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WIEN / Staatsoper: LA FORZA DEL DESTINO

12.01.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LA FORZA DEL DESTINO   von Giuseppe Verdi
32. Aufführung in dieser Inszenierung
11. Jänner 2012  

Die erste Aufführung dieser „Macht des Schicksals“-Serie litt unter der Indisposition von Fabio Armiliato, der nun durch den aus Venezuela stammenden 38jährigen Aquiles Machado (in Wien ein seltener Gast) ersetzt wurde. Das war ein Glücksfall, wie man ihn bei schnell herbeigeholten Einspringern gar nicht erhoffen darf. Überhaupt war es zum großen Teil (mit einer Ausnahme) ein Opernabend der in hohem Maße reüssierenden Herren. Unter denen kann man gut und gerne Jesús López-Cobos am Dirigentenpult gleich an der Spitze nennen: Schon in die Ouvertüre erwies er den richtigen Sinn für die so unterschiedlichen Spannungselemente des Werks, und in der Folge war er den Sängern ein exzellenter Begleiter (ein paar Mini-Mißverständnisse zwischen Bühne und Graben fielen kaum ins Gewicht) und dem Werk ein wirklich elastischer Interpret, der die Dramatik teils „brüllen“ ließ, die Tragik in großer Innigkeit zelebrierte – gestorben wurde einfach wunderschön…

Was Aquiles Machado betrifft, so gab es eine angenehme Überraschung: Während die Fotos im Internet einen Fettfleck auf der Bühne erwarten ließen, stand da ein zwar ziemlich kleiner, aber durchaus schlanker Mann auf der Bühne (er hat 40 Kilo abgenommen – dergleichen muss man nur Elena Habermann fragen, die in solchen Belangen immer bestens informiert ist). Und wenn es in dieser Schwachsinns-Inszenierung auch nichts zu spielen gibt, so reichte die Stimme aus, um in der Rolle des Alvaro voll zu punkten: Machados kraftvoller Tenor mit Eisenkern und Bombenhöhe, der dennoch nie gefühllos in Richtung Kraftmeierei geführt wurde, machte ihn zu einer ausgezeichneten Besetzung. Und da auch Alberto Gazale mit seinem rau-männlichen, starken Bariton den Idealfall dieser Stimmlage darstellte und die beiden außerdem exzellent zusammen wirkten (die Tenor / Bariton-Duette sind schließlich die Höhepunkte des Abends), sprühte hier die „Italianità“ nach allen Regeln der Kunst. Es hätte einiger übereifriger Claqueure für Machado gar nicht gebraucht (zu früher Beifall ist immer peinlich) – das Publikum des Abends spürte genau, was es an ihm hatte (und an seinem Partner auch) und dosierte den Beifall erstaunlich leistungsgerecht.

Will man weiter von den erfolgreichen Herren sprechen, so muss man auch den durchaus würdigen Ain Anger dazu nehmen (der bei dem Marchese nicht so sattelfest war wie bei dem Pater Guardian – aber reden wir nicht von der unerklärlichen Albernheit dieser Doppelbesetzung). Und dass er keine Ghiaurov-Stimme hat, kann man ihm wohl nicht vorwerfen – wer hat die heute schon?

War Tomasz Konieczny als Fra Melitone schon bei der letzten „Macht“-Serie im September 2010 absolut keine akzeptable Besetzung, so kann man sich nur wundern, dass die Direktion, die ja schließlich Ohren hat und hoffentlich in den Aufführungen drinnen sitzt (oder zumindest zuhört), daraus nichts gelernt hat. Wieder schickt sie einen Künstler in die total falsche Rolle. Ungeachtet der Inszenierung ist Melitone zumindest vom Stimmcharakter her einfach ein italienischer Bassbuffo, und man hörte richtig, dass Konieczny damit stellenweise technische Schwierigkeiten hatte. Abgesehen davon, dass er versuchte, die Partie wie den Alberich zu singen, mit scharfer, aggressiver, hinhackender Stimme und gelegentlicher Tendenz, ganz einfach zu brüllen. Das war verheerend, und man kann den „Buh“-Rufer, der den schmalen Szenenapplaus relativierte, nicht tadeln. Das war einfach ein brutaler stilistischer Gewaltakt, der nicht passieren dürfte.

Was die Damen betrifft, so ist Nadia Krasteva die Preziosilla vom Dienst (hat man in dieser Inszenierung je schon eine andere Sängerin in das alberne Cowgirl-Kostüm gesteckt?), und sie versuchte nicht gänzlich erfolgreich so zu tun, als machte ihr der Blödsinn, den sie abliefern muss, riesigen Spaß.

In Violeta Urmana konnte man nun (nach Nina Stemme und Eva-Maria Westbroek, beide alles andere als ideal für die Rolle) eine Klasse-Leonora erwarten. Lange Zeit war dem nicht so – bis zur Pause klang die Stimme eher substanzlos, die Höhe schrecklich schmal und oft schrill, kurz, es war eine veritable Enttäuschung. Dann allerdings hatte ihr die Generalpause offenbar gut getan (das ist selten der Fall!), und sie sang die „Pace“-Arie trotz einer anfänglichen hörbaren Neigung zum Distonieren dann nach und nach immer schöner, auch mit den geforderten Piano-Höhen, und schließlich starb sie im Verdi-Wohlklang ergreifend dahin und bewies doch noch, dass sie im italienischen Fach ein dramatischer Sopran von Gewicht ist. Wäre nur schön, wenn das einen ganzen Abend lang zu Gehör gebracht würde.

Solide die Nebenrollen (Elisabeta Marin, Marcus Pelz, Wolfram Igor Derntl, Michael Wilder) und der Chor, und dennoch alles andere als ein völlig glücklicher Abend. Das liegt allerdings immer wieder an dieser furchtbaren Pountney-Inszenierung, die Holender dem Haus als schwere Hypothek hinterlassen hat. Abgesehen von kleinen, unabsichtlichen Albernheiten (so, wie Alvaro die Pistole wegwarf, hätte er sich damit bestenfalls in die eigene Zehe schießen, aber nicht den meterweit entfernten Marchese treffen können) waberte der große Schwachsinn – von den kriegführenden Cowgirls über die Moslembruderschaft, die die Mönche ersetzt, bis zum furchtbaren Krankenschwestern-Ballett. Über das Gewurle auf der Bühne, das keine Geschichte erzählt, legen sich irgendwelche nervigen Videofilme, und die schaurige Kostümierung macht den Darstellern ihr Leben schwer – wie soll eine Leonora zu Beginn reüssieren, wenn man sie in unkleidsame Hosen und schlecht sitzende Blusen steckt (in denen eine Schönheitskönigin verwelken würde), wie ein Pater Guardian am Ende würdig den Segen des Himmels über das geballte Unglück herabschwören, wenn er im Anzug hilflos mitten auf der Bühne steht? Es ist nicht nur der Mangel an Ästhetik, es ist der Mangel an Sinnhaftigkeit, der den Opernfreund beim Hinauseilen aus dieser Produktion immer wieder durch die Zähne knirschen lässt: „In diese ‚Macht’ gehe ich nie wieder!“

Renate Wagner

 

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