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WIEN/ Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE – eine vergebene Chance

29.11.2012 | KRITIKEN, Oper

Elisir d’amore Wiener Staatsoper, 28.11.2012

 Offen gesagt, diese Aufführung war eine Bankrotterklärung für die Besetzungspolitik des Hauses. Es ist unverständlich, dass man nicht in der Lage ist oder vielleicht gar nicht daran denkt, dem zur Zeit besten Belcanto-Sänger der Welt, der sowieso nur alle zwei Jahre in Wien singt, eine Besetzung zur Seite zu stellen, die eine ausgewogene, spektakuläre Aufführung garantiert.

 Klar, in Zeiten wie diesen garantiert alleine der Name „Juan Diego Flórez“ schon für ein (am heutigem Tag „fast“) ausverkauftes Haus und für einen fast vollen Stehplatz, doch sollte es auch ein Anliegen der Direktion sein, künstlerisch ausgewogene Vorstellungen zu garantieren. Dies war leider überhaupt nicht der Fall.

 Und es gibt keine Ausreden – am Geld kann es wahrlich nicht gelegen haben. Alleine aus dem Fixensemble hätte man eine tolle Aufführung zusammengebracht. Stattdessen wurden zwei Gastsänger verpflichtet und besetzt, deren Nichtmitwirken einen höheren Qualitätsstandard garantiert hätten.

 Sylvia Schwartz habe ich noch als ziemlich blasse Susanna in Erinnerung. Was sie in der Rolle als Adina bei beiden Vorstellungen (ich war auch in der ersten) leistete, war offen gesagt katastrophal. Es fällt mir schwer dies zu schreiben, da ich ja annehme, dass die Sängerin ihr Bestes gegeben hat – aber was dieses schrille, im zweiten Akt die Trommelfelle bedrohende (weil kreischende), tremolierende Piepsstimmchen auf der Bühne der Staatsoper zu suchen hat, ist mir ein Rätsel. Klar, dass es so fast unmöglich ist, mit dieser unterbesetzten Adina eine gute Vorstellung zusammen zu bringen. Was den Stammbesucher dann endgültig rasend macht ist die Tatsache, dass man mit Valentina Nafornita ein Cover aus dem Ensemble zur Hand gehabt hat, das bei weitem besser ist. Einerseits brüstet man sich im Haus, dass junge Sängerinnen, die in Wien kleine Rollen verkörpern müssen, an der Scala als Gilda reüssieren, am Stammhaus diese aber durch inadäquate Gäste ersetzen. Dass Schwartz bei ihrem ersten Solovorhang sogar noch starken Applaus bekam, kann man nur der Rolle, nicht der Sängerin zuschreiben. Eine weitere Alternative zur Adina aus dem Haus wäre auch noch Anita Hartig gewesen. Nein, es musste die Spanierin sein!

 So schön es für Lydia Rathkolb auch ist, dass sie als Gianetta einen etwas größeren Gesangspart als üblich hat – auch da wären die Alternativen im Ensemble besser gewesen. Noch einmal – warum hat man kein Gefühl dafür, welche Besetzungen einen wirklich großen Abend garantieren könnten? Ja, es kann immer etwas schiefgehen, aber man kann es doch zumindest versuchen…

 Der zweite Gast, Levente Molnár, gab einen etwas grobschlächtigen Belcore. Insgesamt machte er einen sichereren Eindruck als bei seinem Hausdebüt vor ein paar Tagen, er kann das Haus mit seiner Stimme füllen, war auch recht höhensicher. Allerdings klang die Stimme ein wenig bedeckt.

 Adam Plachetka liebt die Rolle des Dulcamara, er bemüht sich auch schauspielerisch und – im Vergleich mit erfahreren Kollegen – „singt“ er diese auch. Im aktuellen Stadium seiner Karriere würde ich ihn lieber als Belcore sehen – er hätte die Figur und die Stimme dazu, auch die entsprechende Komödiantik (obwohl in dieser Produktion der Offizier für meinen Geschmack zu sehr als Kasperl gezeichnet wird). Plachetka ist schlicht und ergreifend zu jung für den Dulcamara – da fehlen noch Jahre der Erfahrung, um den Quacksalber wirklich überzeugend zu singen und zu spielen. „Udite oh rustici“ hat man doch ganz anders im Ohr, wenn man sich nur an die Auftritte des Ambrogio Maestri erinnert…

 Guillermo Garcia Calvo (ja der, der seinerzeit bei der „Jahrhundertpremiere“ von Macbeth am Pult stand) schaffte es dieses Mal besser, das Orchester und den Chor zu koordinieren. Doch habe ich selten ein derart spannungsloses Dirigat dieses Werkes gehört. Ich weiß nicht inwieweit es mit Flórez abgesprochen war, aber dessen Solostücke waren extrem elegisch dirigiert – oft brachte Calvo das Tempo fast zum Erliegen. Auch zu diesem Dirigenten fallen mir sehr viele Alternativen ein.

 Allein auf weiter Flur und der Retter des Abends war Juan Diego Flórez. Seine Stimmer ist in der Mittellage etwas breiter und dunkler geworden, er hat auch an Volumen gewonnen, ohne dass er die strahlenden Höhen verloren hätte. Nach seiner Interpretation des Nemorino fällt es sehr schwer, sich für einen anderen Sänger in dieser Rolle zu erwärmen und in Vorstellungen zu pilgern, wo er nicht angesetzt ist. Wie es in Wien schon Tradition bei Auftritten von Flórez ist, erklatschte sich das Publikum ein „Bis“ von „Una Furtiva Lacrima“. Wie ich es schon öfter bei ihm erlebt habe, war die zweite Version noch etwas inniger gesungen als die erste. Allerdings verzichtete er fast vollständig dieses Mal auf eingelegte Kadenzen (was vor zwei Jahren noch zu hören war – allerdings schien er damals mit dem Orchester besser eingespielt gewesen zu sein). Er erbracht auch eine schöne schauspielerische Leistung – und er trug den kompletten Abend alleine.

 Mein Fazit – eine vergebene Chance auf einen großen Abend. Die Schuld dafür ist aber nicht bei den Sängern, sondern beim Besetzungsbüro zu suchen. Einfach schade…

 Kurt Vlach

 

 

 

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