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WIEN/ Staatsoper: ELEKTRA. Premiere

29.03.2015 | Oper

WIENER STAATSOPER: 29.3.2015 – Premiere „ELEKTRA“ (Heinrich Schramm-Schiessl)

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Nina Stemme (Elektra)                    Falk Struckmann (Orest)

 Sie gilt als das musikalisch fortschrittlichste Werk des Komponisten, diese Atridentragödie von Richard Strauss – seine erste Zusammenarbeit mit Hugo v. Hofmannsthal – und viele Fachleute und Kritiker werfen ihm vor, dass er diesen Weg nicht weitergegangen ist, sondern wieder „publikumsfreundlicher“ wurde. In der Wiener Staatsoper gehört dieses Werk zum Stammrepertoire, das auch dann immer auf dem  Spielplan war, wenn die Richard Strauss-Pflege vernachlässigt wurde, z.B. in der Direktion Gamsjäger. Dass wir nunmehr die bereits vierte Neuinszenierung dieses Werkes seit der Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 1955 erleben,  haben wir offenbar dem ehemaligen GMD Franz Welser-Möst zu „danken“, der sich dieses Werke und den „Rigoletto“ für seine Premieren offenbar einbildete und sich dann ja bekanntlich aus dem Staub machte. Über die vorherigen Inszenierungen dieser Werke war man zwar szt. auch nicht wirklich glücklich und der „Rigoletto“ galt bei manchen – warum eigentlich – bereits als etwas verstaubt, aber sie waren repertoiretauglich und man hatte sich letztlich an sie gewöhnt. Sie hätten es sicher noch einige Jahre getan und man hätte dringendere  Neuinszenierungen bringen können.

 Nach Adolf Rott, Wieland Wagner und Harry Kupfer nahm sich nunmehr Uwe Eric Laufenberg, der zuletzt in Linz den neuen Ring inszenierte, des Werkes an. Wo er das Stück ansiedelt, wird nicht wirklich klar. Gefühlsmäßig ist es der Hof eines Bürohauses, auf letzteres läßt der Paternoster (für Nichtwiener: Personen-Umlaufaufzug) schließen, in dem die Kohle gelagert ist. Und da beginnt bereits das Ärgernis, denn würde er statt diesem eine Treppe  einbauen, so könnte man mit dem Bühnenbild (Rolf Glittenberg) durchaus leben. Die Inszenierung ist bis zur Schlußszene eigentlich eher unauffällig. Personenregie findet mit einigen Ausnahmen nur wenig statt. Wie sonst wäre es nicht aufgefallen, dass die  Einspringerin für die Chrysothemis nicht sechs Wochen geprobt hat. Der stärkste Monent war für mich gegen Ende der Klytämnestra-Szene, als sich Mutter und Tochter umarmen und Elektra kurz darauf beginnt, die Mutter zu würgen. Gewisse Accesoires des zeitaktuellen Theaters fehlen natürlich auch nicht. Klytämnestra sitzt im Rollstuhl und das Beil wird – erraten – in einem Koffer aufbewahrt. Ich werde irgendwo das Gefühl nicht los, dass es schon eine Checkliste gewisser Elemente gibt, die ein Regisseur durchgehen muss.  Warum in der Mägdeszene nackte Mädchen abgespritzt werden müssen, anstatt dass man die Mägde einfach Kohle einschaufeln läßt, bleibt unklar. Wirklich ärgerlich wird es im Finale. Nicht nur, daß Klytämnestra wie eine Drogensüchtige nach dem „Goldenen Schuß“ in einer Paternosterkabine liegt, beginnt dieser, mit verschiedenen Figuren – offenar Leichen anderer  Personen im Haus – besetzt, zu rotieren und gesellen sich zu Elektra Balletpärchen die mittanzen. Dabei ist das letztlich ein Totentanz an dessen Ende Elektra leblos zusammenbrechen soll. Aber das ist wieder typisch für „moderne“ Regisseure: Sie vertrauen nicht auf die Macht der Musik und glauben, sie müssen, wenn die Musik dominiert, die Bühne mit „Action“ anreichern. Die Kostüme (Marianne Glittenberg) waren eher zeitlos denn H&M-mäßig, nur Elektra hatte zunächst einen modernen Hosenanzug und ab der Orest-Szene ein schwarzes Unterhemd an. Auch das etwas putzige Erstkommunionkleidchen der Chrysothemis war nicht wirklich passend.Warum es bei dem mehr oder weniger Einheitslicht auf der Bühnen einen eigenen Lichtverantwortlichen (Andreas Grüter) geben muss, war nicht ersichtlich.

