Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: ELEKTRA – ein mörderischer Aufzug in die Hölle

08.12.2017 | Oper

Elektra_104670_REUTER
Johan Reuter (Orest). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper: ELEKTRA

  1. Dezember 2017 (von Helmut Christian Mayer)

Ein mörderischer Aufzug in die Hölle

Ungemein stark ist ihre Bühnenpräsenz, messerscharf ihre Autorität, enorm ihre Wortdeutlichkeit und vielfältig die Vokalfarben: Waltraud Meier als morbide Klytämnestra im Rollstuhl gibt ein sehr differenziertes Rollenporträt. Bei dieser Wiederaufnahme der Elektra“ von Richard Strauss an der Wiener Staatsoper ist sie zweifellos als erste zu nennen. In der Titelpartie weiß Elena Pankratova mit großem Durchhaltevermögen, extremen Spitzentönen, Farben und Fassetten, davon auch viele lyrische Momente zu begeistern und hat die erkrankte Evelyn Herlitzius voll ersetzt. Allein ihre manchmal mangelnde Textverständlichkeit schmälert den Gesamteindruck. Gun-Brit Barkmin singt die Chrysothemis blühend und durchschlagskräftig. Johan Reuter ist ein bühnenpräsenter, stimmgewaltiger Orest, vor allem die Erkennungsszene beeindruckt. Norbert Ernst im Outfit eines Diktators ist ein feinstimmiger Aegisth. Auch das übrige Ensemble ist tadellos besetzt.

Ingo Metzmacher dirigiert mit packendem Zugriff und energischen Gesten. Es gelingt ihm, im Orchester der Wiener Staatsoper mitreißende Spannung und luxuriöse Klangpracht zu entfalten, die kaum zu laut wird. Er spannt die dynamischen Bögen teilweise bis zum Zerreißen.

Dunkel, bedrückend, heruntergekommen ist das Souterrain. Es ist ein Hort des Unheimlichen, des Unbewussten, der Angst mit einem Kohlenkeller und einem verdreckten Bad, wo der Mord an Agamemnon passiert sein könnte. Denn hier hackt Elektra das Beil in die Wand. Hier würgt sie ihre Mutter. Hier werden nackte, blutverschmierte Frauen, offensichtlich Sympathisantinnen von Agamemnon von uniformierten Aufseherinnen des herrschenden Regimes gequält.  In diese Hölle kommt man von den oberen Etagen des Palastes nur mit einem Aufzug, einem Paternoster (Bühne: Rolf Glittenberg), in welchem Klytämnestra  herabschwebt und in welchem auch die schaurigen Morde passieren.

In dieser Regiearbeit von Uwe Eric Laufenberg  aus 2015 zeigt er eine Elektra weg von jeglicher Antikisierung und lässt sie zur Entstehungszeit der Oper, Anfang des 20. Jahrhunderts spielen. Gezeigt wird eine in sich schlüssige Konzeption, die jedoch mehr aktive Personenführung vertragen hätte. Gekonnt zeigt er die von Hass, Rachegelüsten und Fanatismus besessene Elektra, in einem Hosenanzug wie ein Mann gekleidet (Kostüme: Marianne Glittenberg).  Wie Reliquien bewahrt sie in einem Koffer die Uniform des Agamemnon, seine Pistole wie auch das seinen Tod bringenden Beil auf.  Wenn Laufenberg allerdings zum Finale wie in einem Horrorfilm unzählige verstümmelte Leichen im Aufzug auf und abfahren lässt, wird er übertrieben plakativ. Junge Menschen freuen sich schließlich tanzend über das Ende der Schreckensherrschaft. Elektra stirbt nicht sondern entschwindet.
Viel Applaus!

Helmut Christian Mayer

 

 

Diese Seite drucken