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WIEN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – Keine Mozart-Sternstunde

13.02.2018 | Oper

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Yongmin Park (Figaro). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – Keine Mozart-Sternstunde

12.2. 2018 – Karl Masek

Die 44. Aufführung dieser Inszenierung vom 16. Februar 2011 von Jean-Louis Martinoty in der Bühnenlösung von Hans Schavernoch erinnert auch bei der Wiederbegegnung an Musiktheater mit Versatzstücken aus dem Kunsthistorischen Museum. Dominique Meyers Idee, die Da Ponte-Opern Mozarts ein und demselben Regisseur anzuvertrauen, erwies sich als keineswegs glücklich. Nach „Giovanni“ und „Nozze“ (beide zu Premierenzeiten heftig kritisiert) kam schließlich keine „Cosi“ mehr zustande. Man zog die Notbremse – und das war wohl auch der Urgrund des künstlerischen  Zerwürfnisses des in Wien wenig erfolgreichen Mozart-Dirigenten Welser-Möst mit dem Direktor, soweit das Erinnerungsblatt.

Hierzulande wird auch nach sieben Jahren an einer Inszenierung festgehalten, die von Anfang an museal anmutet – und vor allem den Sängern offenkundig akustische Probleme bereitet, zumal die nach allen Seiten hin offene Bühne bewirkt, dass sie (wenn sie zur Seite oder mit dem Rücken zum Publikum singen) klingen, als hätte man einen Lautsprecher abgeschaltet. Fatale Folge: Offenbar fühlte sich der überwiegende Teil der Besetzung bemüßigt, besonders viel Stimme geben zu müssen. Was Mozarts geniale, vor allem psychologisch meisterhaft durchgearbeitete Partitur jegliche „höhere Heiterkeit“, wie sie kein Geringerer als Albert Einstein einmal beschrieben hatte, nahm.

An diesem Abend war der Dirigent Sascha Goetzel leider nur der „Mann fürs Grobe“. Die Ouvertüre schnurrte hurtig und auch leidlich präzise ab, antizipierte aber trotz aller sachlichen Eiligkeit keinen „Tollen Tag“.

Der Rollendebütant Jongmin Park legte als Figaro gleich mit dem Se buol vallare, signor Contino stimmlich los, als wollte er gleich den Kurwenal „mitnehmen“. Gewiss, man hörte auch hier: Da wächst ein Bassbariton heran mit groß dimensionierter Stimme, obertonreich obendrein, mit attraktivem Timbre.  Behende klettert er die Erfolgsleiter nach oben. Auch mit Mozart hat er reüssiert. Vom Masetto zum Leporello ging die Reise binnen kürzester Zeit. Auch von Don Bartolo bis zur Titelrolle ging es nun flott dahin. Aber der Figaro braucht ironische Zwischentöne, eine gewisse akustische Pfiffigkeit und, ja, auch Eleganz. Da blieb fürs Erste nur der Zorn des Untergebenen. Es äußerte sich ein „Wutbürger“, würde man heute sagen, mit vollem stimmlichem Rohr. Er spielte mit Totaleinsatz, sang  schließlich Non più andrai und vor allem das Aprite un po‘ quegli occhi des 4. Aktes, wenn er den Männern „die Augen über die Frauen öffnen will“, sehr respektabel. An den Mozart’schen Feinheiten, dem musikalischen Feinschliff, wird Park mit szenischen und musikalischen Experten weiter arbeiten. Vorerst ist das Figaro-Debüt ein Versprechen für die Zukunft …

Eher unangenehm fiel (ähnlich wie kürzlich bei Carmen) auf, dass man in der ersten Aufführung einer Serie geraume Zeit braucht, um sich auf gemeinsame Tempi zu einigen. Auch da war der Mann am Pult nicht unbedingt hilfreich. Bis zur Pause war vieles ziemlich „holterdiepolter“. Ab dem 3. Akt ging es dann besser, dennoch war man von einem Mozart-Stil, den die Wiener Staatsoper gern für sich reklamiert, an diesem Abend ziemlich weit entfernt. Grob, geradezu zackig, die Ensembles. Die Finali gerieten verhetzt, kurzatmig, gestresst durch übertriebene Accellerandi. Der Maestro schien es einen Abend lang sehr eilig zu haben.