 Erfreulicher war der Abend in musikalischer Hinsicht, nämlich mit einer Ausnahme in Hinblick auf die Sänger, wobei ich hier wieder einmal etwas Grundsätzliches festhalten muß. Wir haben gerade dieses Werk in Interpretationen gehört, die beispielgebend waren und an diese Sängerinnen – ich nenne hier nur beispielgebend die Namen Nilsson, Goltz, Rysanek, Varnay und Resnik – kommt niemand aus der jetzigen Besetzung heran. Das ist keine „Früher war alles besser“-Mentalität, sondern ist ein Faktum, das durch unzählige Live-Mitschnitte belegt werden kann. Man muß die Aufführung daher fairerweise an dem messen, was heute möglich ist und hier ist durchaus Großartiges gelungen. Zu allererst muß hier Nina Stemme in der Titelrolle genannt werden, die in ihrem Fach heute sicher konkurenzlos ist. Dank ihrer ausgezeichneten Technik hat sie keinerlei Probleme einerseits die extremsten Töne zu erreichen und andererseits die weniger extremen Stellen mit viel Gefühl zu singen. Auch vermag sie der Stimme die der jeweiligen Situation passende Farbe zu geben. Zudem hat sie keinerlei Probleme, die Partie bis zum Schluß durchzuhalten. Ein leichtes Vibrato zu Beginn führe ich auf eine gewisse Premierennervosität zurück. Gestalterisch war sie stets präsent, ohne aber der totale Racheengel zu sein und speziell in der Erkennungsszene mit Orest auch berühremd. Ein Glücksfall war sicher das Einspringen von Ricarda Merbeth für die erkrankte Anne Schwanewilms als Chrysothemis. Ihre gut geführte Stimme zeugt von einer gewissen Durchschlagskraft, auch wenn sie an Extremstellen mit den Orchesterwogen etwas Probleme hatte. Auch ihre Höhen  kamen sicher und im Ausdruck war auch sie überzeugend. Obwohl sie, wie oben bereits erwähnt, kaum geprobt haben wird, fügte sie sich darstellerisch problemlos in das Ensemble ein. Die oben erwähnte Ausnahme war leider Anna Larsson als Klytämnestra. Weder darstellerisch noch stimmlich vermochte sie die Morbidität dieser Rolle zur Geltung zu bringen. Wenn ich bei „Zerfressen von den Motten“ bzw. dem Lachen am Ende ihrer Szene keine Gänsehaut bekomme, dann stimmt etwas nicht. Falk Struckmann war sowohl gesanglich als auch darstellerisch ein guter Orest und Norbert Ernst ein gut charakterisierter Aeghist. Das Mägdequintett (Monika Bohinec, Islayar Khayrullova, Ulrike Hetzel, Caroline Wenborne und Ildiko Raimondi) war etwas unausgeglichen, wobei vor allen Dingen letztere in der wichtigen Rolle der 5. Magd eher enttäuschte. Die Aufseherin (Donna Ellen) fiel vor allen Dingen durch eher schrille Höhen auf. Wolfgang Bankl (Pfleger), Simina Ivan (Vertraute) und Aura Twarowska (Schleppträgerin) ergänzten.

 Nicht wirklich glücklich wurde ich mit Mikko Franck am Dirigentenpult. Es fällt bei ihm diesmal der Einspringerbonus weg, denn er hatte genug Vorbereitungszeit und betreute die Proben von Beginn an. Es gab zwar einige interessante Passagen, wir z.B. die Klytämnestra-Szene, die sehr gut interpretiert wurde aber in der Gesamtsicht fehlte über weite Strecken die Differenzierung und sehr oft war es einfach nur laut. Auch fehlte natürlich der über die gesamte Aufführung gespannte Bogen. Viel wurde dabei sicher vom Orchester aufgefangen, das das Werk natürlich in- und auswendig kennt und seinen schönsten Strauss-Klang auspackte. Der Chor entledigte sich seiner Minimalaufgabe ohne Probleme.

 Am Ende gab es viel Jubel für die Sänger, im besonderen natürlich für Nina Stemme. Für den Dirigenten gab es Bravos und Buhrufe, wobei beides übertrieben war – schlichter Applaus wäre am angemessensten gewesen. Das Regieteam bekam fast nur Buhrufe, was darauf schließen läßt, daß es den „Konservativen“ zu modern und den „Fortschrittlichen“ zu konservativ war.

 Heinrich Schramm-Schiessl

 

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