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WIEN / Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE

23.06.2017 | KRITIKEN, Oper

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Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
L’ELISIR D’AMORE von Gaetano Donizetti
232. Aufführung in dieser Inszenierung
22. Juni 2017 

Wenn die Wiener Staatsoper Rolando Villlazon engagiert, geht sie nicht einfach einen ihrer üblichen Verträge ein. Sie tut dem Sänger einen Gefallen, weiß man doch, dass seine Absagen sich solcherart häufen, dass sie zur Gewohnheit wurden. Auch flüchtet er, wenn möglich, zu Mozart, Händel oder Monteverdi (als ob das die einfachere Aufgabe wäre – demnächst steht für ihn der Papageno (!!!) an) und hat das italienische Fach lange nicht mehr angerührt. Tatsächlich hat sein letzter Wiener Nemorino vor nun auch schon fünf Jahren dem Publikum die Tränen in die Augen getrieben…

Dennoch setzt ihn die Wiener Staatsoper als Nemorino an, denn aus unerfindlichen Gründen zählt Rolando Villlazon immer noch zu den Sängern, die sich am besten verkaufen. Also kann man die „Liebestrank“-Serie zu Preisen A an den Mann bringen. Und wenn alle Karten weg sind, gibt man eine Woche davor seine Absage bekannt – was dem Zuschauer bekanntlich nicht das geringste Recht auf Refundierung einräumt. „But this is not Villazon?“ fragen einander die amerikanischen Touristen, die auf den teuren Plätzen sitzen…

Nun kann man nur überlegen, was im Besetzungsbüro des Hauses vorging. Schon möglich, dass man bei Juan Diego Florez anfragte, der ja, wie es heißt, in Wien lebt. (Johan Botha war oft zum Einspringen bereit, was dem Publikum ein beglückte „Wow!“ entlockte – so wie damals, als zum Ersatz für einen „Meistersinger“-Dirigenten Herbert von Karajan ans Pult trat…) Vielleicht hat man auch bei Vittorio Grigolo angefragt, der – auch wenn die  Wiener es noch nicht so sehen – Weltspitze ist. Oder bei Saimir Pirgu, Publikumsliebling, der die Rolle kann und oft hier gesungen hat.

Oder man hat sich (was man zu Ehren des Hauses nicht annehmen möchte) gleich damit begnügt, das reiche Reservoire von Nachwuchssängern, die man zu Ensemblemitgliedern gemacht hat, zu befragen: Niemand wird die kleinste  Bemerkung gegen Jinxu Xiahou machen, aber ob ein Publikum, das immerhin für einen Weltstar (offenbar egal, in welchem Zustand er ist) sein Geld ausgegeben hat, sich hier ausreichend bedient fühlte… Nein, das war keine Absage wie jede andere, das war eine, die man voraussehen und folglich mit adäquatem Namen hätte abfedern müssen. Die Bayerische Staatsoper ersetzt die erkrankte Sonya Yoncheva als Traviata durch Diana Damrau. Da wird sich wohl niemand um sein Geld geprellt fühlen…

So bleibt als Rechtfertigung für die Höchstpreise an diesem Abend Bryn Terfel, allseits begehrter Weltstar. Den man allerdings lieber als Wotan gehört hätte. Nun, nicht nur Villazon sagt ab – beide Wiener „Ring“-Serien gingen ohne den angesetzten Bryn Terfel in Szene. Es ist einfach kein Verlass mehr – auf gar nichts… Auch nicht darauf, dass die Weltstars dann die Leistungen erbringen, die man erhofft.

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Angesichts dieses „L’elisir d’amore“ meinte man zu merken, dass sich die Saison mühsam ihrem Ende zuneigt, dass man alles schon hinter sich haben möchte, rasch noch Dienst nach Vorschrift macht: Guillermo García Calvo mit einer Kapellmeisterleistung sicher.

Jinxu Xiahou ist Nemorino, er gibt sich Mühe, „Una furtiva lagrima“ gelingt ihm schön. Valentina Nafornita kann auf die Frage „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ noch immer „Hier!“ rufen und spielt die Adina besonders sympathisch und seelenvoll, wenn sie sich zu ihrer Liebe bekennt. Stimmlich ist sie nicht in bester Verfassung und sollte sich fragen, ob sie an der Wiener Staatsoper nicht langsam auf der Stelle tritt. Es ergänzen Marco Caria als Belcore und Ileana Tonca als Giannetta.

Und leider rettet in diesem Fall der Weltstar an der Seite der hauseigenen Besetzung nichts – vielleicht war Bryn Terfel nicht in Geberlaune, aber keinesfalls stürmte er als Temperamentsbombe auf die Bühne (wie es etwa Schrott tut, wenn er schamlos blödelt). Das war keine große komische Leistung, die alles mitriß, sondern braver Durchschnitt, zumal er unüberhörbar nicht mehr aus dem Vollen schöpfen kann, sondern spürbar forcieren muss, um stimmlich  groß und stark zu erscheinen.

Auch das also „nur“ Repertoire. Die Wiener Staatsoper mag verzeihen, wenn man von ihr mehr erwartet.

Renate Wagner

 

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