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WIEN / Staatsoper: ELEKTRA

29.03.2015 | KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
ELEKTRA von Richard Strauss
Premiere: 29. März 2015

Es war doch einigermaßen erstaunlich, dass diese Premiere der Strauss’schen „Elektra“ nicht nur auf den Sitzplätzen, sondern auch auf den Stehplätzen ausverkauft war. Denn man hat nicht den Eindruck, dass es sich dabei um eine besondere Lieblingsoper der Wiener handelt (es sei denn in der Besetzung Böhm / Nilsson / Rysanek / Mödl-Resnik-Ludwig, die man mit einer Ausnahme am Friedhof suchen kann). Oder hatte sich da schon eine Phalanx zusammengefunden in der festen Absicht, den Regisseur in den Orkus zu verdammen, wie es lautstark versucht wurde? Oder war man – das wäre ja eine bessere Erklärung – neugierig auf Nina Stemme, erstmals in der Titelrolle? Aber sie ist, obzwar eine überragende Künstlerin und natürlich ein „Star“, keiner jener Glamour-Typen, die ein Haus auf jeden Fall blind füllen. Oder hat sich herumgesprochen, dass es Nackte gibt?

Das Bühnenbild von Rolf Glittenberg besteht aus einer gekachelten „Feuchtzone“ links, einer steinernen Mauer und einem Paternoster, der sich in vieler Hinsicht als das optische und auch szenische „Movens“ der Inszenierung erweist. Zu Beginn steht eine Handvoll junger, hübscher Frauen splitterfasernackt, teils auch blutüberströmt in der „Dusche“ links und wird von den Mägden, die sich gebärden wie KZ-Wärterinnen, teils abgespritzt, teils gequält (und jene unter ihnen, die fünfte Magd, die aufbegehrt, teilt das Underdog-Schicksal, darf nicht die Uniform der Bösen tragen).

Man könnte Regisseur Uwe Eric Laufenberg hier auf Anhieb Spekulation mit billigen Effekten vorwerfen, so sehr erinnert das Ganze an ein Konzentrationslager, aber die Nackten gehen schnell vorbei und sind nicht auf sexuelle Reize für einen empfänglichen Teil des Publikums hin gepolt. Vielmehr begreift man bald, dass hier die Frage gestellt wird, was wohl in den verborgenen Kellern und Höfen von Diktatorenpalästen vorgeht (irgendwie erinnert die Ästhetik, auch in den Kostümen von Marianne Glittenberg, an die Ceausescus). Mißbrauch von Frauen gehört wohl überall dazu – zumal in einer Welt, wo die Königin sich kein Gewissen wegen eines Menschenopfers machen würde… Und mit dem Paternoster fährt man in diese Hölle hinab. Es ist die Welt der Elektra.

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Nina Stemme / Falk Struckmann

Und es ist die Welt der Nina Stemme, auf ihre Persönlichkeit, ihre Kraft, ihre Stimme zugeschnitten. Im schwarzen Hosenanzug, die Haare im Nacken zusammen gehalten, wirkt sie wie ein Mann, gebärdet sich auch wie ein solcher. In einem Koffer (nicht schon wieder ein Koffer, möchte man sagen, aber hier wird nicht abgereist) bewahrt sie die Erinnerungen an den Vater – dessen pompöse Generals- (oder was immer) Mütze, seine Pistole, und vor allem das Beil, mit dem er erschlagen wurde – wie ein fatales Requisit geistert es durch den Abend, bis Elektra es am Ende, als das Blut geflossen ist, in die Wand hacken kann… Dabei ist die äußerlich so starke Frau, die sich wie ein Mann geben will, um sich zu schützen, ein unendlich bedauernswertes Geschöpf, das nur leben kann, wenn es sich mit seinen Beil- und Erinnerungsritualen immer von Neuem bis fast zum Orgasmus aufgeilt und sich offenbar nur dabei wieder einen Lebenssinn gibt…

