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WIEN/ Staatsoper: LA TRAVIATA

08.05.2013 | KRITIKEN, Oper

Wien/Staatsoper: LA TRAVIATA am 8.Mai 2013 (Georg Freund)

Endlich einmal eine wirklich solide Repertoirevorstellung an unserer Staatsoper, über die zu berichten sich lohnt und die in musikalischer und darstellerischer Hinsicht die total verunglückte Première weit übertraf ! Am Pult stand gottlob wieder Marco Armiliato, den ich für einen der allerbesten Dirigenten im italienischen Fach halte und der an Werkkenntnis (er dirigierte wie einst Karajan ohne Partitur) viele gefeierte Pultwachler weit übertrifft, der blitzsaubere Einsätze gibt und stets bemüht ist, kleinere Schwächen der Sänger geschickt zu kaschieren- eben ein erfahrener, uneitler Kapellmeister alten Schlages. Anders als manche seiner Kollegen trat er auch nicht emotionslos an das dirigierte Werk heran ( ich konnte von meinem Platz aus sein Mienenspiel verfolgen) und er verstand es auch den ihm willig folgenden sehr gut disponierten Philharmonikern präzise, sehr kräftige und wo es geboten war, auch delikate Klänge zu entlocken.

Armiliato standen aber auch sehr gute Träger der Hauptrollen zur Verfügung: Maija Kovalevska entfernte sich, so weit es möglich war, von dem einfältigen Regiekonzept, das aus Verdis vielschichtigem Charakter eine eindimensionale betrunkene Heulsuse machen will, sang mit schöner Stimme sehr sicher und hatte keine Probleme mit Höhen und Koloraturen. Leider verzichtete die auf das effektvolle Es am Schluss ihrer großen Arie sempre libera, aber das vermissten wir auch bei berühmteren Kolleginnen. Da die Kovalevska jung und sehr hübsch ist und nicht einmal durch scheußliche Kostüme entstellt werden konnte, nahm man ihr den Erfolg im horizontalen Gewerbe auch williger ab als man anderer Sängerin. Gerade im Schlussakt, bei addio del passato, wirkte sie vielleicht etwas zu vital, dafür war ihre berührende Interpretation auch frei von jener klebrigen Sentimentalität, die man bei Violettas leider nur zu oft antrifft.

Vittorio Grigolo, den ich zuletzt an der Mailänder Scala als Gounods Roméo sowie in Dresden als Interpret geistlicher Stücke gehört habe, debutierte als Violettas Liebhaber in Wien und konnte sich über einen geglückten Einstand sichtlich freuen. Seine Stimme ist dunkel timbriert, sehr kräftig, höhensicher und weist wie bei vielen italienischen Sängern etwas Vibrato auf- das kopfige Gesäusel vieler anderer Alfredos ist glücklicherweise nicht seine Sache. Er interpretierte De´miei bollenti spiriti effektvoll und sang auch die zugehörige Cabaletta – in den Ensembles schonte er sich niemals. Grigolos Spiel war höchst intensiv, leidenschaftlich und zärtlich, bisweilen geradezu veristisch, eben pralles modernes Musiktheater, wie man es gerne erlebt. Überdies hat der junge Künstler eine blendende Bühnenerscheinung, die der Rolle voll entspricht und jedem Filmstar Ehre machen würde- in summa eine höchst erfreuliche Begegnung.

Thomas Hampson ist einer der universellsten und beliebtesten Sänger unserer Zeit und er versteht es, imponierend aufzutreten. Sein Rollendebüt in der Staatsoper kam vielleicht etwas spät in seiner Karriere, aber gestaltete die Partie intelligent und ökonomisch. Manches klang etwas fahl, aber das Publikumsecho war geradezu enthusiastisch.

Von den zahlreichen Trägern der Nebenrollen tat sich niemand negativ hervor, Dan Paul Dumitrescu als Doktor Grenvil fiel sogar recht positiv auf.

Nichts Positives kann über die Inszenierung eines gewissen Jean-Francois Sivadier gesagt werden. Er nahm seine Zuflucht zu einem der ältesten, abgegriffensten Konzepte aus den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts: La Traviata als Opernprobe, wobei diese Idee nicht konsequent durchgehalten erscheint. Chorführung und vor allem die jämmerliche Karikatur des spanischen Balletts erweisen das Unvermögen des Regisseurs auf erschreckende Weise. Das Ergebnis seines Bemühens würde ich als missglückten Versuch eines Dilettanten aus der französischen Provinz, bundesdeutsches „Regietheater“ nachzuahmen bezeichnen, doch Sänger, Dirigent und Orchester triumphierten über diese Malaise und das Publikum im ausverkauften Haus jubelte ausgiebig, vor allem als Grigolo seine Violetta auf die Bühne trug. Er sorgte auch für Heiterkeit, als er sich selbst von einem Kollegen an die Rampe tragen ließ.

Dr. Georg Freund

 

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