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WIEN/ Staatsoper: LA CLEMENZA DI TITO

19.10.2012 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER:  „LA CLEMENZA DI TITO“ am 18.10.2012

 
Magdalena Kozena, Richard Croft. Foto: Barbara Zeininger

Gott sei Dank (sieht man von der Flimm-Ver-Inszenierung ab) wenigstens ein musikalischer Mozart-Lichtblick inmitten grauer Zeiten. Adam Fischer dirigierte (über ungeöffneter Partitur!) mit Elan und aus dem Orchester war viel schöner Mozart-Klang zu vernehmen. Dass die Regie dem Dirigenten Generalpausen für bestimmte Aktionen verordnet, tat der Spannung nicht gut, aber im Übrigen konnten sich die durchwegs guten Sänger unter Fischers aufmerksamer Stabführung rollengerecht entfalten.

Star des Abends war die Wiener Staatsopern-Debutantin Magdalena Kožena als Sextus, eine Rolle, die wie für sie geschaffen scheint. Groß und schlank, mit markantem Profil und langen Armen, konnte sie wirklich den Jüngling glaubhaft machen, zumal sie ihn auch mit männlichem Gehabe zu spielen vermochte. Ungemein beeindruckend war zudem ihre prächtige, ebenso voluminöse wie geschmeidige, in Höhen und Tiefen gleich beheimatete Stimme, der man Alt-, Mezzo- und Sopranqualitäten zusprechen kann. Viel mimischer und vokaler Ausdruck trug zu einem perfekten Gesamtporträt des verliebten Attentäters bei, den ewige Reue und Verzweilflung quält, ehe er durch des Kaisers Vergebung und Vitellias Schuldgeständnis wieder in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen wird. Eine tolle Leistung, die der von Elina Garanča durchaus ebenbürtig ist. Solche Alternativbesetzungen sind uns willkommen! (Ehemann Sir Simon Rattle hatte sich das erfolgreiche Debut seiner Gattin nicht entgehen lassen.)

In der Titelrolle ein weiterer STO-Debutant: Richard Croft. Zwar ließ er sich wegen einer leichten Indisposition ansagen, die aber höchstens bei einigen übervorsichtig gesungenen Höhen zu Beginn und in der anstrengenden Schlusszene wahrnehmbar war. Ansonsten hörte man eine flexible, schön timbrierte Mozartstimme mit genügend dramtatischem Potential für den Kaiser Titus. Weniger begeistern konnte die zaghafte Rollengestaltung, die zwar von der Regie und kostümlich teilweise mitverschuldet gewesen sein mochte, aber die große humane Persönlichkeit, die vom Komponisten so wunderbar in Töne umgesetzt wurde, kam nicht über die Rampe. Croft spielte brav die vorgeschrieben Zweifelsszenen, wo er Sesto auf den Leib rückt bzw. sich ihm gegenübersetzt, um den Grund für die unverständliche kriminelle Tat zu erkunden, aber das wollte nicht so recht überzeugen. Stimmlich war er jedenfalls ein Gewinn.

Die ehrgeizige Vitellia wurde von der Russin Hibla Gerzmava mit viel Leidenschaft gespielt und gesungen. Ihr kräftiger Sopran gewann im Laufe des Abends immer mehr an Klangqualität, sodass sie den vielfältigen vokalen Anforderungen von verführerischer Kantilene bis zu dramatischen Attacken gerecht werden konnte. Auch ihre sehr junge Landsmännin Alisa Kolosova steigerte sich als Annio mit ihrem recht beachtlichen Mezzo von Szene zu Szene. Chen Reiss konnte als aparte Servilia zwar optisch fesseln, aber nur mit durchschnittlicher Stimmqualität aufwarten. Allerdings ist ihr schmaler Sopran technisch gut fundiert. Zu einer Bombenrolle macht Adam Plachetka den Publio. Nicht nur dominiert er allein schon durch seine Körpergröße die Szenen, in denen er auf der Bühne steht, sondern auch durch seine darstellerische Wachheit zwischen wohlmeinendem und das Geschehen hinterfragendem Berater des römischen Kaisers und zuvörderst natürlich mit seinem prächtigem Bassbariton, der jedoch nie den Mozart-Rahmen sprengt. Wir wären ihm in diesen Tagen auch gerne als Figaro, Graf, Masetto oder Don Giovanni begegnet…

Der Staatsopernchor (Leitung: Martin Schebesta) im Konzert-Look tat, was ihm inmitten der Tsylpin’schen Müllhalde zu tun übrig blieb: er sang schönsten Mozart!

Und eben dieser Mozart, der mit dieser seiner letzten opera seria auf das nicht zu verachtende Libretto von Metastasio ein musikalisch-sychologisches Meisterwerk geschaffen hat, erwies sich trotz aller optischen Misere wieder einmal als stark genug, um uns dennoch zu verblüffen.

Sieglinde Pfabigan

 

 

 

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