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WIEN / Staatsoper: „ELEKTRA“ – Musikalische Höhepunkte in entbehrlicher Inszenierung

08.12.2017 | KRITIKEN, Oper

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Norbert Ernst, Ryan Speedo Green. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michsel Pöhn

WIEN / Staatsoper: „ELEKTRA“ – Musikalische Höhepunkte in entbehrlicher Inszenierung

8.12. 2017 Nachmittag – Karl Masek

Diese entbehrliche, geradezu ideenbefreite Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg in der scheußlichen Kohlenkeller-Duschzellen-Paternoster-Ausstattung des Ehepaars Rolf & Marianne Glittenberg war in der Saison 2014/15 eher ein Zufallsprodukt zweiter Wahl. Für die Inszenierung war ursprünglich Sven-Eric Bechtolf vorgesehen. Der sagte im Vorfeld wegen damaliger Überlastung in Salzburg ab. Franz Welser-Möst sollte dirigieren. Er kam Dominique Meyer im September 2014 im Streit abhanden. So wurde diese Neuinszenierung dem Tandem Mikko Franck (Dirigent) und Uwe Eric Laufenberg anvertraut.

Im gegenständlichen Fall hätte es doch die immer noch bildmächtige und packende Inszenierung des Harry Kupfer aus dem Jahr 1989 gegeben. Ich gehe jedenfalls davon aus: Sie wurde noch nicht skartiert. Vielleicht fällt dem designierten Direktor Bogdan Roščić etwas dazu ein …

Damals entschied man sich jedoch anders. Was der Kohlehaufen im Einheitsbühnenbild sollte – es erschließt sich auch nach meinem zweiten Eindruck nach der Premiere vom 28.3. 2015 nicht. Er dient nur der Vollräumung der Bühne, ‚Elektra‘ und ‚Chrysothemis‘ setzen sich einmal nachdenklich drauf – und der ‚Junge Diener‘ kommt mit zwei Hunden (die dann vermutlich später Orest backstage „auf dem Hof erkennen“). Die Tierchen steuern schwanzwedelnd den Kohlehaufen an, um …. Nicht, was Sie jetzt vielleicht denken! … sich vom Hundetrainer offenbar dort hinterlegte Leckerli einzuverleiben. Der Paternoster fährt mit Fortdauer des Abends mit zunehmender Häufigkeit auf und ab – er muss die Leichen Klytämnestras und Aegisths transportieren. Vollends läppisch ein hinzuerfundenes Schlussballett, das Elektras „Todestanz“ samt in der Partitur komponiertem Zusammenbruch ruiniert…

Ab sofort nur mehr die Musik. Ingo Metzmacher leitete die aktuelle Aufführungsserie im Rahmen der „Strauss-Tage“. Das Orchester der Wiener Staatsoper, angeführt von den Konzertmeistern Volkhard Steude und Albena Danailova lieferte brennende Intensität, glühende Farben und selten so gehörte Transparenz der vielschichtigen Strukturen. Wobei Metzmacher immer bemüht blieb, den Sängern auf der Bühne einen Klangteppich zu legen, der es ihnen ermöglichte, übers Orchester zu kommen. Orgiastische Orchesterentladungen an den „richtigen Stellen“ inbegriffen.

Gesungen wurde in der „15. Aufführung in dieser Inszenierung“ überwiegend erstklassig. Für Evelyn Herlitzius sprang kurzfristig die Russin Elena Pankratova in der Titelrolle ein. Eine große, hochdramatische Sopranstimme, leuchtende Farben, Obertonreichtum, dunkle Mittellage, bombensichere Höhen, die wirklich souverän ausgesungen und niemals geschrien wurden. Vielleicht, dass einigen die „ultimative Explosivität“ der Tongebung fehlte. Aber eine innigere Erkennungsszene mit dem Bruder Orest habe ich noch selten erlebt. Für die unvorteilhafte Kostümierung kann sie nichts. In die Linie Eva Marton/Hildegard Behrens/Nina Stemme reihte sie sich „auf Augenhöhe“ ein. Ihre Leistung wurde begeistert akklamiert.

Gun-Brit Barkmin war die zweite Einspringerin (für die vorgesehene Adrianne Pieczonka). Sie hob sich als ‚Chrysothemis‘ mit den hymnisch-sehnsuchtsvollen Aufschwüngen gut von ihrer Bühnenschwester ab. Auch sie mit leuchtenden Stimmfarben. Mit ein paar Extremhöhen stieß sie ans sängerische Limit.

Waltraud Meier gestaltete als ‚Klytämnestra‘ ihre zentrale Szene mit ‚Elektra‘ (Ich habe keine guten Nächte. Weißt du kein Mittel gegen Träume? …) als schuldgepeinigte und von Alpträumen Gezeichnete mit selten so gehörter Intensität im Leisen. Für die tiefen Töne fehlt es ihr an Kraftnuancen. Aber ein spannendes Rollenporträt dieser wunderbaren Sing-Darstellerin!

Johan Reuter war der markant intonierende ‚Orest‘ (nach ‚Mandryka‘ seine zweite Rolle im Haus am Ring), Norbert Ernst blieb von der Premierenbesetzung als ‚Aegisth‘, beglaubigte die „feige Memme“ und blieb auch in der Todesangst („Mörder, Mörder,…Hört mich keiner?“)  mit durchdringendem Tenor hörbar.

Sehr gut (und auch besonders wortdeutlich!) die fünf Mägde, vier davon waren es auch schon bei der Premiere (Monica Bohinec, Ulrike Helzel, Caroline Wenborne, Ildikó Raimondi). Neu dazu kam Margarita Gritskova als Zweite Magd). Rollengerecht bösartig die ‚Aufseherin‘ Donna Ellen, auch ‚Vertraute‘ und ‚Schleppträgerin‘ machten sich szenisch nachdrücklich bemerkbar (Simina Ivan, Zoryana Kushpler).

Benedikt Kobel als ‚Junger Diener‘ setzte mit dramatischem tenoralen Nachdruck ein sängerisches Ausrufezeichen – und auch Marcus Pelz (‚Alter Diener‘) sowie Orests Pfleger und Assistent beim Rachemord an Aegisth, Ryan Speedo Green, erfüllten ihre Rollen mit Leben.

Viel verdienter Jubel. Die Phonstärke stieg bei Pankratova, Metzmacher und dem Orchester besonders an.

Karl Masek

 

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