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WIEN/ Staatsoper: Ludwig van Beethoven FIDELIO

04.06.2015 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ Staatsoper am 3.Juni 2015
Ludwig van Beethoven: „Fidelio“
226.Aufführung in der Inszenierung von Otto Schenk


Robert Dean Smith. Foto: Wiener Staatsoper/ Pöhn

 

Direktor Dominique Meyer widmete die 226. Vorstellung von Beethovens „Fidelio“ nach einer Inszenierung von Otto Schenk und in den Bühnenbildern von Günther Schneider-Siemssen diesem anläßlich seines Ablebens und ersuchte das Publikum vor der Vorstellung um einen Moment des Gedenkens an einen Großen der Branche.

 Damit nicht genug, wartete die gestrige Vorstellung mit vier Rollen-Debuts auf. Unter anderem stellte sich Nina Stemme nach einem einmaligen Auftritt bei einem Gastspiel der Wiener Staatsoper im Teatro alla Scala, Milano, im September 2011 nun auch dem Wiener Publikum als Leonore vor. 

 War es den sommerlichen Temperaturen oder dem Umstand des Rollen-Debuts am Haus am Ring geschuldet, im ersten Akt klang Frau Stemmes Stimme oftmals verhalten, als müsse sie sich erst mit der Inszenierung und dem Orchesterklang anfreunden. Die große Szene der Leonore zeigte, daß diese Partie auch für eine der besten Brünnhilden und Isoldes unserer Tage ein Prüfstein ist. Erst im zweiten Akt  klang Frau Stemmes Stimme rund, voll, und unangestrengt. „Meckern“ auf sehr hohem Niveau also…

 Robert Dean Smith litt als Florestan. Seinem Tenor merkte man die Karrierejahre an. In der Höhe wurde die Stimme dünn. Sie klang gerade in jenen Augenblicken des Glücks leicht gequetscht, wo man auf volle Stimme und Glückseligkeit gehofft hatte.

 Lars Woldt gestaltete die Partie des Rocco, jenen den Typus des Mitläufertums verkörpernden Kerkermeister, welcher seinem Mitgefühl untreu wird, sobald er aus seinen Handlungen Schwierigkeiten für sich selbst zu erkennen vermeint. Herr Woldt sang seine Partie mit einer bewundernswerten Wortdeutlichkeit. Die stimmliche wie darstellerische Präsenz zeigte leider zuviel Konstanz: Nicht alles, was Beethoven Rocco zu singen gab, ist im forte notiert. Und kein Pizzaro der Welt ließe sich von einem Gefängnisaufseher jovial die Hand auf die Schulter legen…

Annika Gerhards bei ihrer ersten größeren Talentprobe

Annika Gerhards bei ihrer ersten größeren Talentprobe als Marzelline

Annika Gerhards debutierte in der Partie der Marzelline und komplettierte mit Norbert Ernst als Jaquino die Archetypen der unbeteiligten Beteiligten, ohne welche Diktatoren und führende Politiker westlicher Demokratien des 21. Jahrhunderts nicht jene komfortable Mehrheiten zu erzielen vermöchten, welche die fortschreitende Einschränkung der Rechte und zunehmende Überwachung (Vorratsdatenspeicherung, TTIP, Sicherheitspolizeigesetz, etc.) der Bürger ihrer Staaten erst ermöglichen. Aber schon 1795 erkannte Beethoven hellsichtig: „[…] solange der Österreicher noch brauns Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“

Annika Gerhards’s Marzelline war die erste größere Aufgabe der jungen Sopranistin an der Wiener Staatsoper. Dementsprechend aufgeregt erschien auch sie im ersten Aufzug, mit oft noch etwas zu leiser und unsteter Stimme. Erst im Ensemble des Schlußbildes verströmte sie ihren Sopran wie von Beethoven intendiert. Es ist Frau Gerhards zu wünschen, dass sie ihre Nervosität den Folgevorstellungen ablegen und sich ihrer stimmtechnischen Qualitäten zu besinnen weiß. Das Potential scheint jedenfalls vorhanden.

