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WIEN/ Staatsoper; LA FANCIULLA DEL WEST – Verismo-Extase oder der Traum von einer besseren Welt

07.12.2016 | Oper

Wiener Staatsoper: VERISMO-EXTASE ODER DER TRAUM VON EINER BESSEREN WELT: PUCCINI’S „LA FANCIULLA DEL WEST“ MIT  WESTBROEK UND CURA (6.12.2016)

Wer einen echten Opern-Krimi aus der Feder von Giacomo Puccini erleben will, sollte sich rasch Karten für die laufende Serie von „La Fanciulla des West“ besorgen. Denn die Geschichte von der resoluten Schankwirtin Minnie und dem feschen Räuber Ramerrez wurde seit der umjubelten Premiere im Jahr 2013 im Haus am Ring erst ein Dutzend Mal gespielt. Es hilft offenbar nichts: obwohl für Caruso 1910 an der MET konzipiert, bietet die Puccini-Oper zum Unterschied zu „Tosca“ oder „Madama Butterfly“ nur einen einzigen „Schlager“ („Ch’ella mi creda“). Es ist dies jene Arie unter dem Galgen, in der Dick Johnson, der entlarvte Bandit, seine Verfolger bittet, Minnie nichts über sein drohendes Ende zu erzählen. José Cura singt diesen „Gassenhauer“ übrigens mit elegischem Schmelz: die dunkle Mittellage blüht in der Höhe auf, der Belcanto-Vortrag sitzt. Singen als tenoraler Traum von einer besseren Welt!

Und zweifellos der Höhepunkt einer Vorstellung, die von einigen Handicaps beeinträchtigt wird. Da ist einmal der finnische Dirigent Mikko Frank. Er verwechselt am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper Lautstärke mit Dynamik und Spannung. Da wird gedroschen und auf die „Pauke gehaut“. Fortissimo ist das wichtigste „Leit-Motiv“. Man darf an die subtile Neuinszenierung-Besetzung mit Franz Welser-Möst gar nicht denken. Dafür kann der argentinische Tenor José Cura im Vergleich mit Jonas Kaufmann durchaus mithalten. Das gilt nur eingeschränkt von der neuen Minnie: Eva-Maria Westbroek gerät in der hochdramatischen Rolle des „Mädchens aus dem Goldenen Westen“ (so der Titel der Romanvorlage von David Belasco für das Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini) mehrfach an die Grenzen ihrer vokalen Möglichkeiten. Die elektrisierende Wirkung – etwa in der berühmten Poker-Szene- ihrer Minnie bleibt davon unberührt. Doch oft sollte sie diese exzentrische Rolle nicht singen, die für die Tschechin Emmy Destinn konzipiert war – eine berühmte Senta und Aida, die besonders über eine exorbitante Höhe verfügte. Eva-Maria Westbroek ist eine imposante Kantinen-Wirtin. Sie spielt glaubhaft die einzige  „gestandene“ Frau im Goldgräber-Lager, die von praktisch allen Stamm-Gästen umworben wird. Besonders vom Sheriff Rance, der von Tomasz Konieczny als Mischung aus dem lüsternen Scarpia und dem gehörnten Luigi in „Il Tabarro“ erschreckend naturalistisch dargestellt wird. Die Forte-Attacken  des Dirigenten liegen ihm offenbar. In der Schar von hormongeplagten Minnie-Verehrern fallen ein paar besonders positiv auf: der US-Tenor Joseph Dennis als Nick oder der profunde Bass von Alexandru Moisiuc (Ashby) bzw. der sonore Belcanto-Bariton von Boaz Daniel als Sonora. Immerhin hat fast jeder der „Glücksritter“ eine Mini-Szene, in  der er sein eigenes Profil zeigen kann. Diese Chance nützen: Bror MagnusTodenes, Mihail Dogotari, Igor Onishchenko, Peter Jelosits, Benedikt Kobel, ClemensUnterreiner,Marcus Pelz und AykMartirossian. In Mini-Auftritten sind noch OrhanYildiz und Miriam Albano zu erwähnen sowie Wolfram Igor Derntl als Postillon.

Zuletzt noch ein Wort zu der Inszenierung (samt Ausstattung) von Marco Arturo Marelli. Sie wirkt pseudo-aktuell und hässlich; zugleich erinnert sie an eine norwegische Bohrinsel von heute. Und außerdem ist sie surreal und unlogisch, wenn zuletzt ein Ballon wie zur Mozart-Zeit erscheint, um Minnie und ihren Räuber Ramerrez vor dem Galgen zu retten.

Wer Puccini’s Verismo-Extase schätzt, sollte  die  rare Chance nützen, „ La Fanciulla del West“ zu erleben. Am Ende großer Jubel.

Peter Dusek

 

 

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