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WIEN/ Staatsoper: LA BOHÈME

18.11.2016 | Oper

WIEN / Staatsoper: LA BOHEME am 17.11.2016

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Francesca Dotto, Wolfgang Bankl. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ein großes Auslandsgastspiel der Wiener Staatsoper ist – abgesehen von den erfreulichen finanziellen Auswirkungen – für das Stammhaus eine Gefahr und eine Chance zugleich. Versteckt man sich hinter vielen Ballettabenden und wenig publikumsträchtigen Gastproduktionen, vergrault man die Besucher und riskiert ein halbvolles Haus; überfordert man mit einem zu ambitionierten Programm das daheimgebliebene künstlerische und technische Personal, kann man die gewohnten Qualitätsstandards nicht halten und beschädigt die Reputation des Hauses. Beim soeben abgeschlossenen Japan-Gastspiel ist die Balance zwischen Sicherheit und Ambition recht gut gelungen – die laufende „La Boheme“-Serie ist als Beleg für diese Aussage tauglich.

Ein junger, kompetenter Kapellmeister mit einer jungen, engagierten Sängerriege bereiteten dem daheimgebliebenen Publikum einen stimmungsvollen Opernabend – ohne gehypten Superstar, aber mit einer zeitlos schönen, funktionellen Zeffirelli-Inszenierung, die noch immer mit „ewigen“ Gags unterhält, aber auch für die persönliche Rollengestaltung ausreichende Möglichkeiten bietet.

Sascha Goetzel gelang es mit einem perfekt eingestellten Staatsopernorchester, dem wunderbaren Staatsopernchor (incl. Kinderchor), die von Puccini so ausdrucksstark geschaffenen Stimmungen einfühlsam darzustellen. Besonders die zärtlichen Passagen wirkten ehrlich empfunden – keine Spur von Kitsch oder Zuckerlsüße.

Schon lange nicht mehr haben wir die Sterbeszene so zu Herzen gehend empfunden.

Wie schön wäre es, würde in dieser Situation nicht sofort applaudiert – leider löst die Bewegung des Vorhanges bei vielen Besuchern den Zwang zum Klatschen aus.

Für die schwierige Partie des Rodolfo erhielt das Ensemblemitglied Jinxu Xiahou das Vertrauen und  konnte die Erwartungen erfüllen. In dieser Rolle ist ein aufstrebender Tenor ja nicht nur von der gesanglichen Umsetzung dieser bis ins Detail allgemein bekannten Musik gefordert; auch die vielen großen Rollenvorgänger sind im Ohr des Zuhörers und beeinflussen die Beurteilung des Gehörten. Unter diesen Gesichtspunkten sollte man kleine Ungenauigkeiten ignorieren und den positiven Gesamteindruck aus schöner, tragfähiger Stimme und aus leidenschaftlicher Darstellung genießen. Die drei Kollegen der Studenten-WG waren mit Javier Arrey als  Marcello, Jongmin Park mit wunderschöner Mantelarie als Colline und mit Clemens Unterreiner, dem darstellerischen Hauptakteur als Schaunard gesanglich sehr gut und schauspielerisch hervorragen besetzt.

Anita Hartig wurde vom Publikum für ihre Darstellung der Mimi gefeiert – wir können die Euphorie nicht ganz nachempfinden und meinen, dass diese großartige Sängerin der Mimi (wie auch der Liu) bereits entwachsen ist. Ihr dramatischer Sopran kann die lyrischen Töne nicht mehr mit der erforderlichen Zartheit darstellen und wäre im dramatischen Fach besser aufgehoben.

Francesca Dotto war eine Musetta wie sie sein soll: Temperamentvoll, schrill aber mit großem Herz, wenn es darauf ankommt. Wolfgang Bankl entwickelt sich zum Fixpunkt in den ehemaligen Sramek-Rollen (Benoit/Alcindoro), aber – klugerweise – ohne ihn zu kopieren.

Eine Neubesetzung – oder zumindest eine neue Rollengestaltung ist uns im 2. Akt aufgefallen: Der Esel legte seinen Auftritt nicht so stoisch ruhig wie bisher, sondern aktiver, mit interessiertem Blick ins Publikum an, was aber die gewissenhafte Erfüllung seiner Aufgaben nicht beeinträchtigte. Ein nettes Detail, das zeigt, dass man die Oper nicht zu ernst nehmen sollte: E = U

Maria und Johann Jahnas

 

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