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WIEN / Staatsoper: LA FILLE DU RÉGIMENT

05.11.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
LA FILLE DU RÉGIMENT von Gaetano Donizetti
19. Aufführung in dieser Inszenierung
4. November 2013

Da war die Premierenserie mit Dessay, Florez und Alvarez im April 2007, und dann herrschte Sendepause. Heuer sieht man dagegen Donizettis Regimentstochter schon zum zweiten Mal: Im April reüssierte Aleksandra Kurzak als Marie und das Stück hieß zurecht nach ihr, ihr sympathischer Partner John Tessier war eine erfreuliche Draufgabe. Nun, zum dritten „Run“ dieser Produktion von Laurent Pelly, die erfreulich lustig geblieben ist, haben sich die Gewichte verschoben (was vielleicht nicht so extrem ausgefallen wäre, hätte Daniela Fally wie vorgesehen die Titelrolle gesungen). Nun hieß die Oper wieder „Tonio, der Tiroler“ oder noch deutlicher: Juan Diego Flórez.

Worin besteht sein Zauber? Zweifellos in seiner Präsenz. Dieser Tonio ist „da“, von der ersten bis zur letzten Minute, die ihn auf der Bühne sieht, er ist ein übermütiger Spitzbub, der in dieser Inszenierung völlig legitim keine Pointe auslässt, aber er spielt auch eine echte Figur, eine Wandlung vom ländlichen Teppen zum Mann, der um seine Liebe kämpft: So viel darf man Donizetti schon zutrauen.

Wenn man die Stimme von Florez liebt (es gibt Menschen, die mögen sein Timbre nicht, das steht natürlich jedermann frei), dann ist sie einfach wunderbar. Besonders beglückt dabei, dass sie hörbar noch nicht vom Zahn der Zeit angekratzt wurde – dabei ist der Vierzigjährige schon lange genug im internationalen Opernzirkus dabei. Aber er bleibt klug, er hat sein Rigoletto-Herzog-Experiment nicht wiederholt, mag zwar in seinem Fach an Dramatik zulegen, überspannt den Bogen aber nicht. Wirklich „sinnlich“ wird seine Stimme nie klingen, aber sie kann durchaus schmelzen und Wärme ausstrahlen. Und natürlich seine hohen Töne schmettern – neben mir, ein Herr aus der Schweiz, auf einer Musikrundreise, meinte wissend: „Wenn wir lange genug klatschen, wiederholt er die Arie!“ Schön, dass sich die wesentlichen Dinge des Lebens herumsprechen… zumindest unter Opernfreunden.

Ja, das Jubeln fiel dem Publikum nicht schwer, dem Tenor die Großzügigkeit der Wiederholung von „Militaire et Marie“ auch nicht, und vermutlich hat man in dieser Spielzeit noch für keinen Sänger (und wir hatten genügend Außerordentliche bereits da, der Direktion sei Dank) solch entfesselten, glücklichen Beifall gegeben.

Was sich zwischen Florez und dem Publikum abspielt, ist eine Liebesgeschichte, und auch das muss es in der oft so verbiesterten Opernwelt geben. Und in dieser Welt schätze auch niemand gering, was ein Tenor und seine hohen „Cs“ bedeuten, so gern man es auch herunterspielt oder auf Zirkuskunststücke reduziert: Der Oper mag ein Zauber innezuwohnen, und der kommt allemale von den Menschen, den Interpreten, den Primadonnen, den Tenören… Florez ist ein solcher. Das Opernglück war intakt.

12_La_Fille_du_Regiment_Martinez-Florez-Alvarez~2 x Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

Mit Iride Martinez hatte man (zwei absagende Sängerinnen zu ersetzen, ist sicher für jedes Opernhaus ein Alptraum) eine Ensemblemitglied, das bisher nur in Nebenrollen zu hören war, hervorgeholt und ihr eine große Chance gegeben. Bedenkt man, welch großkalibrige Vorgängerinnen sie hatte, so hat sie tapfer gekämpft und sich wacker geschlagen. Die Stimme ist für das große Haus ein bisschen klein und wurde im Laufe des Abends noch kleiner, so dass manchmal nur ein zartes Piepsen blieb, aber sie war schön im lyrischen Ausdruck, locker in der Koloratur, leicht in den Spitzentönen. Sie holte sich nicht den Abend, war aber bei aller Leichtgewichtigkeit eine zufrieden stellende Besetzung.

Es ist immer schön, Carlos Alvarez als Sulpice zu sehen, den dicken, herzenslieben, pointensicheren „Papa“, aber schade ist es natürlich, den eleganten Herren unter dieser Verkleidung gewissermaßen nicht zu erkennen – und noch schader, dass er mit seiner hörbar genesenen Stimme an diese Nebenrolle verschwendet wird. Jetzt muss er wieder seine großen Partien singen (warum nicht den René, der demnächst ansteht – und anderswo ist er Giovanni, Jago, Scarpia, Macbeth, Rigoletto, genau die Rollen, die man von ihm sehen will).

08_La_Fille_du_Regiment_TeKanawa~2 x

Es beglückt immer, den Auftrittsapplaus für Kiri Te Kanawa zu hören, beweist er doch, dass nicht nur Leute im Zuschauerraum sitzen, die blindwütig ihre Apps auf ihren Pads und Tablets hin- und herschieben (obwohl man viele in der Pause dabei beobachten kann), sondern auch solche, die wissen, wer in der Welt der Oper einmal jemand war. Wie sie noch immer aussieht – sensationell! Und man hat Säüngerinnen mit solcher Stimme schon ohne die Ironie der Te Kanawa auf der Opernbühne gehört… Kurz, schade, dass die Duchesse de Crakentorp nur die „Dritte-Akt-Komikerin“ (in diesem Fall ist es der zweite Akt) ist…

Für die Komik waren außerdem Aura Twarowska als wogende Tante / Mama und Marcus Pelz als ihr gequälter Adlatus oder Haushofmeister oder was der Hortensius sein soll, zuständig.

Und man müsste, abgesehen von einigen Nebenrollen, noch den Chor als Ganzes nennen, zumindest jene Herren, die von Regisseur Laurent Pelly als Soldatenkollektiv so geschickt und witzig geführt wurden, dass sie wie ein eigener Mitwirkender erscheinen und beim Strukturieren der Inszenierung gewaltig helfen (abgesehen davon, dass sie trefflich singen).

Nicht so viel Glück hat Donizetti mit den Dirigenten, gestern bei „Anna Bolena“ fehlte die dramatische Stringenz, heute ließ Bruno Campanella Elastizität und Eleganz schmerzlich vermissen. Es mag, oberflächlich betrachtet, ein „Soldaten-Stück“ sein, aber militärisches Gescheppere tut’s nicht. Die Philharmoniker könnens auch anders.

Aber schön war’s doch.

Renate Wagner

 

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