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WIEN / Staatsoper: LA TRAVIATA

17.09.2015 | KRITIKEN, Oper

WIEN / Staatsoper:
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
40. Aufführung in dieser Inszenierung
17. September 2015

Irina LUNGU und Pavol BRESLIK

Irina LUNGU und Pavol BRESLIK   Foto: Michael Pöhn (C) Wr.Staatsoper

 

Es war die dritte Vorstellung dieser herbstlichen „Traviata“-Serie, längst nicht mehr ausverkauft, am Stehplatz schwach besucht, wenig Applaus während der Vorstellung, am Ende aber dann doch große Zustimmung: Man will nicht sagen „Das Stück wirkt immer“, denn die Interpreten hatten ihren ehrlichen Anteil daran, wenn man einen Abend wie diesen auch nur als „Repertoire“ und nicht als Erlebnis verbucht.

Irina Lungu, einst in der Festwochen-„Traviata“ des Luc Bondy noch nicht überzeugend, hat sich die Rolle so erarbeitet, dass sie auch in der unsäglichen Wiener Inszenierung wirkt – sie kennt sich aus, spielt anfangs mit Kraft, Verve, Jugendlichkeit, geht dann schrittweise gebrochen ihrem Ende entgegen. Die Stimme leidet unter einem starken Tremolo, das sie in allen Forte-Stellen einfach „fett“ und nicht schön klingen lässt. Dennoch – ein punktgenaues, lange gehaltenes hohes E zur Krönung der Arie und ein absolut ergreifendes Sterben sind nicht wenig für eine Rolle, zumal man eine attraktive, schlanke Frau auf der Bühne sieht.

Gehen wir davon aus, dass Pavol Breslik im slawischen Repertoire optimal eingesetzt ist (er war sicher der beste Lenski in der gegenwärtigen „Eugen Onegin“-Produktion der Staatsoper), dann hat für den Alfredo erarbeitet, was ein kluger und fleißiger Tenor, der keine geborene „italienische“ Stimme hat, nur erreichen kann. Jedenfalls sitzen Höhen und Ausbrüche, und darstellerisch legte er sich gewaltig ins Zeug.

Carlos Álvarez ist, obwohl seine Krankheit schon länger zurück liegt, immer noch geliebtes Sorgenkind der Opernfreunde, kam aber in der dritten „Traviata“ (offenbar im Gegensatz zu den vorangegangenen Vorstellungen) ganz ohne Probleme über die Runden. Sein noch immer wunderschöner, markiger Bariton fließt zwar nicht mehr so leicht und selbstverständlich wie einst, wird mit mehr Nachdruck eingesetzt, aber er war ohne Einschränkungen die stärkste Persönlichkeit auf der Bühne.

Wobei es durchaus auch angeht, wie er zeigt, den George Germont nun nicht in irgendeiner Hinsicht negativ zu „interpretieren“ (Beispiele dafür haben wie genug gesehen, von Konwitschny bis Keenlyside), sondern einen wirklich noblen Herren auf die Bühne zu stellen (wenn die Ohrfeige für den Sohn auch ziemlich heftig ausfiel). Dieser Mann kommt zu Violetta, um seine Familienprobleme zu regeln, erkennt aber auf Anhieb, dass er hier keine billige Nutte, sondern eine wahre Liebende vor sich hat, und handelt danach. Geht ja auch?

Die Comprimarii des Abends waren durchaus unterschiedlich bei Stimme, die Inszenierung kommt einem immer dümmer vor, je öfter man sie sieht – Germont mit Umbauverpflichtung, er muss selbst zwei Sessel herbeischleppen, damit er und Violetta beim Duett wenigstens kurzfristig sitzen können. So etwas spielt man ein Jahr lang bei einem Festival und wirft es dann in hohem Bogen weg. Wir Opernfreunde müssen jetzt noch Jahrzehnte damit leben.


Michael Schoenwandt. Foto: Barbara Zeininger

Die negativen Beurteilungen, die Dirigent Michael Schønwandt bei „Merker“-Kollegen erhielt, kann man nach diesem Abend nicht bestätigen. Däne hin oder her, der Mann hat tiefes Verständnis für Verdi, für die hoch gespannten, getragenen Passagen, in denen die Musik mit unendlicher Traurigkeit Violettas Schicksal moduliert (die Vorspiele zum ersten und dritten Akt gelangen gleich stark), wie auch in der aufpeitschenden Dramatik. Tempodifferenzen zwischen Bühne und Orchesterraum waren minimal, zupackende Gemeinsamkeit häufig, und es lag sicher auch am Dirigenten, dass das Finale dann so stürmisch beklatscht wurde.

Renate Wagner

 

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