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WIEN/ Staatsoper: „LA FILLE DU RÉGIMENT“ – Balance zwischen Witz und Tiefgang

26.09.2016 | Oper

WIEN/Staatsoper 25.09. 2016: „LA FILLE DU RÈGIMENT“ – Balance zwischen Witz und Tiefgang


Julie Fuchs. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 Langzeit-Staatsoperndirektor Joan Holender ist unbestritten ein Kenner des Opernbetriebs und ein konkurrenzloser Auskenner bei Opernstimmen. Und eine starke Persönlichkeit sowieso. Starke Persönlichkeiten neigen aber auch zu apodiktischen Urteilen.

So tat er Donizettis „Regimentstochter“ in seinem Erinnerungsbuch „Ich bin noch nicht fertig“ etwas blasiert als „seicht“ ab und wollte es nicht im Repertoire haben. Aber mit Nathalie Dessay und Juan Diego Flórez beteiligte er sich 2007 an der Wanderinszenierung des Laurent Pelly (Koproduktion mit dem ROH Covent Garden und der Metropolitan Opera New York). Diese war prompt ein Volltreffer an musikalischem Unterhaltungstheater mit perfekter Balance zwischen Witz und Tiefgang. Insofern ein Sieg des „Auskenners“.

Dominique Meyer holte sie 2013 für zwei Serien und für vier Aufführungen im September 2016 ins Repertoire zurück. Zur Freude des Publikums, denn auch die letzte Aufführung der aktuellen Serie war ausverkauft.

Der kenntnisreiche Gerhard Kramer weist in seinem Programmheft-Beitrag „Ein Italiener in Paris“ überzeugend nach, dass es Donizetti in seiner Opéra Comique sehr auf die „Überwindung des Nur-Buffonesken“ ankam. Beste Beispiele die beiden f-Moll-Arien der Marie, geprägt von Traurigkeit und Verlustängsten eines aus Standesdünkel weggegebenen Findelkindes. Zu Herzen gehend (und vielleicht nur vom genialen Cellosolo in Phillipps Arie in „Don Carlo“ übertroffen) die Englischhorn- und Cellosoli. Wenn das seicht ist…

Freilich gibt es viele operettig anmutende, gassenhauerisch-spritzige Passagen, aber gekonnt und inspiriert geschrieben. Offenbach wetterleuchtet da bereits. Und wenn der Könner Evelino Pidó vom Dirigentenpult aus Feuer anmacht, auf dass die Philharmoniker seinen Gestaltungswillen  mit Verve umsetzen, dann wird’s auch erstklassig, leichtfüßig (selbst die angeblich so martialischen Stellen bekommen da etwas „Augenzwinkerndes“) und schwungvoll.

Der Eindruck: Alle fühlen sich in dieser theatergerechten Inszenierung, sowohl im „Tiroler“ Reliefkarten-Ambiente des 1. Aktes als auch im Schloß Berkenfield des 2. Aktes, wohl und können ihren Spieltrieb ausleben.  Mit einer wohldosierten Portion Klamauk inbegriffen. Was das Publikum mit Gelächter und besonders guter Laune quittiert.

Das beste Hausdebüt seit langem bescherte die junge Französin Julie Fuchs. Sie ist als Marie absolut glaubhaft als ein pubertäres, rabaukenhaftes, rotzfreches, herumschreiendes 15-jähriges Soldaten-Adoptivkind mit burschikosen Allüren. Von adeliger Herkunft keine Spur nach der Zeit bei den Soldaten. Aber auch die verletzliche Seele kommt bei allem Widerspruchsgeist gegenüber ihrem „Adoptivvater“ Sulpice und in ihrer Verliebtheit in den Tiroler Partisanen Tonio immer wieder zum Vorschein. Köstlich die Szene im Schloss, als sie, von Sulpice angestachelt, immer wieder die Umerziehungsversuche der „Tante“ ignoriert  (auch das ein musikalisches Meisterstück Donizettis, wenn sich die gewünschte fade Arie mit den Rataplan-Rhythmen vermischt!). Ihr Sopran: Kerngesund und gerundet in allen Lagen! Von keck-rasanten Koloraturen über leidenschaftliche Dramatik bis zu verinnerlichten Schwebetönen in „Par le rang et par l`opulence“: Alles da. Ihr Bühnentemperament begeistert.

Carlos Àlvarez ist seit der Premiere der Sulpice vom Dienst. Kein Buffo mit Stimmresten, sondern ein liebevoll-schwerfälliger, für einen Militaristen ziemlich verschmitzter Typ mit Selbstironie (und eigentlich gar nicht tölpelhaft!) mit kernigem Bariton, der aber auch die tieferen Töne „hat“.

Der Kanadier John Tessier ist als Typ goldrichtig, optisch und in den Bewegungen noch eher ein Jüngling als ein Mann, daher im Zusammenspiel mit Julie Fuchs absolut glaubwürdig. Sein hoher, „weißer“ Tenor hat (noch) ziemlich wenig Testosteron. Wer allerdings in „Pour mon âme“ die neun hohen C‘s derart souverän serviert, der hat gewonnen.

Donna Ellen (Marquise de Berkenfield, die sich nicht als „Tante“, sondern sogar als die Kindesweglegungs-Mutter entpuppt) und der Verwalter/Butler Hortensio in Gestalt von Marcus Pelz ergänzen mit skuriller Komik. Schließlich Ildiko Raimondi, die mit intaktem lyrischem Sopran sehr geschmackvoll eine Gershwin-Einlage singt, um die Schreckschraube Duchesse de Crakentorp, die ihren Neffen in dessen Abwesenheit mit Marie vermählen will, mit schrillen Tönen zu „erspielen“. Eine schauspielerische Glanzleistung, ganz gegen ihre sonst eher sanfte Ausstrahlung.

Der Chor (Leitung: Martin Schebesta) sang mit Animo und Präzision und mimte die steinalten dekanten adligen Besucher bei der vermeintlichen Hochzeit (mit „Krankenkassa-Gang“, würde Otto Schenk sagen) zwerchfellerschütternd.

(An dieser Stelle ein Erinnerungsblatt an die auch sehr erfolgreiche „Regimentstochter“, noch in deutscher Sprache, in der Volksoper 1972: Die bühnenbeherrschende, aber damals schon fast stimmlose Ljuba Welitsch als Crakentorp, die ebenso bühnenbeherrschende Irmgard Seefried spielte mit Lust eine nervige Marquise; Marie waren damals Reri Grist und kurz darauf die unvergessliche Arleen Auger, beide Weltklasse, Adolf Dallapozza hatte zu den hohen C‘s auch noch Schmelz in der Stimme, und Oskar Czerwenka war mit (immer) einem Hauch „Vöcklabruckerisch“ der witzige Sulpice. Das nannte man damals Starbesetzung!)

Jubel nach dem Happyend, wenn sich Marie und Tonio doch noch kriegen. „Salut á la France“ bekommt als ironischen Tupfer noch einen Hahnenschrei verpasst. Beste Stimmung im Haus. Man darf hoffen, dass das Werk auch künftig im Repertoire bleibt.

Karl Masek

 

 

 

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