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WIEN / Staatsoper: FIDELIO

24.05.2017 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
FIDELIO von Ludwig van Beethoven
24.
Mai 2017
235. Aufführung in dieser Inszenierung

Ein auf den Sitzplätzen ausverkaufter Abend (bei den Stehplätzen war der Andrang nicht so groß), der Dirigent, die beiden Damen und der Rocco debutierten in ihren Rollen an der Staatsoper. Das Endergebnis war überaus beeindruckend – ein dichter, erlebter, von allen Beteiligten mit starkem Einsatz gestalteter Opernabend. Und eines zeigte sich wieder, das sei gleich am Anfang erwähnt und nicht nur Dominique Meyer (der diesbezüglich wohl nichts mehr „anstellen“ wird), sondern auch seinem Nachfolger ins Stammbuch geschrieben: Es gibt Dinge, an die man nicht rühren soll, und die Wiener Otto-Schenk-Inszenierung des „Fidelio“ gehört dazu…

Es gab also eine neue Leonore, die in Wien zu Recht geschätzte, schöne Finnland-Schwedin Camilla Nylund. Sie absolviert seit Jahr und Tag ein anspruchsvoll-dramatisches Repertoire zwischen Salome und Sieglinde, und so etwas lässt auf die Dauer keine Stimme unbeschädigt. Dennoch singt sie eine sehr schöne, vor allem tief empfundene, mit den dramatischen Ausbrüchen nicht überforderte Leonore, wenn sie auch nicht den Stahl der wirklich „Hochdramatischen“ dafür einzusetzen hat. Berührend die Darstellung einer von Anfang an zutiefst Verstörten, die kaum den Schein aufrecht erhalten kann angesichts des Drucks, unter dem sie steht, und die auch am Ende dann nicht gleich die Welt umarmt vor Glück… das ist das Schicksal der Opfer der Opfer, jene, die als Angehörige ebenso zerstört werden wie die, die man ins Gefängnis schleppt oder gar umbringt. Noch nie hat man Günther Schneider-Siemssens Bühnenbild so „konzentrationslagerartig“ empfunden wie diesmal…

Anders als die anderen ist auch die Marzelline, wie sie Chen Reiss bei ihrem Wiener Rollendebut auf die Bühne stellte. Diese junge Frau ist einfach zu ernst, von Anfang bis zum Ende, offenbar hat der Druck der Welt, in der sie lebt, auch auf sie abgefärbt. Denkt man an andere Marzellinen (wie etwa Ildiko Raimondi das immer so reizvoll gemacht hat), die sich nach der Zerstörung der Fidelio-Hoffnung entschlossen Jaquino zugewendet haben, in der Einsicht, zu nehmen, was sie kriegen können, bleibt diese Marzelline, wenn Rocco sie dem Schließer in die Arme schiebt, um Töchterchen zu trösten, recht unglücklich… Aber sie singt schön, sogar besonders schön, hell und sauber mit sicherer, nie schriller Höhe, und man muss sagen, dass vor allem das Quartett im ersten Akt mit den beiden technisch perfekt verhaltenen, dann aufblühenden Frauenstimmen einfach wunderschön war. Und wer sagt, dass Marzelline und Jaquino ein „Buffo-Paar“ sein müssen (zumal Jörg Schneider keinesfalls überdreht, sondern – wie es scheint – fast bewusst im Hintergrund bleibt)?

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Bei den Herren debutierte Günther Groissböck als Rocco. Von seinem sensationellen Met-„Ochs“, der die dortige Opernwelt ganz schön aufgemischt hat, nach Hause zurückgekehrt, zeigt er, dass er keine Extrem-Interpretationen braucht, um ein außerordentlicher Darsteller zu sein. Rocco ist ja nun ein zwiespältiger Charakter, aber Groissböck gibt ihm (dass er das Geld zu gern hat, sei’s drum, das passiert vielen) einfach den durchaus positiven Umriß, den liebenden Vater, den anständigen Brotherren – und den Mann, der das Unglück hat, in einer Unrechts-Welt mitmachen zu müssen, was ihm tiefe Gewissensqualen bereitet. Kein Opportunist, kein klammheimlich Gerne-Mitläufer, wie Regisseure von heute ihn gerne verbiegen, sondern ein (wie es ja auch die Musik erzählt) grundanständiger Mann. Dazu kommt, dass er auch ein so guter Schauspieler ist, dass alle „ungewollten Pointen“ des Sprechtextes hier sich einfach in Selbstverständlichkeit verlieren. Ein noch junger Mann (ins Grab müsste er sich wirklich nicht phantasieren), aber in jeder Nuance eindrucksvoll und überzeugend.

Immer wieder hat man Peter Seiffert als Florestan gehört, und immer wieder ist man froh, dass der Moribunde sich so gesund und strahlend-heldentenoral anhört, wie Seiffert es glücklicherweise immer noch in der Kehle hat (ja, gelegentlich, wenn er sich auf Forte-Spitzentöne geradezu draufsetzt, noch lustvoll ausstellt, wie viel Kraft und Ausdauer er besitzt).

Nicht ganz so stimmgewaltig waren der als Figur düsteren Umrisses doch überzeugende Don Pizarro des Albert Dohmen und der Don Fernando des Boaz Daniel, der ja unvermeidlich eine „Wurzen“ ist, wie hoch man ihn auch besetzen mag… Der „Chor der Gefangenen“ klang prachtvoll, angeführt von Dritan Luca und Johannes Gisser.

Cornelis Meister hat nach Mozart, Strauss und einmal Wagner nun seinen ersten „Fidelio“ dirigiert, was ja ein halber Konzert-Job ist, bedenkt man, dass die „Dritte Leonore“ und gelegentlich auch die „Fidelio“-Ouvertüre gern im Konzertsaal erklingen. Bei Letztgenannter hatte man den Eindruck, dass Dirigent und Philharmoniker sich kurz zusammen raufen mussten, aber dann gab es eine schwungvolle, elastische, die Sänger gefühlvoll begleitende, nur manchmal ein kleines bisschen zu laute und Beethoven als Titan zu schwer nehmende Aufführung, deren „Dritte Leonore“ ihre ganze Kraft entfaltete, Menschen in den Musikhimmel zu heben…

Es ist ein echter Jammer, dass ausgerechnet eine Aufführung wie diese, die der Wiener Staatsoper so viel Ehre macht, nicht per Stream in die Welt geht. Kann man das vielleicht noch veranlassen?

Renate Wagner

 

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