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WIEN/ Staatsoper: EUGEN ONEGIN

03.11.2015 | Oper

Peter I. Tschaikowski: »Eugen Onegin«

  1. Aufführung in der Inszenierung von Falk Richter am 2.11.2015

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Christopher Maltman und Dmitri Korchak. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Vier Vorstellungen des Eugen Onegin bescheren den Wiener Opernfreunden ein (rares) Wiedersehen mit Anna Netrebko, der Russin mit österreichischem Paß und New Yorker Wohnsitz. Zum zweiten Mal nach 2013 sorgt sie als Tatjana für ausverkaufte Vorstellungen.

Diesmal allerdings steht Patrick Lange am Pult des Staatsopernorchesters, und man hört es: Die zupackende Hand eines Andris Nelsons geht ihm ab, alles klingt ein wenig langweilig, wie das von Monaten der Sonnenglut zermürbte Land, in welchem Puschkins Roman eigentlich spielt. An diesem Abend schleichen sich schon in den ersten Choreinsätzen Ungenauigkeiten ein, sie werden ebenso wie einige verwackelte Orchestereinsätze und Kickser die Vorstellung immer wieder irritierend begleiten.

Auch Lenskis Wiedersehen mit Olga ändert nichts an der gepflegten Langeweile, welche sich schon im Duett zwischen Larina (Monika Bohinec) und der Filipjewna von Aura Twarowska einstellt. Dmitry Korchak singt den Lenski mit weicher Diktion. Er versteht seinen Sprachvorteil zu nützen, wenngleich es bis in den zweiten Akt dauert, bis er zu jener Form findet, welche man sich als Opernfreund vom ersten Ton an wünschte. Auch stünde »Kuda, Kuda« weniger Larmoyanz ebenso gut an wie seltenerer Gebrauch der Kopfstimme.

Zoryana Kushpler spielt als Olga betroffener als sie singt. Man wünschte doch vor allem aus ihrem Gesang zu erfahren, weshalb Lenski sie liebt. Und warum klingt ihr Russisch so hart im Vergleich zu jenem ihrer Schwester? Anna Netrebko, wohl zum letzten Mal in Wien als Tatjana zu erleben, ist vom ersten Augenblick ihres Bühnenlebens an die ungekrönte Königin des Abends. Die Stimme ist schwerer geworden in den letzten zwei Jahren, und manche Spitzen- und tiefe Töne erfordern ein wenig Nachdruck. Mitten in der Briefszene jedoch ereignet sich jenes Wunder, das man Oper nennt: Auf einmal werden Stimme und Orchester eins, es stimmen Tempo und Klangfarbe. Dies sind jene magischen Augenblicke, für die Opernfreunde leben.

Wenn Anna Netrebkos Tatjana dem Monsieur Triquet von Pavel Kogatin nach dessen Geburtstagsständchen demonstrativ applaudiert, um gleich danach verletzt von der Bühne zu laufen, liegt das nur zum Teil an dessen russisch gefärbten Französisch. Was vermochte bloß ein Heinz Zednik auch stimmlich aus dieser »Wurz’n« zu machen!

Ferruccio Furlanetto verlängerte nach dem Banquo seine Wiener »vacanza pagata« und berichtete Eugen Onegin als Fürst Gremin mit jenem gesanglichen Gestaltungswillen und jahrzehntelang erprobter Stimmtechnik von seiner Liebe zu Tajana, die ihn als einen Ersten Sänger ausweist. Da könnte so mancher Kollege beim aufmerksamen Zuhören noch etwas lernen.

Christopher Maltman singt den bei Puschkin Gelangweilten, und er tut es mit kernigem Bariton und einer Stimme, die Opernfreunde den ganzen Abend hindurch auf mehr hoffen läßt. Im dritten Akt schließlich, in welchem Tschaikowski ebenso brillant wie gemein Onegin seinen Brief zur selben Melodie wie Tatjana den ihren schreiben läßt, erfüllt sein Eugen Onegin die in ihn gesetzten Hoffnungen. Christopher Maltman spielt ihn als arroganten Zyniker, der er in Falk Richters Inszenierung sein mag. Tschaikowskis Musik ließe allerdings auch eine andere, mehrdimensionale Charakterisierung zu.

Überhaupt, die Inszenierung: Falk Richters Arbeit aus dem Jahr 2009 ist, will man etwas Positives über sie zu sagen finden, »repertoire-tauglich«. Das, so konnte man erst kürzlich wiederholt lesen, ist offenbar jene am Boden liegende Latte, welche Regisseure überspringen müssen, um an der Wiener Staatsoper zu reüssieren. Es ist an der Zeit, sie höher zu legen.

Thomas Prochazka

MERKEROnline 

 

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