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WIEN / Staatsoper: LA SONNAMBULA

09.12.2012 | Oper

 
Sarah Coburn

WIEN /Staatsoper:  LA SONNAMBULA von Vicenzo Bellini 8. Dezember 2012   
(47. Aufführung in dieser Inszenierung)

Wenn man das Interesse an einer Aufführung am Stehplatzbesuch misst und an den Karten, die vor der Vorstellung angeboten werden (und die absolut keine Käufer finden), dann hat sich das Wiener Publikum für diese „Sonnambula“ nicht eben in Stücke gerissen. Begreiflich, denn man geht ja nicht in ein Weltklasse-Haus, um auf Sänger zu treffen, die (noch) niemand kennt – auch wenn das Abenteuer dann relativ gut ausgegangen ist, was man vorher nicht weiß. Nach der Vorstellung wurden übrigens Werbezettel für „La Straniera“, konzertant im Februar 2013, mit der Gruberova verteilt. Italienischer Belcanto verlangt nun einmal nach Stars. Immerhin – es ist nicht gänzlich ausgeschlossen, dass die Hauptrollensänger dieses Abends noch zu solchen werden.

Sarah Coburn, die 35jährige Amerikanerin, schlank, dunkelblond und sehr hübsch, hat die Amina schon voriges Jahr viermal an der Staatsoper gesungen und ist diesmal – was niemand mehr erwähnte – für die ursprünglich angesetzte Albina Shagimuratova eingesprungen (deren Amina interessant gewesen wäre). Bei Regisseur Marco Arturo Marelli ist die nachtwandelnde Müllerstochter ja bekanntlich zur Saaltochter in einem Schweizer Hotel geworden (eine „Übersetzung“ der Handlung, die nach wie vor vorn und hinten nicht stimmt und immer wieder ärgerlich macht), und das bescheidene, schüchterne Wesen bekommt Sarah Coburn darstellerisch sehr schön in den Griff. Sie ist auch mit ihrer hellen, sicher im Koloraturfach wohnenden Stimme mit der Amina grundsätzlich nicht überfordert und lässt keine technischen Schwächen hören. Freilich, eine ausgewiesene Virtuosin, die ihre großen Szenen dezidiert als Prunkstücke präsentierte, ist sie nicht, und am Ende schmiss sie einfach die Nerven weg: Allerdings ist es wirklich nicht einfach, dass Marelli die Hauptdarstellerin für ihr Jubel-Finale ins rote Abendkleid steckt und frontal mit Diven-Geste ins Publikum singen lässt – da misslang ihr dann das meiste (aber ist das der Dessay zuletzt nicht auch passiert?). Eine attraktive junge Frau, die mit ausgestreckten Armen das Publikum quasi umarmt, kann des stürmischen Schlussapplauses allerdings sicher sein, und einen Großteil davon hat Sarah Coburn auch verdient.

Der aus Teneriffa stammende Celso Albelo – eine kräftige  Erscheinung – hat bisher in Wien nur einen Nemorino gesungen und präsentierte sich erstmals als Elvino. Sein Tenor ist hell genug, um sich für das Belcanto-Fach zu eignen, dabei nicht so „weiß“ und kühl wie andere Stimmen, sondern warm timbriert und sehr schön geführt. Die Spitzentöne werden allerdings mit hörbarer Anstrengung gestemmt. Wenn er das technisch einmal mühelos bewältigt, könnte man sich vorstellen, ihm im gar nicht so reich bestückten lyrischen Tenorfach öfter zu begegnen.

Der Rest war die in diesen Rollen bewährte Hausbesetzung, wobei einem die Darstellerin der Lisa stets leid tut: Sie muss stellenweise ähnliche Koloraturen, ähnliche Höhen und ähnliche Kantilenen bringen wie Amina, ist aber nur die unsympathische Zweite: Ileana Tonca zwitschert sie nicht nur tadellos, sondern macht noch ein tragisches Schicksal daraus. Aura Twarowska ist die arg tremolierende Mutter der armen Amina und hält unerschütterlich zu ihr.

Michele Pertusi scheint seit einigen Jahren ein Abonnement auf den Grafen zu haben, den er ausgesprochen stimmschön singt. Ganz kurz darf sich Tae-Joong Yang als Lisas abgewiesener Verehrer in den Vordergrund spielen, Gerhard Reiterer ist der Notar, der die feierliche Verlobung besiegelt, aus der beinahe nichts wird.

Evelino Pidò ist zweifellos einer jener Repertoire-Dirigenten, bei denen nicht viel schief laufen wird, er zeigte allerdings gerade bei dieser Oper eine Tendenz zu schleppen und zu retardieren, die nicht nur ermüdend anzuhören war, sondern auch nicht immer einfach für die Sänger. Andererseits ist ja Bellini ein Komponist vor allem der ausschwingenden Lyrik und des breit ausgesponnenen Gefühls – vermutlich hält Pidò seine Tempovorstellungen für die adäquate Umsetzung von Bellinis Stimmungswelt.

Renate Wagner

 

 

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