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WIEN/ Staatsoper: FALSTAFF – so wird man nicht „Opernhaus des Jahres“, aber erobert weite Teile des Publikums. Premiere

04.12.2016 | Oper

WIENER STAATSOPER: 4.12. 2016- „FALSTAFF“ – Premiere

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Ambrogio Maestri. CopyrightWiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ungeachtet seiner eigenen Kompositionen ist sicher die größte Bedeutung Arrigo Boitos die, dass er in dem alten Komponisten Giuseppe Verdi nochmals das schöpferische Feuer entfacht hatte. Nach seiner Aida hatte der Komponist eigentlich den Wunsch als Bauer in Sant’Agata zu leben. Doch dem dreißig Jahre jüngeren ehemaligen Revoluzzer gelang es nach der Umarbeitung des Simone, in Verdi das Interesse an neuen Shakespeare-Stoffen zu erwecken und so ist er ganz wesentlich an den beiden Meisterwerken Otello und Falstaff beteiligt.

Maestro Zubin Mehta ist jetzt so alt wie Verdi bei der Uraufführung seines Falstaff und diese Produktion entstand auf seinen Wunsch. Seit acht Jahren war er (mit Ausnahme des Konzerts zum Ende der Holender-Ära) nicht mehr in der Oper am Pult gestanden. Dass das viel zu lange war, bewies er an diesem Abend. Mit leichter Hand zauberte aus dem Orchester das Kichern der Holzbläser und die dröhnenden Lacher des Blechs, das Forte war an den richtigen Stellen laut, aber nicht zu laut und bei aller gebotenen Präzision herrschte doch eine fühlbare Freude am Musizieren.

Ein großer Wunsch Mehtas war, einmal noch einen Falstaff zu dirigieren, bei dem auf der Bühne keine Bearbeitung zu sehen ist, die nach Ansicht der Dramaturgen den Stoff für ein heutiges Publikum erst verständlich macht. Diesem Wunsch kam David McVicar mit seinem Ausstattungsteam nach. Nachdem sich der Zwischenvorhang mit einem Stammbaum des Sie John hebt, ist das Innere des Gasthofs „Zum Hosenband“ zu sehen, umrahmt von einem solide wirkenden Gerüst, das einen bespielbaren Steg in vier Meter Höhe trägt. Dieser Rahmen, der vor allem im zweiten Bild eine sehr gute Möglichkeit bietet, die Frauen- und Männergruppe getrennt (und doch gemeinsam) singen zu lassen, bleibt auch in den weiteren Bildern erhalten, ehe es vor dem Schlussbild in einer kurzen Lichtpause wie von Zauberhand verschwindet, um dem Garten von Windsor Platz zu machen. Da ist dem Bühnenbildner Charles Edwards nicht nur eine ansprechende, sondern auch ein praktische Lösung eingefallen. Die schönen Kostüme von Gabrielle Dalton tragen auch wesentlich zum gelungenen optischen Eindruck bei.

Sir John ist Ambrogio Maestri. Er war das schon oft in der Vorgängerinszenierung und es ist eine Rolle, für die er nicht nur auf Grund seines Aussehens prädestiniert erscheint. Stimmlich zieht er alle Register, kann mit sanfter Stimme seinem früheren Aussehen als Page nachsinnen, aber auch mächtig aufdrehen und L’onore lächerlich machen. Er ist ein Edelmann, der zwar finanziell ein Verlierer ist (Zwei Mark und ein Pfennig waren wohl auch in elisabethinischer Zeit kein großes Kapital), aber den Glauben an sich nicht verloren hat. Sein Galagewand ist so gut es geht gepflegt, wenn er sich schön macht, so kommt nicht als Clown zurück. Sein Gegenspieler Ford ist da finanziell sicher besser gestellt. Ludovic Tézier, der hier sein Wiener Rollendebut gibt, zeichnet einen modebewussten, eifersüchtigen Ehemann, der in seiner Selbstsicherheit aber nicht merkt, dass er selbst an der Nase herumgeführt wird. Stimmlich lässt er keine Wünsche offen und gestaltet vor allem seine große Szene im 3.Bild mit schön timbriertem Bariton. Ein Hausdebut gab der junge Paolo Fanale als Fenton mit einer guten Tenorstimme, die vielleicht schon eine Spur zu schwer für diese Partie ist. Hervorragend das Rollendebut von Thomas Ebenstein seines Gegenspielers Dr. Cajus. Die Stimme ist rollengerecht prägnant. Bei den beiden Dienern war Herwig Pecoraro ein bereits vielfach bewährter Bardolfo, der in der Verkleidung als Feenkönigin um 10 Zentimeter gewachsen schien, während Riccardo Fassi als Pistola erstmals in Wien sang und sich gut in das Ensemble einfügte.

Bei den Damen ist an erster Stelle Hila Fahima eine bezaubernde Nannetta mit silbriger Stimme und entzückendem Spiel. Marie-Nicole Lemieux bringt für die Quickly eine überschäumende Spielfreude und eine breite pastose Tiefe mit. In der Höhe gerät die Stimme leider etwas außer Kontrolle. Ein Hausdebut feierte auch Carmen Giannattasio als Alice. Eine gut ausgeglichene, sauber intonierende Stimme, die auch große Bögen schön auf Linie singen kann. Die Meg war die Norwegerin Lilly Jørstad. Wäre sie nicht vor zwei Wochen in einem Barbiere eingesprungen, so wäre auch das ein Hausdebut gewesen.

Der von Martin Schebesta einstudierte Chor war in seinen beiden Szenen und besonders bei der finalen Fuge bestens disponiert.

Das Publikum dankte mit großem Jubel und beim Erscheinen das Regieteams gab es seit langer Zeit erstmals kein einziges Buh. Mit solchen Inszenierungen, die dem Publikum gefallen, hat die Wiener Staatsoper zwar sicher keine Chance zum Opernhaus des Jahres zu werden, aber könnte das wirklich ein Ziel sein. Ist nicht das Publikum wichtiger als Kritiker ?

Wolfgang Habermann

 

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