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WIEN/ Staatsoper: JUWELEN DER NEUEN WELT II – Ballett

12.04.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

 
GESCHMEIDE AUS DER ALTEN UND DER NEUEN WELT: „JUWELEN DER NEUEN WELT II“ – Ballettabend am 11. April


Maria Yakovleva. Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

Die hochkarätigsten Juwelen dieses vierteiligen „JUWELEN AUS DER NEUEN WELT  II„-Ballettabends (Wiederaufnahme von Einstudierungen aus der vorigen Saison) kommen nicht aus der Neuen Welt, sondern aus Old Europe. Chronologisch: J. S. Bach komponierte seine 3. Orchestersuite um das Jahr 1730, Franz Schubert das Finale seiner Großen C-Dur-Symphonie  1825/26. Die „Haydn-Variationen“ von Johannes Brahms wurden 1873 uraufgeführt, Igor Strawinskis „Capriccio“ 1929. Par excellence edelste europäische Musikkultur. Das Nutzungsrecht für diese Kompositionen haben sich Choreografen mit (unterschiedlichen) Wurzeln in den USA genommen. Und sie haben zu diesem musikalischen Geschmeide ehr wohl exzellente Arbeiten abgeliefert. Anspruchsvolle Tanzkunst mit einer auf akademischer Balletttradition basierenden sensiblen und künstlerisch perfekt ausgefeilten choreografischen Sprache.

Auch hier in zeitlicher Folge, nun auf das letzte halbe Jahrhundert beschränkt. Angeführt von dem im Zarenreich aufgewachsenen, später in New York wirkenden George Balanchine, dem stilprägenden Gründungsvater des tänzerischen Neoklassizismus („Rubies“/alle vertrackten Nuancen von Strawinskis Partitur auskostend). Mit folgenden Entwicklungssträngen: John Neumeier („Bach Suite III“ mit schwärmerischem Sehnen nach gefühlstiefer Schönheit), William Forsythe („The Vertiginous Thrill of  Exactitude“ als wirbeliges Hinwegfegen über die rhythmische Akzente des aufputschenden Allegro vivace von Schuberts 8. Symphonie) sowie Twyla Tharp (Brahms/“Variationen über ein Thema von Haydn“ als luftiger Abglanz der Balanchine-Ästhetik mit fein ironisierendem Unterton).

Also, es sind doch auch waschechte choreografische Juwelen. Mit der geforderten großen Virtuosität und Geschmeidigkeit haben die Tänzer des Wiener Staatsballett diese ihnen sehr genau vorgeschriebenen Attitüden und so manch fulminanten Bewegungsablauf bewältigt. Absolut positiv. Hat auch einer der vielen solistisch eingesetzten Tänzer diesem Abend seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken vermocht? Wohl nicht. Doch mit ihrer mädchenhaften Natürlichkeit, ihrer unprätentiösen Hingabe sei MARIA YAKOVLEVA diesmal an die Spitze des Ensembles gestellt.

Allerdings, eine kleine Spur hochkarätiger hätte es an diesem Abend vielleicht noch gehen können. Wenn nicht schon wieder ein neuer Dirigent am Pult gestanden wäre. SIMON HEWETT: Jung und sicher gut und auch Ballett-erprobt. Doch nach der kurzen ersten Proben-Bekanntschaft mit dem Orchester, nur ein knappes Stündchen vor der Aufführung, ist Strawinskis musikalisches jeu d´esprit-„Capriccio“ nicht ohne einige Stolpersteine zu bewältigen gewesen. Trotzdem: Juwelen. Recht schön funkelnde.

Meinhard Rüdenauer

 

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