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WIEN/ Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE – beglückendes Gesamtkunstwerk!

22.06.2017 | Oper

22.6.:„L’ELISIR D’AMORE“ – Beglückendes Gesamtkunstwerk!

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Jinxu Xiahou, Valentina Nafornita. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Wie kompliziert kann es sein, Wort und Ton, Bühne und Orchester, Regie und Gesang zum  Gesamtkunstwerk Oper zu vereinigen, sodass wir die Aufführung wirklich als geschlossenes Ganzes erleben! Und wie einfach kann es sein – wenn keine Instanz das Bedürfnis hat, ein Ganzes auseinander zu dividieren. „Unser Elisir“ ist ein Musterbeispiel, wie man ein Publikum glücklich machen kann, indem man es  ganz einfach erfreut, gut unterhält und auf theatergerechte Weise auch zum Nachdenken bringt. Ein passender, schöner Rahmen – in diesem Fall von Jürgen Rose – und ein Regisseur mit großer Menschenkenntnis, der diese auch umsetzen kann – Otto Schenk –sind die optische und psychologische Grundbedingung. Die Fähigkeit des Regieteams,  in die Musik hineinzuhören, eine zweite, todsichere Erfolgsbasis. Den Rest besorgt der Komponist. Gaetano Donizetti hat seinerseits das Libretto von Felice Romani zu klingendem Leben erweckt. (Komponisten wie Richard Wagner, die ihre eigenen Librettisten waren, sind da von Natur aus bevorzugt.)

Nach vielen Ärgernissen gerade in diesem letzten Monat der Spielzeit, wo sängerisch erstrangige Vorstellungen unter den mehr als zweitrangigen Inszenierungen leiden (Rigoletto, Don Carlo, Elektra), öffnet sich der Vorhang zum „Elisir“ und dessen Wirkung setzt sofort ein! So fröhlich, wie die Musik ist, geht es auf der Bühne zu und manchmal geht ein befreiendes „Ah!“ durch die Zuschauereihen beim Anblick des munteren mediterranen Dorflebens, wo sich die Chorsänger von 2017 in der 232. Aufführung dieser Produktionin ihren kleidsamen Kostümen genauso vergnügt bewegen wie anno 1980 bei der Premiere. 37 Jahre jung und kein bisschen müde zeigt sich die liebenswerte Story zwischen Übermut, Raffinesse und der sprichwörtlichen „heimlichen Träne“ als herzerwärmende Draufgabe. Als musikalischer Vorzug wohnt ihr das Offert inne, dass jeder gute Kapellmeister daraus Kapital schlagen kann.

So geschehen auch an diesem Abend. Guillermo Garcia Calvo hat das Stück oft dirigiert, investiert ein gerüttelt Maß an Vitalität, Spontaneität und Flexibilität, was die vokalen Herausforderungen betrifft, lässt in den Chorszenen und Finali das Hörvergnügen gehörig crescendieren, sorgt aber auch für berührende, feine lyrische Momente, wenn Adina, Nemorino oder auch Dulcamara in sich gehen. Dazu ist der Chor der Landleute und die Gefolgschaft des Belcore, wohl betreut von Martin Schebesta, ein eigenes Erfolgskapitel. Jede stimmliche Äußerung, die prägnante Artikulation des köstlichen italienischen Textes  sowie der inspirierte schauspielerische Einsatz sind Vergnügen pur.

Innerhalb dieses Rahmens kann sogar bei Absage des „Stars“ (in diesem Fall Rolando Villazón, dessen Name sicher dem Kartenverkauf förderlich war) der vergnügliche Gesamteindruck erhalten bleiben. Der Einspringer, ein simples Ensemblemitglied, Jinxu Xiahou, konnte sich hören und sehen lassen. Hat der junge chinesische Tenor schon mit seinem Rodolfo letzte Saison mächtig überrascht, so tat er es als Nemorino einmal mehr. Sein mehr und mehr aufblühender und an Volumen gewinnender Tenor verblüfft nicht nur mit Kraft und Glanz in allen Lagen, sondern er lässt auch sein Herz „sprechen“. Nicht jeder Fachkollege kann bereits mit „Quanto è bella, quanto è cara“, in perfektem  Belcanto-Stil vorgetragen, die Zuhörer betören, mit der sich selber auferlegten Atempause samt Seufzer  nach „lieveaffettoispirar“ Betroffenheitslaute aus dem Publikum registrieren und danach mit zahllosen neuen Spieleinfällen seine totale Rollenpräsenz bezeugen. Die Zeiten, wo schönstimmige chinesische Sänger nicht imstande waren, ihre Gefühle zu mobilisieren, scheinen endgültig vorbei…Also haben wir ihn als einen der Unsrigen aufgenommen.

Es gab zwar an diesem Abend keine Wiener Rollendebutanten, das schließt jedoch nicht aus, dass man die Charaktere wie neu erfunden empfindet. So geschehen bei Bryn Terfel, der uns in der letzten Saison mit seinen ersten Wiener Dulcamaras ein wenig enttäuscht hatte. Diesmal kam Ex-Wotan und Londons jüngst höchst erfolgreicher Hans Sachs in seinem Esel-losen Wagen angefahren, präsentierte sich,  stieg aus und war voll da – als Bassbuffo von beträchlichem Stimmformat, als origineller  Grimassenschneider (trefflich etwa, wenn er bei „E Bordeaux, non elisir“, mit verächtlicher Miene zur Seite gewendet, dem Publikum andeutet, wie blöd der Trank-gläubige Nemorino ist) und komischer Akteur (z.B. am Anfang des 2. Akts „Iosonricco, e tu sei bella“, wo er einen schon buckligen Greis mimt), als wohlmeinender Beobachter und Helfer der echt Liebenden, aber nicht zuletzt als erfolgreicher Verkäufer weiterer Elixiere, deren Rezept er u.a. auch dem Souffleur angeboten hat.Wahrlich eine Figur aus einem Guss, aber mit unzähligen persönlichen Facetten. Bravissimo!

Ein sehr schön singender, fescher junger Belcore war Marco Caria, der auch mit den nötigen buffonesken Zutaten aufwartete. Als Luxus-Gianetta trat Ileana Tonca auf, die auch problemlos hätte die Adina singen können. In dieser Rolle bewies jedoch auch  Valentina Nafornita, dass das ihr wahres Fach ist. Je lyrischer sie singt, desto besser klingt die Stimme. Weltkarriere – o.k., aber bitte – im eigenen  Interesse einer Langzeitlaufbahn – im richtigen Fach. Da es ihr weder an attraktivem Aussehen noch am nötigen Charme mangelt – viel Glück bei der weiteren – vernünftigen – Rollenauswahl!

Son felice, sonbeato….“ wurde wohl nicht nur von uns ‚Merkern‘ auf der Galerie oben rechts konstatiert. Auf die nächsten (mindestens) 37 Lenze für dieses „Elisir d‘amore“ – mit Liebe geschaffen und empfangen!

Sieglinde Pfabigan

 

 

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