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WIEN / Staatsoper – Kinderzelt: UNDINE

18.04.2015 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Staatsoper – Kinderzelt: 
UNDINE
ROMANTISCHE ZAUBEROPER IN EINER FASSUNG FÜR KINDER
nach G. A. Lortzing
Premiere: 18. April 2015 

Es gab Zeiten, da war der ORF noch kulturfeindlicher als heute (tatsächlich!): Damals hat man Übertragungen aus der Wiener Staatsoper auf handliche 80 Minuten zusammengestutzt, ein verbrecherisches „Best of“, das sich glücklicherweise nicht durchgesetzt hat. Im Grunde tut die Staatsoper nichts anderes, wenn sie für ihre Kinderopern-Produktionen nicht „echte“ Kinderopern wählt, sondern Vorhandenes gnadenlos auf eine Stunde angeblich kindergerecht zusammenschmilzt. Der „Ring des Nibelungen“ war da ohnedies jenseits jeder Kritik (und höchsten Konkurrenz für das allsommerliche Bayreuther Kabarett-Brettl), aber auch „Die Feen“ oder jetzt Lortzings „Undine“ hätten Besseres verdient – Gesamtaufführugen zumindest an der Volksoper, wenn schon des Werkcharakters wegen nicht unbedingt an der Staatsoper selbst…

Warum „Undine“? Weil die Musik unzweifelhaft sehr schön ist? Weil es eine märchenhafte Geschichte ist, die man bunt auf die Bühne bringen kann? Aber verstehen die wirklich sehr Kleinen, die da auf den  Bänken sitzen, irgendetwas vom Seelenproblem der „Wasser“-Menschen, können sie begreifen, warum Hugo die entzückende Undine heiratet, sich dann völlig grundlos seiner ehemaligen Verlobten Bertalda zuwendet (die Erwachsenen greifen sich zudem an den Kopf, weil sich ja herausstellt, dass die Dame gar kein Fürstenkind ist – also nicht einmal Karrieredenken könnte hier als Begründung herhalten), es sich wieder überlegt und dann mit Undine ins Reich des Wassers eingeht? Viel Mystik, viel Poesie, aber doch eigentlich keine für Kinder nachvollziehbare Geschichte? Und das sollte es doch sein, denn wir haben es ja hier nicht mit einem sinnfreien Selbstzweck-Unternehmen zu tun, man spielt doch für die Kleinen…

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Annika Gerhards, links mit Carlos Osuna

Sind all die Einwände vorgebracht, dann ist das, was sich im Kinderopernzelt der Staatsoper unter dem Dach abspielt, hübsch und gelungen. Es wird ja nicht jedes Mal die Katastrophe passieren wie bei der Premiere, dass nämlich der Vorhang streikt und hängen bleibt, so dass tatsächlich Bühnenarbeiter mit Leiter anrücken mussten, um das zu beheben – aber dann ging’s los, und es war lieb.

Eine Bühne (Agnes Hasun), die ihr Wasser-Biotop hat (und am Ende das Eingehen in die Wasserwelt mit dem klassischen großen blauen Tuch bewerkstelligt, das wellenartig bewegt wird), eine Fischerhütte erst, die sich mühelos in Hugos Palast (mit goldenen Türstöcken) verwandeln lässt: Kein Aufwand und doch märchengerecht, wenn die Undine-Braut (immerhin als „Fischerin“ bezeichnet) auch in der Jeans-Arbeitshose heiratet: Am Ende verwandelt sie sich doch in eine wunderschöne Nixe (Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia). Im übrigen ist die Gewandung vage heutig.

Regisseur Alexander Medem arbeitete geschickt mit dem, was er vorfand – die komischen Szenen, die die Kinder im Publikum natürlich besonders mögen, mit den Kindern der Opernschule selbst, die hier das „Volk“ darstellen dürfen und es lebhaft tun (ein paar kriechen auch als eine Art „Molche“ herum), eine geschickte Duplizierung der „Menschen“-Undine durch eine nixenhafte Tänzerin. Dass die Handlung für die Kinder seltsam bleiben muss (in dem Alter können sie die Irrationalität männlichen Handelns, sinnlos von einer Frau zur anderen zu schwanken, ja vielleicht noch nicht nachvollziehen), geht so in viel lebhafter Bewegung unter.

Lortzings Musik, hier voll und  ganz schwelgerisch der Romantik verbunden, klingt nach sich selbst, und das ist gewiss eine besondere Leistung von Bearbeiter Tristan Schulze, der mit dem Regisseur auch die Strich- und Textfassung erstellte, aber als Komponist hier viele Übergänge geschaffen haben muss, die er nie als solche kenntlich macht. Dafür sei ihm Dank. Ein Kammerorchester (sogar mit Harfe!) lässt das alles unter der Leitung von Johannes Wildner wohl klingen.

Für Annika Gerhards, zauberhaft hübsch, jung und schlank, wie sie ist, bedeutet die Titelrolle die Möglichkeit, unter den vielen hübschen, jungen und schlanken Damen des Meyer-Ensembles einmal auf sich persönlich aufmerksam zu machen. Sie tut es mit schöner Ausstrahlung. Die Stimme ist zwar noch in allen Registern ein wenig scharf, aber daran kann man arbeiten.

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Tae-Joong Yang    /   Il Hong & James Kryshak

Von drei vorgesehenen Prinzen (einer davon wird Norbert Ernst sein) durfte Carlos Osuna die Erstbesetzung singen, Lydia Rathkolb war die Bertralda, die klassische „Böse“. Tae-Joong Yang als „bunter“ Wasserkönig Kühleborn machte Effekt (auch weil sein Bariton scharf ins Ohr schneidet), und James Kryshak als Knappe und Il Hong als Faktotum Hans nützten die ihnen gegebenen komischen Möglichkeiten.

Die Kinder der Opernschule waren ohnedies mit Feuer und Flamme bei der Sache, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die auffallend vielen, begeistert knipsenden Erwachsenen bei der Premiere hier zum Teil aus deren Verwandtschaft rekrutiert wurden.

Aller Einwände ungeachtet: Der Abschied vom Kinderzelt ist hübsch und würdig ausgefallen, aber für den Neustart in der Walfischgasse könnte sich die Dramaturgie schon vornehmen, künftig nur „echte“ Kinderopern zu spielen und nicht irgendwelche Meisterwerke minimalistisch zu verballhornen.

Renate Wagner

 

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