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WIEN/ Staatsoper: LA CLEMENZA DI TITO

25.10.2012 | KRITIKEN, Oper

La Clemenza di Tito. Wiener Staatsoper, 24.10.2012

 Nach einer ziemlich desillusionierenden Vorstellung des “Don Giovanni” konnte dieser Abend den Glauben an die Qualität der Staatsoper wieder herstellen.

 Adam Fischer zeigte, dass er ein kompetenter Mozart-Dirigent ist, der das Staatsopernorchester einfühlsam leitete. Es war interessant zu hören, wie genau er den sich schon ändernden Stil von Mozart herausarbeitete – in diesem Spätwerk konnte man schon Stimmungen hören, die dem Werk eines frühen Beethoven entsprachen. Die Leistung des Dirigenten stand in keinem Vergleich zu der des Kapellmeisters, der Don Giovanni in der letzten Woche meuchelte. Mozart ist halt nichts für unroutinierte Dirigenten (nun, zumindest nicht an der Wiener Staatsoper).

 Über die Regiearbeit von Jürgen Flimm ist leider wenig Positives zu berichten. Ja, die langbeinigen Models sind nett anzusehen, aber auch hier tendierte der Regisseur dazu, der Musik und den Sängern nicht genug zu vertrauen – die Bühne wird oft durch zu viele unbeteiligte Personen bevölkert. Über Geschmack lässt sich aber bekanntlich nicht streiten, aber ich habe noch niemanden getroffen, der der MA48-Brigade (für Nicht-Wiener: Magistratsabteilung 48 – Städtische Müllabfuhr) zu Beginn des zweiten Aktes etwas Positives abgewinnen konnte. Ein weiteres Ärgernis ist noch die Art und Weise, dass Flimm zum Chor absolut nichts eingefallen ist. Aber zumindest wurden schon einige „Regieeinfälle“ der Premierenserie ersatzlos entsorgt (so muss Sesto kein „Traditore“-Mützerl mehr tragen).

 Die Gesangsleistungen des Abends entsprachen der hohen Qualität des Dirigats und des Orchesters, vor allem Magdalena Kozená wusste bei einem ihrer ersten Auftritte an der Staatsoper zu überzeugen. Sie hat eine für Mozart (und Barock) bestens geschulte Stimme und Technik, konnte die Emotionen des Sesto bestens rüberbringen. Sie ist hoch gewachsen und schlank – daher überzeugt sie auch optisch. Sie agierte auf dem gleich hohen Niveau wie Elina Garanca. Ob jemand die etwas schlankere Stimme von Kozená oder das etwas dunklere Timbre von Garanca bevorzugt ist Geschmackssache. Auf jeden Fall stand da eine Sängerin der Weltklasse auf der Bühne.

 Für mich DIE Überraschung des Abends war aber Hibla Gerzmava. Sie ist die beste Vitellia, die ich persönlich in den letzten Jahren gehört habe. Technisch felsenfest überzeugte sie mit einer breiten Mittellage. Dass sie nicht die „geläufigste Gurgel“ hat und am Beginn der Vorstellung etwas scharf geklungen hat – darüber konnte man hinwegsehen. Da ich das slawische Timbre sehr schätze, war ich von dieser Sängerin sehr angetan.

 Von der Premierenserie übrig geblieben ist Chen Reiss, die den Part der Servilia in jeder Hinsicht souverän meisterte. Alisa Kolosova ist ein neues Ensemblemitglied und sang den Annio fehlerfrei, doch muss sie sich mit Serena Malfi vergleichen lassen, die im Mai diese Rolle einfach perfekt verkörperte. Da auch Elina Garanca oder Jenny Carlstedt in den letzten Jahren in österreichischen Produktionen als Annio zu hören waren, ist die Latte auf jeden Fall sehr hoch gelegt. Verstehen sie mich recht – Kolosova war wirklich gut, aber an diesem Abend die am wenigsten überzeugende (letzte Woche wäre sie die Heldin des Abends gewesen…).

 Adam Plachetka ist für den Publio eine Luxusbesetzung. Es ist jedes Mal eine Freude, die immer voller werdende Stimme dieses so talentierten Sängers zu hören!

 Ein im Vergleich zur Premierenbesetzung gänzlich anderer Sängertypus ist Richard Croft. Seine Interpretation des Titus ist nicht so eine fleischliche, seine Emotionen immer bekämpfende wie die, die Flimm mit Michael Schade erarbeitet hatte. Crofts Titus wirkt abgeklärter – was vielleicht auch mit der Erscheinung des Sängers zu tun hatte. Man nimmt ihm die „Clemenza“ mehr ab. Da es meine erste Begegnung mit diesem Künstler war, freute ich mich, einen weiteren Mozarttenor kennen zu lernen, der ein gepflegtes Legato zu singen vermag, Hätte Croft noch bei exponierteren Noten seine Stimme etwas mehr geöffnet, könnte man von einer nahezu perfekten Leistung sprechen.

 Musikalisch war der Abend ein Hochgenuss. Zuschauer, die auf Plätzen mit Sichteinschränkung gesessen sind, haben von diesem Abend sogar noch mehr gehabt.

 Kurt Vlach

 

 

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