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WIEN/ Staatsoper: LA FILLE DU RÉGIMENT – Heiterkeit garantiert!

17.09.2016 | Oper

16.9.2016: „LA FILLE DU REGIMENT“ – Heiterkeit  garantiert!

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Julie Fuchs. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Mit Donizettis Buffo-Opern sind wir an der Wiener Staatsoper gut bedient. Neben dem immer noch herzerfrischenden Otto Schenk’schen„Liebestrank“ wurde uns im Vorjahr Irina Brooks köstliche „Don Pasquale“-Produktion beschert und nun ist die Wanderinszenierung der „Regimentstochter“ (Koproduktion mit der MET und Covent Garden) in der Regie von Laurent Pelly ans Haus zurückgekehrt. Wer meinte, sie könne nur in der Premieren-Starbesetzung 2007 (Dessay und Flórez) bestehen, der hat sich geirrt – das Vergnügen wiederholte sich 2013 mit Aleksandra Kurzak und Iride Martinez in der Titelrolle, und die Tenor-Alternative John Tessier verdarb zumindest nichts. Hauptgrund dafür ist die wirklich geglückte humorvolle Inszenierung, die zuvörderst im perfekten Einklang mit Donizettis Musik abläuft. Vergleicht man etwa, wie dümmlich die Choraktion in Bechtolfs „Cenerentola“ abgespult wird, so verdoppelt sich der Spaß hier mit dem Regiment, das so viele Väter für die gemeinsame „Tochter“ bereit hält und diese nicht nur aufgezogen hat, sondern auch mit sehr wohlklingendem, gut artikuliertem und lustbetontem Gesang erfreut und derart musikalisch und dabei urkomisch aufmarschiertoder sich zusammenrottet, um diesen ihren kostbaren Besitz zu verteidigen. Aber auch jeder Auftritt und Abgang mit den Alltagsrequisiten (Wäschekorb, Bügelbrett) und das Aufziehen der Wäscheleine mit den vielen Hemden verläuft urmusikalisch und erhöht damit den Komödiengenuss ebenso wie der Auftritt der mit zitternden Händen auf Stöcke gestützt hereinhinkenden „alten Adeligen“, die der Zwangshochzeit der Marie mit einem (abwesenden!) Aristokraten beiwohnen wollen. Den Triumph der sich von allen Seiten ans Haus heranschleichendenAngehörigen des 2. Grenadier-Regiments, die letztendlich ihr „Kind“ wieder in Besitz nehmen, um es seinem wahren Glück mit einem Tiroler Bauernburschen zuzuführen – diesen Spaß muss man sich gönnen und die Aufführung so oft wie möglich besuchen!

Der vermehrte Einsatz nicht nur von Marco Armiliato, sondern auch von Evelino Pidò am Dirigentenpult hat in letzter Zeit eine beträchtliche Qualitätssteigerung des italienischen Repertoires inklusive der Buffo-Opern mit sich gebracht. Da werden auch die sprudelnden Prestissimi mit Legato-Kultur musiziert und nicht nur Arien oder Duette, sondern ganze Ensemble-Szenen großbögig aufgebaut und mit überquellender Lebensfreude erfüllt.Pidò hat auch in der „Fille“ (für ihn ein Hausdebut) die kleinen und die großen Phrasen, instrumentale Details ebenso wie große Chorszenen organisch miteinander verbunden, sodass keinerlei Leerlauf entstand und das Staatsopernorchester sich zu echtem Mitgestalten der großen Komödie angeregt fühlte.

Hausdebutantin Julie Fuchs war eine Entdeckung! Das lebhaft agierende junge Dame brachte die unbändige Spielfreude und Selbstbehauptung mit, die der „Regimentstochter“ mit der ihr von den Männern vielfach bezeugten Zuneigung gleichsam anerzogen wurde, sodass sie schon im 1. Akt ständig die Lacher auf ihrer Seite hatte. Und sie überraschte mit hellem, beweglichem Sopran, der im Lauf des Abends mühelos und strahlend alle verlangten Höhen erklomm, aber im Hause der adeligen „Tante“ (die sich dann als ihre Mutter entpuppt), wo es ihr so gar nicht gefiel, mit herrlich elegischem Gesang samt wunderbar tragfähiger Stimme in den seidenweichen Kantilenen. Mit einem ähnlich reizvollen Timbre konnte ihrLiebhaber in Gestalt von John Tessier zwar nicht aufwarten, aber er sang mit exklusiv lyrischem Vortrag alles korrekt einschließlich der nur angetippten hohen C’s in der Bravourarie „Mesamis“ und war ein etwas unbeholfener Bauernbursch, dem Frau Marie wohl noch einiges an Haltung wird beibringen müssen.

Aus der Premierenbesetzung ist uns Gott sei Dank der unvergleichliche Carlos Àlvarez als liebevollerFürsprecher sämtlicher „Väter“ erhalten geblieben. Dieser Sulpice entspricht so gar nicht dem Klischee des „komischen Alten“ mit womöglich nur mehr halber Stimme, sondern setzt sich mit kernigem Bariton und viel Herzenswärme kräftig für das Wohl des Mädchens ein. Maske und Kostüm (Glatze und Bäuchlein) für den wohlgewachsenen Sänger sind meisterlich dieser liebenswertältlichen Donizetti-Figur angepasst.

Die adelige Damenwelt brauchte sich auch nicht zu verstecken. Es gab da zwei originelle Rollendebuts: Donna Ellen war eine köstlich überdrehte Marquise de Berkenfieldmit ach! so herzerreißendem finalem Eingeständnis ihres Fehltritts (mit immer mehr Mezzogewicht entwickelnden Sopran) und Ildiko Raimondi ein ungewohnt zartes, attraktives Persönchen mit jugendlich klingendem Sopran als abgehobene, vielsprachige Duchesse de Krakentorp. Marcus Pelz zog wieder alle komischen Register als Hortensius, Gepäck-tragender, vielgeplagter Begleiter der Marquise. Konrad Hubers Korporal und Wolfram Igor Derntls Bauer steuerten als gute Typen ein paar schöne Töne bei.

Zuletzt noch ein Sonderlob dem Bühnenbildner Chantal Thomas, an den Regisseur Laurent Pelly, der auch die Kostüme entwarf,dem szenischen Betreuer Christian Räth, dem Licht- Verantwortlichen Josef Adam, der Choreographin Laura Scozziund last, but not least, dem Chorleiter Martin Schebesta!

Sieglinde Pfabigan

 

 

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