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WIEN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO

07.06.2012 | KRITIKEN, Oper

Le Nozze di Figaro: Wiener Staatsoper, 6.6.2012

 Eine sehr gute Repertoirevorstellung erbrachte die 10. Aufführung der umstrittenen Inszenierung von Jean-Louis Martinoty in der doch recht sängerunfreundlichen Ausstattung von Hans Schavernoch und den wirklich schönen, dem 18.Jahrundert nachempfundenen Kostümen von Sylvie de Segonazac. Ich bin ziemlich sicher, dass die Kritiken für die Inszenierung viel positiver ausgefallen wären,  hätte nicht die vielgeliebte Produktion von Ponnelle daran glauben müssen. Es wird die Geschichte erzählt, wie der geniale Lorenzo da Ponte sie geschrieben und Mozart sie komponiert hatte, sie ist auch repertoiretauglich und kann doch auch phasenweise mit sehr stimmungsvollen Bildern punkten, zum Beispiel am Beginn des 4. Aktes.

Stach in der letzten Serie noch das Dienerpaar positiv heraus, so gebührt für diesen Abend das Lob vor allem den beiden Adeligen. Gerald Finley ist einer der besten Grafen, die ich in den letzten Jahren hier gehört habe, ich möchte sogar fast sagen, dass er mein absoluter Favorit in dieser Rolle ist. Er stellt die Figur als vornehmen Herren dar, der sich seiner Wichtigkeit und Macht bewusst ist und sich nicht scheut, diese an und ab auch ausnutzen zu wollen. Nichtsdestotrotz ist ihm ein Hauch von Anstand geblieben und sein „Contessa Perdono“ zum Schluss klang mehr als aufrichtig.
Finley hat eine wunderbare Technik, die ihn für Mozartrollen prädestiniert und bringt eine Noblesse in seine Stimme und Gestaltung ein, die dem Sänger der
Premierenserie absolut fehlte. Kein Wunder, dass die Gräfin ihm verzeiht. Der Mann hat Ausstrahlung und es ist zu wünschen, dass Finley noch oft an der
Staatsoper zu bewundern sein wird.

Maija Kovalevska war eine sehr jugendliche Contessa, in der meines Erachtens noch mehr von der Rossini-Rosina steckte. Ein durchaus berechtigter Ansatz, allerdings muss man da als Zuschauer zur Kenntnis nehmen, dass die beiden Arien nicht so innig klingen, wie man es normalerweise gewohnt ist. Ich persönlich hätte mir ein wenig mehr Wärme in der Stimme gewünscht, doch sang Kovalevska technisch sehr sauber und hatte überhaupt keine Probleme mit der Rolle.

Ähnliches ist von Aleksandra Kurzak zu berichten. Sie klang teilweise etwas schrill und war einen Hauch zu zickig – das lustige Element blieb bei ihr im Hintergrund. Vielleicht bin ich aber zu kritisch, da ich erst vor kurzer Zeit auf Konserve Mirella Freni in dieser Rolle gehört hatte – die ja ein komplett anderer Typ ist.

Luca Pisaroni begann sehr hölzern und die Koordination mit dem Orchester passte im 1.Akt überhaupt nicht. Dies besserte sich aber mit fortlaufender Vorstellung. Er bringt weder die Persönlichkeit noch die Kraft in seiner Stimme mit, die einen überzeugenden Figaro ausmachen. So gesehen wirkt als das Dienerpaar die Hausbesetzung Plachetka/Hartig viel überzeugender.

Serena Malfi singt in dieser Serie zum ersten Mal den Cherubino und sie hat alles, um ein neuer Publikumsliebling zu werden. Sie hat keine Modelfigur, doch passt ihre Unbekümmerheit und Spielfreude sehr zu dieser Rolle. Ich mag ihre warm timbrierte Stimme, die auch in den tieferen Passagen keine Probleme hat. Sie
war zwar in der „Clemenza“ einen Deut überzeugender, allerdings hatte sie ja schon Erfahrungen in dieser Rolle. Ich werde ihre Entwicklung auf jeden Fall
genau verfolgen.

Eine Paraderolle für Donna Ellen ist die Marcellina. Spielfreudig wie sie nun mal ist konnte sie ihre Komödiantik gut ausleben. Schade, dass ihre Arie im 4.Akt gestrichen wurde (das gilt auch für die Arie des Don Basilio). Norbert Ernst sang einen überzeugenden Don Basilio und es ist erfreulich, dass er in der nächsten Saison größere Rollen anvertraut bekommt. Besonders gespannt bin ich auf sein Rollendebüt als Ägisth, das im September stattfinden wird.

Sorin Coliban hatte schon bessere Abende, zwei ganz kleine Unsicherheiten bei seiner Arie trübten jedoch nicht unbedingt den guten Gesamteindruck. Nach einer sehr guten Entwicklung dürfte der Sänger jetzt an einem Punkt seiner Karriere angelangt sein, wo er einen kleinen „Boost“ braucht, um den nächsten Level zu erreichen. Hans Peter Kammerer sah ich erstmals in der Rolle als Antonio, und es kam ihm dabei in punkto schauspielerischer Komödiantik seine Erfahrung als Papageno durchaus zu Gute.

Einen wirklich positiven Eindruck hinterließ ein anderes, junges Ensemblemitglied, Valentina Nafornita, die in dieser Saison Stipendiaten von Novomatic ist. Mozart schrieb für die Rolle der Barbarina eine der schönsten Melodien überhaupt. Die Cavatina, mit der sie den 4.Akt eröffnet, ist – wie mir eine befreundete Sängerin versicherte – nicht all zu schwer zu singen und dadurch fällt es den Rolleninterpretinnen immer relativ leicht, einen sehr guten Eindruck zu hinterlassen. Nafornita bestach aber auch durch eine gewinnende Bühnenpersönlichkeit und durch eine sehr schöne, klare Stimme. Auch von ihr können wir in der Zukunft viel erwarten.

Zwiespältig fällt das Resümee für Louis Langrée aus. Nach einer sehr forsch dirigierten Overtüre gab es im 1.Akt unüberhörbare Differenzen zwischen Orchester und Bühne. Anscheinend hat man da keine Rückschlüsse aus den verschiedenen Tempovorstellungen des ersten Abends gezogen. Allerdings wirkte das Dirigat dann mit Fortdauer des Abends immer überzeugender, sodass man schlussendlich doch mit der Leistung zufrieden sein musste. Aber – genügt das für Wien? Langrée wirkte als Mozart-Dirigent bei weitem souveräner als Welser-Möst, allerdings muss man lange zurückdenken, um sich an einen Dirigenten zu erinnern, der wirklich einen Weltklasse-Mozart hier dirigiert hat (Muti).

Trotz der Einwände war es ein sehr erfreulicher Abend, der schon Lust auf die nächste Nozze-Serie machte. Man kann die wohl perfekteste aller Opern nicht oft genug hören…

Kurt Vlach

 

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