wenn sie schon dabei ist, sich vom Koloraturfach zu entfernen und in Richtung lyrisch-dramatisch strebt, wo sich als Antonia tatsächlich schon bestens aufgehoben wirkt. Die für die sinnliche Gestaltung der Giulietta erforderliche dunkle Färbung freilich hat ihr seidig leichtender Sopran nicht. Dennoch zeigt sie, dass hier das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Und das macht den Reiz ihres kühnen Unterfangens aus, das als durchaus gelungen einzuschätzen ist.

Im Venedig-Akt kommt Peretyatko zudem zu Gute, dass sie im zentalen Barcarole-Duett mit Gaelle Arquez eine Partnerin hat, die durch ihren dunkel gefärbten Mezzo die erotische Ausstrahlung als androgyner Nicklaus einbringt. Auch ansonsten ist die vor einem Jahr in Bregenz als Carmen gefeierten Sängerin Arquez als Muse (im Prolog und im Epilog) und ihre Nicklausse (im ersten und zweiten Akt) gut eingesetzt und eine stimmlich wie darstellerisch erfreuliche Erscheinung.

Luca Pisaroni, der allseits geschätzte italienische Rossini- und Mozart-Bariton, ist als vierfacher Bösewicht – Lindorf/Coppélius/Miracle/Dappertutto – keine Idealbesetzung. Seinem schönen, fein geführten Bariton fehlt es dafür an Durchschlagskraft und dämonischer Färbung. Von einer Fehlbesetzung kann aber dennoch nicht die Rede sein. Dazu klingt er einfach – zu schön.

In der Titelpartie hat sich Dmitry Korchak – nimmt man die kritischen Stimmen bei der ersten Vorstellung ernst – inzwischen offenbar gut in die Rolle des Hoffmann sowie in die ideale Inszenierung von Andrei Serban und in die von Richard Hudson kongenial gestaltete imposante Bühne eingelebt. Er verfügt über einen nuancenreichen Tenor, der das komplexe Wesen des traumverlorenen Dichters gut abbildet. Manche Spitzentönen gelingen nicht ohne vernehmbare Anstrengung, was den positiven Gesamteindruck jedoch keineswegs schmälert.

Für Igor Onishenko kommt der Spalanzani offensichtlich zu früh, stimmlich zu leichtgewichtig ist er unterwegs. Volle Aufmerksamkeit zieht dafür der vielseitige Michael Laurenz auf sich. Wie er die komischen Charaktere Andrés, Cochenille, Frantz und Pittichinaccio anlegt, erinnert an Heinz Zedniks detailversessener Hingabe bei der Zeichnung dieser skurrilen Gestalten. Dan Paul Dumitrescu ist ein solider, von Sorgen geplagter Vater, Zoryana Kushpler als dessen sich aus dem Jenseits meldende Frau eine auch stimmlich eher fahrige Erscheinung. Das rollendeckend eingesetzte übrige Personal fällt nicht weiter auf.

Eine Enttäuschung liefert Frédéric Chaslin am Dirigentenpult. Zerfahren und oft zu laut klingt das, was aus dem Orchestergraben kommt. Die fein instrumentierte, farblich facettenreich schattierte Partitur hätte eine sorgfältigere, interpretatorisch einfühlsamere Lesart verdient. Schließlich geht es hier nicht zuletzt auch um die Würdigung des vielseitigen Musikdramatikers Offenbach anlässlich seines 200. Geburtstages. Aber es gibt ja noch zwei Vorstellungen – und damit auch noch genügend Luft nach oben.

9.9.2019

 

 

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