Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: LA BOHÈME – Derniere

08.11.2014 | Oper

WIENER STAATSOPER: LA BOHEME am 07.11.2014 – Derniere

 Besucht man in der Wiener Staatsoper eine „La Bohème“, kann schon einmal optisch nichts schiefgehen. Die geniale Zeffirelli-Inszenierung, die nach über 50 Jahren und über 400 Vorstellungen nichts von ihrer Spritzigkeit und Frische verloren hat, erlaubte schon Generationen von Singschauspielern eine authentische Interpretation dieses Fixsterns jedes Opernrepertoires. Leider konnten die Eindrücke aus dem Orchestergraben wieder einmal nicht ebensoviel Freude bereiten. Der Mannheimer GMD Dan Ettinger wählte eine teilweise gehetzte, grobe und oft überlaute Spielweise, die besonders den noch unroutinierten Rodolfo an und über die Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten drängte. Mit Wehmut dachten wir an die sensible, einfühlsame Interpretation von Andris Nelsons im Vorjahr, der aufzeigte, zu welch schwelgerischen Gefühlen und zarten Stimmungen das Staatsopernorchester fähig ist – wenn man es lässt.

 Zum Glück erlebte man auf der Bühne gutes bis sehr gutes Repertoiretheater mit einer Mimi der Extraklasse. Krassimira Stoyanova beherrschte mit ihrer großen Stimme alle Gefühlsregungen und gestaltete  – dank genauer Kenntnis der Akustik des Hauses – berührende Piani, ließ sich aber auch von den ungestümen Klangwogen aus dem Orchestergraben nicht „zudecken“. Weder im Dramatischen noch in der tiefen Mezzo-Lage klingt ihre Stimme scharf oder angestrengt: Wohlklang pur – eine Weltklasseleistung.

 Das Künstlerquartett ist mit gut harmonierenden Sängern besetzt, die eine eindrucksvolle schauspielerische Darstellung bieten. Dmytro Popov, ein junger ukrainischer Tenor mit sehr schönem Stimmmaterial war ein guter Rodolfo. Mit schön fließenden lyrischen Passagen und noch etwas angestrengt wirkenden dramatischen Ausbrüchen ist er bestimmt auf  dem Weg zu einem sehr guten Puccini-Tenor. Neben der grandiosen Krassimira Stoyanova hatte er es  in dieser Serie natürlich nicht leicht. Marco Caria war mit seinem eindrucksvollen, warm timbrierten Bariton ein bewährter Marcello der auch aufgrund seiner künstlerischen Präsenz zum „Chef“ der Studenten-Wohngemeinschaft avisierte. Beim Duett mit Rodolfo im 4.Akt gelang eine sehr schöne Verschmelzung der beiden Männerstimmen. Adam Plachetka war als Schaunard eine Luxusbesetzung und Jogmin Park erfreute mit einer wunderbaren „Mantelarie“ für die er zurecht begeisterten Szenenapplaus erhielt. Sein mächtiger Bass hat durch einen „Hall“ – ähnlich dem von Walter Fink – eine unverkennbare Färbung und ist derzeit eine der schönsten Stimmen des Staatsopernensembles.

 Ab der zweiten Vorstellung der Serie wurde die Musette vom neuen Ensemblemitglied – Aida  Garifullina, einer jungen russischen Sopranistin – gesungen. Ihre schöne, klare, technisch gut geführte Stimme ist bereits von erstaunlicher Sicherheit, ausdrucksstark und in der Höhe angenehm. Eine echte Bereicherung, die uns noch viel Freude machen sollte.

 Nicht mehr ganz so jung, aber trotzden immer wieder eine reine Freude ist Alfred Sramek mit der Darstellung der beiden Nebenfiguren Benoit und Alcindor. Es ist das Merkmal der wirklich großen Komödianten, dass man über ihre Späße, Mimik und Gesten beim zehnten Mal noch genauso herzlich lachen kann wie beim ersten Mal.

 In Summe überwog an diesem Abend die Freude an der ewig jungen Inszenierung, in der die ambitionierten Akteure eine überdurchschnittlich gute Repertoirevorstellung gestalteten. Daran hatte der von Thomas Lang hervorragend eingestellte Chor und der Kinderchor maßgeblichen Anteil. Beide überzeugten nicht nur gesanglich, sondern waren auch – dank einer stimmigen Personenführung – für den Fortgang der Handlung nötig und wichtig. Das Mädchen am Spielzeugkiosk sang diesmal besonders berührend und wärmte unsere großerlerlichen Herzen.

 Vielleicht gelingt es in der nächsten Serie, auch aus dem Orchestergraben den betörenden Puccini-Klang zu zaubern – damit hätte die „La Boheme“ alle Voraussetzungen für einen ungetrübten Opernabend.

 Maria und Johann Jahnas

 

 

 

Diese Seite drucken