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WIEN / Staatsoper: LA CENERENTOLA von Gioachino Rossini

Italianità à la Rossini - ideal für die Faschingszeit

19.01.2020 | Allgemein, Oper

Magarita Gritskova als Angelina/Cenerentola. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: LA CENERENTOLA von Gioachino Rossini

42. Aufführung in dieser Inszenierung

18. Jänner 2020

Von Manfred A. Schmid

Manche Erfahrungen wiederholen sich: „Was kann man sich Schöneres wünschen, als an einem Wintertag, der mit Neuschnee begonnen hat, für ein paar Stunden in das Land der Träume und Sehnsüchte entfliehen zu können?“ Der Satz, mit dem der Rezensent im Jänner des Vorjahres seine La Cenerentola-Kritik eröffnet hatte, könnte ohne Weiteres auch für die erste Vorstellung der Oper in der aktuellen Aufführungsserie hergenommen werden. Das bezieht sich nicht nur auf den Wintereinbruch. Auch ein Blick auf die Besetzungsliste lässt einen erfreulichen Opernabend erhoffen: Erwartungen, die tatsächlich weitgehend eingelöst werden.

Die Inszenierung von Rossinis La Cenerentola (Premiere Jänner 2013) gehört zu den gelungeneren Arbeiten von Sven-Eric Bechtolf. Im grellbunten Ambiente der 50er Jahre (Bühne Rolf Glittenberg, Kostüme von Marianne Glittenberg) vollzieht sich der märchenhafte Aufstieg der zum Dienstmädchen degradierten, von Vater und Schwestern schikanierten Angelina zur Frau des Prinzen Don Ramiro. Obwohl sich Don Ramiro eigentlich nur aus Staatsräson auf Brautschau befindet, fühlen sich beide vom ersten Augenblick an zueinander hingezogen. Alidoro, der kluge Berater und Erzieher des Prinzen, zieht im Hintergrund geschickt die Fäden. Einem Happyend steht nichts im Wege.

Im Zentrum steht natürlich La Cenerentola/Aschenputtel (Angelina). Margarita Gritskova ist eine stimmige Besetzung für diese Titelpartie. Die aus St. Petersburg stammende, in Wien immer gern gesehene und gehörte Mezzosopranistin setzt bei ihrer Gestaltung vor allem auf die Akzentuierung des demutsvollen, duldsamen Charakters der Angelina. Sogar im Augenblick ihres größten Triumphs, bei der Hochzeit mit ihrem Märchenprinzen, bleibt sie bescheiden und kann nicht aus ihrer Haut heraus. Rührend komisch, wie sie da im weißen Brautkleid am Boden kniet, um den Souffleurkasten abzustauben. Diese treuherzige Angelina muss man einfach gernhaben, zumal Gritskova auch stimmlich nichts schuldig bleibt und die fordernden Koloraturen, in der tiefen Lage ebenso wie in der Höhe, souverän meistert. Nur einmal, ganz am Schluss, als sie in aller Bescheidenheit auftritt und ihrer Familie, die ihr bis zuletzt so übel mitgespielt hat, großmütig verzeiht, erklingt ihr hingehauchtes Pianissimo fast zu tonlos. Da stößt (übertriebene) Bescheidenheit an stimmliche Grenzen.

Antonino Siragusa ist dem Alter nach ein Prinz, für den es tatsächlich schon hoch an der Zeit wäre, unter die Haube zu kommen. Stimmlich aber ist er ein gefühlvoll seine erwachende Liebe zu Angelina beschwörender Don Ramiro. Ein heller Tenor ohne Schwierigkeiten mit den Spitzentönen, vielleicht etwas zu wenig belcantesk und auch nicht gerade viril im Klang.

Das Ensemblemitglied Orhan Yildiz hat sich in den letzten Saisonen in verschiedensten Rollen von Mal zu Mal gesteigert und ist zu einer vielseitig einsetzbaren Stütze des Hauses herangewachsen. Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie er sich mit seinem angenehm timbrierten Bariton in die Rolle des übermütigen Diener Dandini eingelebt hat, der sich für einige Zeit als Prinz ausgeben darf, dabei aber eher wie der lokale Schlagerstar aus der dörflichen Festzeltszene wirkt.

Eine lächerliche, aber in ihrer auch vor physischer Gewaltausübung nicht zurückschreckender Rücksichtslosigkeit gegenüber Angelina auch bedrohliche Figur ist Don Magnifico, der abgewirtschaftet habende Baron, der durch die Verehelichung einer seiner beiden weiteren, von ihm bevorzugten Töchter wieder Ansehen, Reichtum und Einfluss zu gewinnen hofft. Alessandro Corbelli ist ein in Bufforollen bewährter, spielfreudiger Haudegen., der schon seit den 70er Jahren international auftritt. Kein Wunder, dass seiner Stimme schon deutliche Verschleißspuren anzumerken sind. Mit seinem weiterhin höchst vital wirkenden Komödiantentum gelingt es Corbelli aber, das Publikum sofort in seinen Bann zu ziehen, was ihm auch beim Schlussapplaus deutlich gedankt wird. Don Magnificos eitle, selbstgefällige, verzogene Töchter – so richtige Ganserln (nicht unähnlich den Schülerinnen, die auf der Galerie für Unruhe sorgen) – sind mit Svetlana Stoyanova (Tisbe) und Ileana Tonca (Clorinda) aus stimmlicher wie auch darstellerischer Sicht ausgezeichnet besetzt.

Als Mastermind Alidoro ein ziemlich spätes Debüt an der Staatsoper hat Adrian Sampetrean. Der rumänische Bass-Bariton, schon 2011 als Leporello bei den Salzburger Festspielen in Erscheinung getreten, ist – als EInspringer für den erkrankten Roberto Tagliavini – eine Bereicherung des Abends. Mit wohlklingender, Ehrfrucht gebietendee Stimme sorgt er dafür, dass letzten Endes alles – wie von ihm mit psychologischem Gespür geplant – gut ausgeht.

Rossinis „dramma gicooso“ braucht aber nicht nur sieben fein aufeinander abgestimmte Protagonisten auf der Bühne, auch der Chor spielt eine wesentliche Rolle. Es ist zwar nur ein Männerchor gefragt. Dieser aber hat in seinen Reihen ein paar als Frauen verkleidete und graziös auf hohen Stöckelschuhen einherschreitende Mitglieder aufzuweisen, die das Geschehen beleben und für Heiterkeit sorgen. Dirigent des Abends ist Evelino Pidò, bei dem die schwungvolle Musik in besten Händen ist.  Italianita à la Rossini. Was will man mehr? – Kurzum: Dieser Opernabend passt ausgezeichnet in die Faschingszeit! Der Applaus fällt jedenfalls um einiges heftiger aus als gewohnt.

 

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