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WIEN / Staatsoper : Giuseppe Verdi „A I D A“

26.03.2015 | KRITIKEN, Oper
Sondra Radvanovsky, die umjubelte Aida

Sondra Radvanovsky, die umjubelte Aida

Wiener Staatsoper
Giuseppe Verdi  “A I D A”
25.März 2015 / 108. Aufführung in dieser Inszenierung

 

Eigentlich Schade. Da hat sich eine Sängerkonstellation für Verdis komplexes Werk bei uns ergeben, welche sich auch in der Arena von Verona hätte hören lassen können, saftige Frauenstimmen als Aida und Amneris, ein stattlicher und höhensicherer Tenor, der seine Qualitäten auch in gekonnter Phrasierung ausspielt und ein so richtig barbarisch auftrumpfender Bariton als äthiopischer König. Aber da wird das Orchester von einer schwer-bleiernen Hand geführt. Verdi, dessen Opern von jenem gewissen Drive seiner Rhythmik leben, schien stellenweise nicht vom Fleck zu kommen, so als bliebe der Karren im Wüstensand nahezu stecken.

Philippe Augin, dem die Sängerschar anvertraut war, kostete jede Phrase aus, so als scheine er sich in jedes Detail zu verlieben und dabei das Augenmerk auf eine streng und akurat durchdirigierte Aufführung zu verlieren. Er ließ “wertvolle Zehntelsekunden liegen”, würde man in einer Sportübertragung sagen, was in einer Opernkritik vielleicht arrogant und unsachlich klingt und in der Sache unangemessen, aber der Abend hatte damit jene so oft zitierte “gefühlte” Länge bekommen, welche den musikalischen Fluss zäh erscheinen ließ. Nicht das erste Mal, aber an diesem Abend besonders, ist mir unser abhanden gekommener Generalmusikdirektor abgegangen, egal, ob in beratender oder dirigierender Funktion.

Das klassische Verdische Sänger-Kleeblatt führte diesmal Sondra Radvanovsky an, mit einem enorm entwickelten dramatischen Sopran, den sie technisch wunderbar beherrscht und auch für zarte lyrische Phrasen einzusetzen versteht, wie etwa in der Todesszene oder dem, in die musikalische Linie eingebundenen Nil-C. Ein voller Genuß, ihr zuzuhören. Auch ihre Gegenspielerin um die Gunst des Feldherren, Luciana D´Intino führt einen kräftigen Alt vor, höhensicher und mit hörbar fülliger Tiefe. Ihren Hass gegen die Priesterkaste gipfelt in beachtlichen Ausbrüchen.

Franco Vasallo, wie seine Bühnentochter bereits mit Veroneser Arenaerfahrung ausgestattet, zeigt, dass die stattlichen aber auch wilden Amonasros noch nicht am Aussterben sind. Sein “Sua Padre” stellte er unüberhörbar in die Versammlung der Sieger und sein “Dei Faraoni tu sei la schiava” schleuderte er wirkungsvoll seiner Tochter an den Kopf.

Ryan Speedo Green, ägyptischer Pharao

Ryan Speedo Green, ägyptischer Pharao

Verbleibt noch der Feldherr, der ja sichtlich ohne Konkurrenz zu seinen Ehren kommt – oder übersieht man da eine solch gewandete oder uniformierte Person im Rund der Ägypter? Jorge de León, bei uns auch schon in der Uniform der amerikanischen Marine zu sehen gewesen, ist für seine Affaire mit gleich zwei Frauen glaublich attraktiv, auch stimmlich mit genügend heldischem Aplomb ausgestattet, zu lyrischen Phrasen geeignet wenn auch oft gepresst klingend. Ja , die echten italienischen Heldentenöre sind ausgestorben – man findet sie ja auch im deutschen Fach fast nicht mehr – aber dafür wird gefühlvoller an der Seite seiner Geliebten gestorben. Durchaus ein Gewinn.

Wenn man wenig von Interaktionen schreiben kann, dann liegt das einerseits an den wenigen stückimmanenten Möglichkeiten – bis zum Triumpfakt ist das ganze ja eine einzige Stehpartie. Aber auch nach der Pause bieten sich wenig Möglichkeiten an, Personenregie zu veranstalten – und der Regisseur hat das ausgenützt und die Stehpartie fortgesetzt. So bliebe nur festzustellen, dass die so wichtigen Gefangenen ein armseliges Häuflein von Kindern und Weiblein darstellen, die Warnung vor den Feinden (“Prodi sono, la vendetta anno nel cor” – “Helden sind sie mit der Rache im Herzen”) demnach lächerlich erscheint. Kriegsbeute wird auch keine mehr vorgeführt und unser armes Wiener Staatsballett um den Erfolg gebracht wird, weil die Choreographie im Triumpfakt tatsächlich eine klägliche ist. So verkommt diese Aufführung zumindest bis zur Pause optisch zu einer Ansammlung von Gipsfiguren aus dem Andenkenladen.

 Aus dem Stammesemble sind immerhin attraktive und rollendeckende Stimmen aus dem Bassbereich zu hören: der mit seiner dunklen Hautfarbe wunderbar passende Ryan Speedo Green und vor allem der unnachgiebige Oberpriester Ramfis von Sorin Coliban. Eine Luxusbesetzung immerhin stellt Olga Bezsmertna als Priesterin dar und auch Jinxu Xiahou macht seine Aufgabe als Überbringer schlechter Nachrichten gut. Thomas Lang zeichnete für die, in diesem Werk so wichtige  Chorleistung verantwortlich

Nur kurzer Applaus am Ende, gerade für die Titelrollenträgerin erwärmte sich das Haus etwas zu mehr Jubel.

 

Peter Skorepa
MERKEROnline
Fotos: WSO/Michael Pöhn

 

 

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