 Norbert Ernst war ein verläßlicher Jaquino. Die Partie des Jaquino ist ja eine undankbare, eine „Wurz’n“ in Heinz Zedniks Diktion, aber unerläßlich. Im zweiten Akt muß er ins Verließ hinabsteigen, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann gibt es 20 Minuten Pause, ehe wieder in die Schluß-Ensembles einstimmen darf. Mit überraschend dunkel gefärbtem Timbre und Phrasierung trug Herr Ernst das Seine zum Gelingen des Abends bei. 

 Jochen Schmeckenbecher, welcher in dieser Saison bereits als Musikmeister in der Ariadne auf Naxos einen sehr guten Eindruck hinterließ, welchen er als Herrn von Faninal im Rosenkavalier leider nicht ganz zu bestätigen vermochte, fügte seinen Wiener Partien nun jene des Don Pizzaro hinzu. Leider können wir nicht berichten, dass er gestern die Dämonie des Gouverneurs in befriedigendem Maß zu vermitteln im Stande war: Die Stimme schien oftmals „hinten“ zu sitzen, Vokale erklangen in derselben Phrase unterschiedlich gefärbt, das Ende so mancher Phrase klang mehr als nur herbeigesehnt… Schade.

 Dritan Luca und Ion Tibrea verstärkten den sehr gut disponierten Staatsoperchor als Erster und Zweiter Gefangener in Übererfüllung der in der Regel an solche Partien gestellten Anforderungen. 

 Das vierte Rollen-Debut schließlich gab Sebastian Holecek als Don Fernando, den aus Sevilla herbeigeeilten Minister. Seine Stimme klang interessanter als jene Herrn Schmeckenbechers, mit mehr Mut zur Phrasierung und Gestaltungswillen. Ob man diesen Eindruck nächstens einmal in Partien wie der des Herrn von Faninal oder des Papageno überprüfen wird können?

 Maestro Adam Fischer führte die Sänger und Orchester in bester Kapellmeistertradition durch den Abend. Schon die E-Dur-Overture ließ nur das Beste erwarten. Mit Rainer Küchl und Rainer Honeck fand man das Konzertmeisterpult schließlich hochkarätig besetzt.

 Maestro Fischer besitzt die Gabe des musikantischen Kapellmeisters wie heute nur mehr wenige Kollegen. Allein im ersten Akt gab er mehr sichtbare Einsätze für die Sänger als sein als „Pult-Star“ gehandelter, britischer Kollege in der gesamten Götterdämmerung. Was da gestern aus dem Graben erklang, war gemeinsames Musizieren auf sehr hohem Niveau! Da wurde mitreißend gespielt, auch die Hörner gicksten nicht, kurzum: Orchester und Dirigent wurden ihrem (nicht immer eingelösten) Ruf auf das Beste gerecht.

 Auch gestern stellte  — wie immer, ist man versucht zu schreiben — die seit Gustav Mahlers Direktionszeit eingeschobene, dritte Ouverture zur Leonore den Höhepunkt vieler Wiener Aufführungen des „Fidelio“ dar, welche, wie Wilhelm Furtwängler in einem Aufsatz 1942 ausführte, „[…] zum Rückblick auf das Vergangene, zur Apotheose…“ wird: „Wer jemals die Ouvertüre an dieser Stelle wirklich erlebt hat, weiß, daß es wenige Momente in der ganzen Weltliteratur gibt, wo die Musik mit so elementarer Gewalt zu uns spricht.“ Zwei „Vorhänge“ danach bestätigten Herrn Furtwänglers Worte eindrucksvoll.

 Noch eine Gedanke zum Schluß: Wie schön wäre es, nähmen wir Aufführungen des „Fidelio“ zum Anlass, Marzelline, Jacquino und Rocco in uns zurückzudrängen und mehr Leonore und Florestan zu leben. Dann folgten wir Beethovens Intentionen von 1805 bzw. 1814, und sein Werk erfüllte auch heute seinen Zweck vom immerwährenden Bemühen um eine „bess’re Welt“. Und dazu bedarf es gar keiner „modernen“ Inszenierung, wenn man in einem Bühnenbild von Günther Schneider-Siemssen spielt.

Thomas Prochazka

 

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