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WIEN Staatsoper: Giuseppe Verdi DON CARLO

23.05.2016 | Allgemein, KRITIKEN, Oper
DON CARLOS: Ramón VARGAS al Titelrollenträger Ramón VARGAS mit Bèatrice URIA-MONZON als Eboli

DON CARLOS: Ramón VARGAS als Titelrollenträger mit Bèatrice URIA-MONZON als Eboli

Wiener Staatsoper
“DON CARLO” von Giuseppe Verdi
22.Mai 2016
20.
Aufführung in dieser Inszenierung

 

Armiliatos Verdi-Fest

Keine Frage, der Einspringer des gestrigen Abends am Dirigentenpult, der bei der aktuellen Serie der Traviata bereits ein kleines Verdi-Fest einleitete, sorgte auch diesmal durch seinen Einsatz für Glanz im Alltag des italienischen Repertoires. Und wenn in den kurzen Pausen zwischen den einzelnen Szenen oder Akten die Displays vieler Handys aufleuchteten, ja sogar solche aus der Tiefe des Orchestergrabens, so war das nicht einem Desinteresse an der Aufführung geschuldet, sondern dem Umstand, dass der etwas ungewöhliche Verlauf der Stimmenauszählung unserer Präsidentenwahl diesmal fast so viel Spannung hervorrief, wie die Amtsführung eines habsburgischen Despoten des 16.Jahrhunderts.

Denn dem diesmal mit Partitur agierenden Marco Armiliato gelang zusammen mit einem großartigen Ensemble eine in ihrer Geschlossenheit und ihrer Italianitá mitreißende Aufführung, wie sie an diesem Hause schon länger nicht zu hören war. Und wenn Kollege Prochazka in seiner Traviata-Kritik von einer Wiedergabe begeistert war, die er als “federnd und sehnig” lobte, darf ich zu diesen Attributen für den Maestro an diesem Abend auch noch die musikalische Freilegung jener Stimmungen und jenes melancholischen Grundtones erwähnen, die dieses Stück so prägen, wie etwa den Abschied Elisabettas von ihrer Contessa, die Einleitung und Begleitung der großen Arie Filippos oder des traumverlorenen Schlussduetts Elisabettas mit dem Infanten.

Anja HARTEROS mit René PAPE

Anja HARTEROS mit René PAPE

Da waren die Philharmoniker im Graben bereit, jede angezeigte und auch kleinste Tempovariante und Dynamikänderung hörbar zu machen. Und der von Thomas Lang geleitete Chor der Wiener Staatsoper machte aus dem Autodafé auch tatsächlich ein musikalisches Fest, was man von der armseligen Regie nicht behaupten konnte. Denn Daniele Abbado fiel dazu nichts anderes ein, als das Anschleppen nackter Leichen, so als wäre der Kirchenplatz Madrids ein gewöhnlicher Schlachthof. Allerdings tut jedoch die harmlose und bunte Bebilderung des Stücks ansonsten niemandem weh und wurde daher das Team auch prompt mit einem weiteren Regieauftrag für die nächste Saison belohnt. Nein, “Opernhaus des Jahres” will die Wiener Staatsoper nicht werden und wird es mit solchen Inszenierungen auch nicht.

Schon vergangene Saison hätte Anja Harteros ihr Rollendebüt bei uns feiern sollen, jetzt ist sie endlich da – und wie. Der Reinheit und Rundung ihres Gesanges, gerade für diese Rolle unerläßlich, mischt sie eine Menge an Nuancen des Ausdrucks und der Phrasierung bei, so dass jeder Szene, etwa der Widerstand gegen ihren gekrönten und eifersüchtigen Gatten oder die Wehmut beim Gedenken an ihre Heimat oder die versteckte Liebe zu Carlos ein jeweils eigenständiges und gefestigtes musikalisches Portrait einer starken Persönlichkeit am ihr so frenden Hof Spaniens beigemessen ist. Und ihr  “I fior del paradiso a lui sorrideranno” in der Schlußszene klang wirklich nach gesungenem Duft der paradiesischen Blumen. Letztlich spiegelte sich auch ihre schauspielerische Gestaltung in der jeweiligen gesanglichen Darstellung. Ein zurecht umjubeltes Rollenportrait.

Der Dresdner René Pape, ein im Spiel und gesanglichem Ausdruck großartiger aber gnadenlos wirkender König, merkwürdig unbeteiligt und hilflos gegenüber seiner ohnmächtigen Gattin (Ferruccio Furlanetto zeigte in dieser Szene eher einen liebevollen, mitfühlenden Menschen) aber mit stimmlich beachtlichem Einsatz gegen seinen Großinquisitor aufbegehrend. Der Vertreter dieser höheren Mächte, Alexandru Moisiuc, war jedoch hörbar keiner der höheren Töne während René Pape im “Dunque il trono piegar dovrà sempre all’altar!” souverän zeigte, wie man den Aufstieg zu höchsten und den Abstieg zu tiefsten Tönen bewältigt.

Ludovic TÉZIER als prachtvoll singender Posa

Ludovic TÉZIER als prachtvoll singender Posa

Ein Mannsbild von einem Posa, der noch dazu diesmal von stimmlicher Energie förmlich platzte, ein wenig an Cappuccillis Gesangsfluß erinnernd: Ludovic Tézier machte den Lederschurz für den Kraftlackel erst richtig sinnvoll. Aber auch sein Tod und dessen gesanglich toppes ausklingen des Lebens rief Eindruck hervor. Kein Wunder, dass sich der Thronfolger bei ihm beschützt fühlen durfte. Ramón Vargas konnte äußerlich dem so Missverstandenen und Unruhigen auch das richtige Profil verleihen und konnte dazu seinen eher lyrischen Tenor in Bestform zeigen.

Gibt es die Ideale Eboli noch, wie sie für uns einst eine Giulietta Simionato und später etwa Sherley Verrett es waren? (Und ich höre da schon Ludwig und Baltsa usw Rufe). Béatrice Uria-Monzon, die attraktive Sängerin aus der Aquitaine gehört allerdings auch zu jenen Ebolis, die zwar im 3.Akt ein ausgezeichnetes “O don fatale” hinlegen, beim Schleierlied allerdings nicht die unbedingt nötige Leichtigkeit für die Koloraturen vorweisen können.

Den Abend ergänzten mit guten Leistungen in ihren Doppelrollen bei den Herren Jongmin Park als Frate und auch Karl V. sowie Carlos Osuna als Conte die Lerma und Herrold. Ileana Tonca war der quirlige Tebaldo und – auch in einem Rollendebüt – Maria Nazarova eine entsprechend wohltönende Stimme vom Himmel.

Großer und langer Schlussjubel.

 

Peter Skorepa
MerkerOnline
Fotos: M.Pöhn/Staatsoper

 

PS.: Maria Nazarova – die Stimme vom Himmel – ist am 26.Mai 2016 um 19:30 Uhr in der MerkerOnline-Galerie in einem Gesprächsabend zu erleben.

 

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