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WIEN/ Staatsoper: LA BOHÈME – gediegenes Repertoire

30.10.2014 | KRITIKEN, Oper

La Bohéme – Gediegenes Repertoire. Wiener Staatsoper, 29.10.2014

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Valentina Nafornita, Alessio Arduini. Copyright: Wiener Staatsoper/Barbara Zeininger

Die unverwüstliche und meiner Meinung nach unverzichtbare Produktion von Franco Zeffirelli hat auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, gehört aber zu den „Unverzichtbaren“ des Wiener Opernbetriebes. Noch immer ist das Opernpublikum von der Farbenvielfalt des 2.Aktes und dem unglaublich stimmigen dritten Akt angetan – mit Ausnahme von Tierschützern, die mit dem armen Esel im Quartier Latin mitleiden. Wie immer in der Ära Meyer war die Vorstellung szenisch bestens einstudiert und auch die Mitglieder des Staatsopernchors hatten ihre eigenen, kleinen Rollen zu spielen und brachten somit viel Bewegung in die Szenerie.

 Dan Ettinger war für die musikalische Umsetzung zuständig. Selten wurde eine Bohéme-Vorstellung so ohne den typischen „Puccini-Sound“ über die Bühne gebracht. Man will ja nicht unbedingt einen Zuckerguss, allerdings kam da – besonders im ersten Akt ab „Soave Fanciulla“ so überhaupt keine Stimmung auf – es war extrem trocken. Da ich dieses Mal im Parkett saß, kann ich nicht sagen, wie es auf der Galerie wirkte, aber ich hatte den Eindruck, dass er ziemlich laut und wenig einfühlsam dirigierte. Ich hoffe, dass sich das später in der Serie ändern wird. Das Staatsopernorchester spielte unauffällig auf sehr gutem Niveau.

 Neu in der Rolle des Rodolof war Dmytro Popov, der etwas uneinheitlich sang. Er hat ein schönes Timbre mit leicht metallischem Glanz, seine Acuti waren hervorragend, doch ließ er es in den lyrischeren Passagen an Wärme fehlen. Eine endgültige Beurteilung seines Leistungsvermögens kann man sicherlich erst nach der Serie abgeben – vielleicht war er auch etwas nervös oder er musste auch dem doch recht unsensiblen Dirigat Ettingers Tribut zollen. Schauspielerisch gab es an ihm nichts auszusetzen.

 Dies gilt auch für die restlichen Bewohner der Wohngemeinschaft, denen man pauschal eine überdurchschnittlich gute Leistung zusprechen muss. Alessio Arduini hat sich vom Schaunard zum Marcello heraufgesungen und ist eine wirklich gute Besetzung dieser Rolle. Man nimmt ihm einerseits vom Aussehen den Künstler ab, andererseits ist er als emotioneller, heißblütiger Maler bestens geeignet. Zum wiederholten Mal habe ich einen äußerst positiven Eindruck von Jongmin Park gewonnen, der einen wirklich schönen Bass besitzt. Auch die Mantelarie war mit Gefühl gesungen (obwohl da gibt es natürlich noch Platz nach oben, aber das wird mit der Erfahrung noch kommen). Ich mag die Wärme seines Timbres und auch die schöne, volle Tiefe. Adam Plachetka ist eine Luxusbesetzung als Schaunard. Altersmäßig passten alle vier Sänger sehr gut zueinander und waren insgesamt sehr harmonisch.

 Alfred Sramek als Benoit/Alindor machte seine üblichen Späßchen und rundete die Herrenriege ab, Wolfram Igor Derntl war ein guter Parpignol.

 Valentina Nafornita erinnert mich bei ihren Auftritten an die des Clemens Unterreiner vor zwei oder drei Jahren – sie hat eine enorme Bühnenpräsenz (und weiß das natürlich) und tut alles, um diese zu unterstreichen. Vielleicht wäre auch da in gewissen Phasen ein klein wenig Weniger sogar Mehr! Nichtsdestotrotz war es ein besonderes Vergnügen, die Sängerin, die sich schön langsam zum Publikumsliebling mausert und die ich unter den aktuellen weiblichen Ensemblemitgliedern als „Rising Star“ bezeichnen möchte, auf der Bühne agieren zu sehen. Wie schon gesagt – „she steals the show“, wie es so schön auf englisch heißt, – wenn sie ihren Auftritt hat. Ihre Musetta ist eine kleine Zicke, die jeden um den Finger wickelt. Ihre besten Szenen hat sie im 2.Akt. Ihre Stimme ist – was Wunder – noch in Entwicklung. Sie hat eine schöne Mittellage, sollte sich aber bei den Spitzentönen manchmal etwas zurücknehmen. Aber wir sprechen da von einem „Work in Progress“ und bei sorgfältiger Planung wird sie dem Publikum in Zukunft noch viel Freude bereiten!

Die Mimi des Abends hätte im Vergleich zur Musetta gegensätzlicher nicht sein können. Schon in dem Moment, als Krassimira Stoyanova die Bühne betrag, legte sich der Hauch des Todes über die Szene. Die der Staatsoper über viele Jahre hinweg eng verbundene Sängerin gehört zu denen, die immer eine Bank sind und wo man eine solide bis überdurchschnittlich gute Leistung erwarten kann. Wie schon oben erwähnt, litt der ganze erste Akt ein wenig unter dem Dirigenten und so konnte Stoyanova ihre Sonderklasse erst im dritten und vierten Akt so richtig ausspielen. Dass sie im Vergleich zu den anderen Sängern ein wenig mütterlich wirkte sei kurz angemerkt, hatte aber keinen Einfluss auf das „Gesamtpaket“.

 Der Applaus war recht kurz, es gab nur einen Solovorhang für die Sänger, Dan Ettinger verzichtete auf einen solchen. Den meisten Zuspruch erhielten Stoyanova, Plachetka, Nafornita und Arduini.

 Kurt Vlach  

 

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