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WIEN/ Staatsoper: LA BOHEME – – „Essa(è) la poesia“

16.11.2016 | Oper

14.11.2016: „LA BOHÈME“ – „Essa(è) la poesia

Man sollte es nicht glauben: In einer simplen Repertoire-Aufführung, während eigentlich die sog. „erste Garnitur“ der Wiener Staatsoper in Japan weilt, kommt in der 53 Lenze zählenden Inszenierung von Franco Zeffirelli eine Vorstellung zustande, die alles in allem reinste Poesie darstellt. Wie das möglich ist?

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Jinxu Xiahou, Anita Hartig. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ganz einfach, wenn alle Beteiligten dazu fähig und willig sind. Sascha Goetzel gab es vom Pult aus vor: Er verstand das von Puccini notierte ff am Beginn (Holzbläser, Streicher, Hörner) richtig als Spiel im Spiel – ein Dichter und ein Maler haben das „Sagen“ und tun es mit Leichtigkeit auch singend, denn der Dirigent hilft ihnen dabei, ihre schöpferische Tätigkeit, die es gegen die herrschende Kälte aufrecht zu erhalten gilt, als jugendlichen Überschwang kundzutun. Ein echtes  „Allegro vivace“ war das! Erfreulicherweise überzeugen uns nach dem mit wechselnder Dynamik bunt gemischten Instrumentarium, mit dem der Komponist Marcellos ersten Temperamentausbruch begleiten lässt, sehr bald – bei Marcellos Frage an Rodolfo „Chefai`“  Dirigent und Orchester- der Bezeichnung „colcanto“ folgend – , dass wir in einer italienischen Oper sind! Der Tenor darf sich mit der humorig-schönen Anklage gegen die „cielibigi…“ in eine hinreißende Kantilene aufschwingen. Und kantilenenselig bleibt der Rest des Abends – ohne Leerläufe. Niemals, auch nicht im Menschengetümmel vor dem Café Momus, wird orchestral ohrenverletzliche Lautstärke geboten. Es bleibt- ohne Gewaltanwendung – bei prallem Leben, das mühelos über den tristen Hintergrund kranker und besitzloser junger Menschen hinwegtäuschen kann und soll. Die trotzdem existente junge Liebe und deren leidvolles Ende sind aber so voller Poesie in Wort und Ton – und dank der werkgerechten Inszenierung – auch optisch wahrnehmbar, dass der Freude für den Zuschauer und – hörer kein Ende ist. Dass die Musik in den stilleren Momente nie sentimental wird, ist ein weiteres Positivum dieser lebendigen Wiedergabe. Die Schlüsselsuche im 1. Akt, wirklich „dolce e legato“, der Übergang der rührenden kleinen Szene ins pp und “dolcissmio“ der Violinen bei „Chegelidamanina“ bereiten ein wahres „Seelenvergnügen“. Und die ganze Arie wird zu einer Delikatesse. Wie sich vom „Sonounpoeta“ mit einem Bläser-forte und pp-Streichern ein piano „espressivo“ steigert zum forte „vivo“ + pizzicato  und dann ein beschwingtes pp dolce „povertàmialieta“ einschwenkt…Hinreißend. Und so ließen sich Beispiele noch und noch anführen. Wenn ich jetzt zum Sänger-Lob übergehe, so möge die orchestrale Hllfestellung bei deren vorzüglichen Leistungen im Hintergrund mitgedacht werden.

Als Direktor Meyer bei der Jahrespressekonferenz erwähnte, dass er dem jungen Ensemblemitglied Jinxu Xiahou in dieser Spielzeit erstmals den Rodolfo anvertrauen werde, weil er wisse, dass der ihn singen kann, ließ man das unsererseits mit Fragezeichen im Raum stehen. Die sind nun eliminiert, denn der chinesische Tenor hat die ideale Stimme für diese Partie, spielte die Rolle mit Herz und Temperament, ließ die heiteren Momente nicht zu kurz kommen und warf sich zuletzt schmerzzerrissen auf die tote Mimi. Die erwähnte große Arie sang er genau so, wie Goetzel sie dirigierte – Poesie in Reinkultur, mit einem unforcierten, aus der Gesangslinie heraus siegreich intonierten „speranza“-C! Seine Stimme hatte Saft und Kraft, schwebte und strahlte. Der ideale Stimmführer auch im Quartett der Bohemiens!

In diesem erlebten wir als Hausdebutanten den chilenischen Bariton Javier Arrey, herkommend aus dem Washington National Opera’s Domingo-Cafritz Young Artist program, ferner als Finalist aus dem Cardiff Singer of the World-Wettbewerb u.a. Mit welcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit er den Marcello sang, mit allen Höhen und Tiefen, kantabel und markant, und die Rolle auch flott und emotional gestaltete, war beeindruckend. „Unser“ Clemens Unterreiner als überaus beweglicher und charmanter Schaunard und der Bass-profunde junge Philosophie-Student Jongmin Park, alle vor Spielfreude kaum zu bremsen, vervollständigten die Künstlergemeinschaft.

Den denkbar berührendsten Kontrast zu so viel männlicher Persönlichkeitspräsenz stellte Anita Hartig mit ihrer zart-zerbrechlichen und dennoch mit innerer Kraft und sich frei entfaltendem Höhenleuchten bezaubernde Mimi dar. Sie bringt genau jene Innigkeit im Ausdruck mit, die den Puccischen Kantilenen jeden Anflug von Sentimentalität nimmt. Da ist eben jedes Gefühl echt. Ebenfalls als Hausdebutantin hörten wir die Italienerin Francesca Dotto, die sich als Musetta problemlos ins Ensemble bzw. in Kostüm und Szene einfügte und tadellos sang. Das ganz Besondere, das nicht nur den verliebten Marcello aus dem Häuschen geraten lässt, konnte sie an diesem Abend noch nicht bieten. Wolfgang Bankl bot eine derbere Variante des Benois und Alcindor (verglichen mit Alfred Šramek), aber mit großem Stimmeinsatz. Parpignol war Martin Müller, der Sergeant Dominik Rieger, der Zollwächter Johannes Gisserund der Obstverkäufer Thomas Köbner – in bester Ensemblequalität. Martin Schebestas Chor trug das Seine zum Gesamtvergnügen bei.

Wenn man am Ende feststellt: Die „Bohème“ ist eine der allerbesten Opern aller Zeiten – sie hat die richtige Länge von 2 ½ Stunden, mit einer Pause genau in der Mitte, 4 gleich gute und abwechslungsreiche Akte,  Tragik gemischt mit „comicrelief“, glaubwürdige Charaktere und eine jedem großen und kleinen Kind auf Anhieb verständliche Handlung – gibt es ein größeres Kompliment für einen Komponisten? Wohl kaum. Aber dieser Eindruck will erarbeitet sein. Das geschah an diesem Abend. Jedoch mit dem Anschein größter Natürlichkeit.

Sieglinde Pfabigan

 

 

 

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