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WIEN / Staatsoper: Giuseppe Verdis DON CARLO

Engelsgleiche Stimmen - auf der Bühne sowie vom Himmel herab

07.09.2019 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Anja Harteros als Elisabetta. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: Verdis DON CARLO

27. Aufführung in dieser Inszenierung

6. September 2019

Von Manfred A. Schmid

Zwei Mal Verdi in der Eröffnungswoche der neuen Saison. Während La Traviata auf Grund von (allerdings gut gelösten) Um-Besetzungsschwierigkeiten unter nicht idealen Bedingungen stattfinden musste, hat die Staatsoper mit Don Carlo ihre für exzellente Darbietungen erforderliche Betriebstemperatur erreicht. So kann es weitergehen. Nur die Inszenierung von Daniele Abbado bleibt weiterhin reizlos. Und das Bühnenbild – hier nennt es sich bedeutungsschwanger „Bühnenkonzeption“ – ist grau und gräulich wie immer.

Zu danken ist der Erfolg vor allem der fabelhaften Anja Harteros, die mit ihrer hinreißenden Gestaltung der unglücklichen Elisabetta zeigt, dass sie schon seit einiger Zeit auf dem Gipfelpunkt ihres vielfältigen Könnens angelangt ist, wo sie derzeit souverän und unangefochten verweilt. Die leuchtende Höhe, wendige Mittellage und ausdrucksstarke Tiefe ihres Soprans ermöglichen es ihr, die Gefühlsskala der Königin nuancenreich offenzulegen. Ihr Gesang verströmt Wärme, Leidenschaft und engelsgleiche Reinheit. Berückende Pianissimi, aber auch hochdramatische Ausbrüche charakterisieren eine von Emotionen hin und her gerissene Frau, die sich mit Anstand und Grazie bewährt und ihre starken Gefühle stets unter Kontrolle hält.

Ganz anders ihr königlicher Gatte. Philipp (Filippo II) ist ein verunsicherter Mann, der allzu leicht die Fassung verliert und seinem höfischen Umfeld mit prinzipiellem Misstrauen gegenübertritt. René Pape gilt zu Recht als einer der besten seines Faches, und gerade in der Partie des Königs von Spanien scheint er zur Zeit kaum Konkurrenz zu haben. Papes edler, farbenprächtiger Bass braucht diesmal freilich einige Zeit, bis er im Vierten Akt zur Entfaltung kommt. Ganz in Bestform ist er an diesem Abend wohl nicht, weiß aber das Publikum mit seiner breiten Erfahrung und Ausstrahlung dennoch zu fesseln und zu berühren.

Fabio Sartori als Don Carlo überzeugt bei seinem Rollendebüt mit einem in der Höhe wie auch in den übrigen Lagen sattelfesten und fein timbrierten Tenor. Den ungestümen politischen Revolutionär nimmt man ihm nicht ganz ab, als frustrierter, aufs Ganze gehender Liebhaber kann er aber punkten. Die Partie seines Freundes Rodrigo ist bei Sir Simon Keenlyside in den besten Händen. Dass der verunsicherte König bei ihm Schutz und Beistand sucht, ist nicht seinem kaum spektakulär wirkenden Aufreten verschuldet, sondern seiner Gabe, sowohl diplomatisches Geschick als auch authentische, ehrliche Offenheit sowie Entschlossenheit in seinem Wesen zu vereinen.

Elena Zhidkova ist mit ihrem hellen Mezzo eine gute Besetzung für die Eboli und auch als Darstellerin eine Bereicherung. Schon mit der Schleierarie „Nei giardin del bello saracin“ gelingt es ihr, gut assistiert von Margarita Gritskova als Tebaldo, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Noch mehr Applaus erhält sie für das reumütig und nachdenklich vorgetragene „O don fatal“.

Den Auftritt des Großinquisitors hat man schon unheimlicher und beklemmender erlebt als mit Dmitry Ulyanov. Da fehlt es bei seinem Rollendbüt (noch) an entsprechender Bühnenpräsenz.  Jogmin Park ist ein verlässlicher, stimmstarker Carlo V. Besondere Erwähnung verdienen die Rollendebütantin Diana Nurmukhametova für ihre gelungene, kurze, aber raumfüllende Intervention als Voce dal cielo (Stimme von oben) sowie der von Thomas Lang bestens vorbereitete Männer– und Frauenchor.

Das Staatsopernorchester sorgt unter der aufmerksamen, für die Gesangslinien sehr empfindsamen Leitung von Jonathan Darlington für eine vortreffliche Umsetzung vom Verdis fein und effektvoll instrumentierter Partitur. Rauschende Italianitá und hispanisches Flair wechseln hier einander ab. Die Bläser sind stark gefordert, machen ihre Sache aber ausgezeichnet. Sonderlob gebührt dem Cellosolisten für die ergreifende Einleitung und Begleitung von König Philipps Wehklage. Gedankt wird  dem Ensemble und den Hauptakteuren mit starkem Applaus.

Online Merker (Manfred A. Schmid)

7.9.2019

 

 

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