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Olga Bezsmertna, Simon Keenlyside. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Simon Keenlyside zeigte vor, wie es ginge. Souveränes Spiel, auch im Angesicht der dauernden Niederlagen, die er im Stück einstecken muss. Durchaus mit einer Prise Selbstironie, wenn er den Conte Almaviva als immer noch von der Libido getriebenen, aber schon alternden Grafen darstellt, der sich mit der Grandezza im Auftreten schon ein bisschen schwertut. Auch nach etlichen Partien z.B. im dramatischeren Verdi-Fach oder dem Wozzeck, hat er sich die Eleganz des Kavaliers-Baritons erhalten und gab eine Lehrstunde in Sachen Mozart-Gesang. Seine Rezitative und die Arie Vedro, mentr’io sospiro … hatten Format und Autorität. Und er war der Einzige, der nie ins Brüllen verfiel.

Olga Bezsmertna meisterte die beiden Arien mit Anstand, wartete mit glockig-instrumentalen Schwebetönen in der Höhe auf. Aber erst im duftigen Briefduett schien die Stimme „von Stress befreit“.

Valentina Naforniƫă sang ihre Susanna anfangs mit hartem Stimmansatz, auch sie brauchte einige Zeit, bis sie sich freigesungen hatte. Das Briefduett gelang dann, wie gesagt, schön, schwebend und stressbefreit – und für sie war schlussendlich nach einer sehr schönen Rosenarie Ende gut, fast alles gut.

Rachel Frenkel hat in dieser Inszenierung wenig Chance zur Profilierung – obendrein durch das unsägliche pinkfarbene Kostüm (Sylvie de Secongaz) gehandicapt. Der Dirigent hetzte sie über Gebühr durch das Non so più cosa son, cosa faccio. Im  Voi che sapete gestaltete sie die Stimmungs-Achterbahn, die Mozart so unnachahmlich vorgibt, mit schönen Farbnuancen. Dass der Cherubin mangels eines Fensters in den Orchestergraben springen muss, ist eine der verbliebenen Unsinnigkeiten dieser Inszenierung.

Als Einziger von der Premierenbesetzung blieb Sorin Coliban als Don Bartolo übrig. Stentortöne bei La Vendetta …, an diesem Abend schien er sich aber schön langsam dem Herbst der Karriere zu nähern. Hoffentlich nur eine schwächere Abendform!

Ulrike Helzel war (immerhin mit Spurenelementen komischer Ausstrahlung und noch lange nicht ‚alter‘ Stimme) eine relativ jugendliche Marzellina, die auch als Möchtegern-Ehefrau Figaros durchgegangen wäre.

Sonst mit Ausnahme der auch als Barbarina mit Bühnenpräsenz und Klassestimme aufwartenden Maria Nazarova (gerade von gloriosem Einspringen als Fledermaus-Adele an der Scala Milano zurückgekehrt) nichts Herausragendes. Herwig Pecoraro war der scharfstimmige Don Basilio, da schien sich ein Rheingold-Mime ins falsche Stück verirrt zu haben. Peter Jelosits war der routinierte Don Curzio. Den stottert er virtuos  seit 16.9. 1994, mittlerweile der 80. Auftritt in dieser Rolle, und er sorgte für den einzigen wirklichen Lacher im Publikum, wenn er im Furor der richterlichen Tätigkeit die Perücke verliert. Rafael Fingerlos, als Gärtner Antonio der zweite Rollendebütant, muss seinen Auftritt im 2. Akt aus dem Orchestergraben per Fensterl-Leiter absolvieren, wird von allen (auf der Bühne wie im Zuschauerraum) beinahe übersehen und akustikbedingt auch weitgehend überhört. Er kann nichts dafür!

Der Chor der Wiener Staatsoper sang aus voller Kehle, das Orchester der Wiener Staatsoper musizierte handfest und (s. Ouvertüre) leidlich präzise.

Eine Sternstunde war’s nicht. Und wenn man schon die legendäre, ideensprühende Ponnelle-Inszenierung für eine Japan Tournee 2016 ausgegraben hat: Warum studiert man sie nicht gleich auch für Wien neu ein?

Karl Masek