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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

08.05.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
18. Aufführung in dieser Inszenierung
8. Mai 2013

Drei neue Rolleninterpreten in Verdis „La traviata“, darunter das Staatsopern-Debut eines Tenors, der zumindest vom Namen her bereits zur Weltspitze gehört – das hat die Sitzplätze der ganzen Serie schnell ausverkauft. Der Stehplatz war nicht so neugierig, auf der Galerie ging es locker zu. Das Publikum reagierte während der Vorstellung zurückhaltend, am Ende mit viel Applaus.

Die Lettin Maija Kovalevska, der Italiener Vittorio Grigolo  und der Amerikaner Thomas Hampson hatten an diesem Abend etwas gemeinsam – eine ausgesprochen offensive Art des Singens mit Neigung zum Forte, wo mezzavoce ausgereicht hätte, die aus Verdis Belcanto im Handumdrehen eine Verismo-Schlacht machte.

Das überzeugte als Interpretations-Möglichkeit, weil alle an einem Strang zogen, auch Dirigent Marco Armiliato. Er stand übrigens ohne Partitur am Pult – das machen manche, aber es wirkt natürlich, als würde man sich ohne LiveVest in einem Kanu im Wildwasser hinunterstürzen. Allerdings ist Armiliato ein italienischer Maestro reinsten Wassers, der eine hoch professionelle, dramatisch aufgeheizte Aufführung ablieferte. Da gab es höchstens minimale Friktionen mit dem Chor und einen Mangel an Lyrik, aber der rasante Impetus des Abends schien gewissermaßen konzeptionell.

Der mit seinen 36 Jahren zwischen Met, Scala, Covent Garden, Berlin und Paris in ersten Rollen engagierte Vittorio Grigolo genießt einen schwankenden Ruf – was möglicherweise an seinen „Crossover“-Anfängen liegt. Oder an seinem Aussehen: Gerne sagt man ihm nach, nur „just a pretty face“ und wenig mehr zu bieten. Das erwies sich beim Wiener Lokalaugenschein als ungerechtfertigt. Dass Grigolo wirklich gut aussieht, einer der hübschen Latin Lovers, wie man sie im Kino sieht, hindert ihn nicht daran, ein voll engagierter Darsteller zu sein, der sich in das Konzept der Wiener Inszenierung fügte und einen wirklich distanzlos-hingebenden, leidenschaftlich liebenden und leidenden Alfred spielte (wenn auch nicht mit der Über-Drüber-Intensität von Villazon zuletzt, aber jeder Künstler ist natürlich ein anderer Mensch). Vor allem aber ließ Grigolo eine mühelose, große Stimme mit baritonaler Mittellage und kräftiger Höhe hören, die er an diesem Abend großzügig verstreute. Stilistisch kämpfte er als Sänger nicht eben mit dem feinen Florett, aber das entsprach dem Konzept des Abends. So, wie diese „Traviata“ hochdramatisch-laut daher kam, gab Vittorio Grigolo darin ein überaus überzeugendes Wien-Debut.

Maija Kovalevska, in der Staatsoper sehr gefördert, gab eine Violetta mit viel Stimmkraft und sicheren Höhen sowie  ordentlichen Koloraturen. Dass sie einen sonst eingelegten Spitzenton strich, beeinträchtigte ihre Leistung nicht, weit eher war es ihre Unfähigkeit, Piani zu singen, die sie zumindest im letzten Akt um die klassischen Wirkungen der Rolle brachte. In dieser „Leere-Bühne“-Inszenierung muss auch unendlich viel Eigenpersönlichkeit (à la Dessay) dazu kommen, um die Figur ohne Hilfe aus sich heraus strahlen zu lassen. So weit ist Maija Kovalevska noch nicht.

Schließlich sang Thomas Hampson seinen ersten Germont in Wien und packte die Figur geradezu überdramatisch an, ein aggressiv bösartig „bellender“ Papa (die Ohrfeige, die er dem Filius verpasste, war nicht von schlechten Eltern), der natürlich höchst präsent war. Allerdings musste er, um mit dem dramatischen Impetus der Vorstellung mitzuhalten, gelegentlich ganz gewaltig forcieren.

Lena Belkina, die als Flora im zweiten Akt ganz schön mit den Hüften schwingen darf, und Donna Ellen, die ihre Annina ungemein ruhig und präsent verkörperte, waren eindrucksvolle Damen am Rande, die Herren (darunter  Marcus Pelz als Baron Douphol – Rollen wie in der „Regimentstochter“ gibt es für Nebenrollen-Darsteller nicht alle Tage) kamen kaum zur Geltung.

Es war eine ungewöhnliche „Traviata“, und die Frage, ob Vittorio Grigolo ein Wiener Publikumsliebling werden kann, steht im Raum. Im Dezember gibt er hier den Rodolfo, allerdings nicht zur Mimi der Kovalevska (die hat im März 2014 Vargas als Partner). Jedenfalls ist eine gewisse Kontinuität zwischen Publikum und Künstlern gewahrt, wenn Hampson auch nächste Saison seinen ersten Wiener Scarpia singen wird.

Renate Wagner

 

 

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