Chrysothemis ist auch optisch der totale Gegensatz zur Schwester, ganz in Weiß, in einem Kleidchen, mit dem ein kleines Mädchen zur Kommunion gehen könnte. Anfangs hat sie auch noch einen weißen Muff dazu, den Elektra später dazu missbraucht, ihr damit einen Schwangerschaftsbauch zu geben und sie mit dem Kinderwunsch zur Beteiligung an der Bluttat manipulieren zu wollen. Aber wenn es in diesem Stück überhaupt einen annähernd normalen Menschen gibt, dann ist es Chrysothemis, wenn sie sich standhaft gegen die stete Perpetuierung der Gewalt und des Todes wehrt. Und doch ist auch sie am Ende von den Bluttaten des Orest ziemlich entzückt – nichts ist eindeutig und eindimensional an diesem Werk, und das hat Uwe Eric Laufenberg an jeder einzelnen Figur akribisch herausgearbeitet.

Ganz anders als man sie je gesehen hat, erscheint hier Klytämnestra, die da im Paternoster in die Tiefe steigt, um bei der Tochter Elektra Hilfe zu finden und nur Verachtung, Hohn und Haß erntet, und das in oft erschütternd sadistischen Details – ein Psychothriller, auch, weil die Frau, die da kommt, eine lebende Tote, ein Skelett zu sein scheint, ein dürrer Körper unter dem dünn gewordenen weißen Haar sehr alter Frauen, scheinbar nur durch Kleidung und Schmuck zusammen gehalten. Unten wird sie dann von beängstigenden „Betreuerinnen“ in einen Rollstuhl gesetzt und mit erschreckenden Gerätschaften „behandelt“. (Im übrigen hatte der Rollstuhl wohl auch ganz theaterpraktisch damit zu tun, dass Darstellerin Anna Larsson alle Kollegen auf der Bühne um Haupteslänge – den Dirigenten um zwei Haupteslängen – überragte und dass das unerwünschte komische Effekte hätte geben können…) Diese Klytämnestra ist am Ende, wie es noch kaum eine war, und wieder einmal hat man direkt Mitleid mit einem Menschen, der (die) zweifellos einmal ein Monster gewesen ist…

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Anna Larsson / Norbert Ernst und Wolfgang Bankl

Orest, zuerst im Ledermantel mit Pelzkragen, reißt ihn sich in der Erkennungsszene mit Elektra vom Leib, so wie sie sich schnell ihres Hosenanzugs entledigt und nun im Unterkleid dasteht, zwei gleich Gepolte in Schwarz, die über einander herfallen, dass es zweifellos als Liebesakt gedacht ist, und plötzlich scheint auch die Musik danach zu klingen, und man fragt sich, warum man es noch nicht früher so gehört hat…

Aegisth schließlich kommt im Outfit eines faschistischen Diktators daher, und der Pfleger des Orest ist hier zum Mörder unter der Kapuze geworden, der den „Bösewicht“ im Paternoster erdrosselt, während dieser rechts hochfährt – und sich gleichzeitig links die blutige Leiche der Klytämnestra herabsenkt… Und da kommt es noch viel schlimmer, was viele vielleicht nicht sehen wollen, dass jetzt nämlich jede Kabine des unaufhörlich rotierenden Aufzugs eine neue blutige und verstümmelte Leiche preisgibt: Orest, der scheinbare Retter, ist auf Anhieb auch der Schlächter.

Längst hat sich gezeigt, dass Uwe Eric Laufenberg neben den darstellerisch perfekt ausgefeilten Porträts der Haupt- und auch Nebenfiguren hier vor allem eine politische Geschichte erzählt, und politisch Lied ist bekanntlich ein garstig Lied. Das zieht der Regisseur durch bis zum Ende: Die Panik der Mägde, die „Täterinnen“ des vorigen Regimes, die das Weite suchen, als sie erkennen, dass ihre Machtstruktur zusammen gebrochen ist. Und die seltsame neue Welt, die nun mit einer Masse von Statisten auftritt, junge Leute, hübsch und adrett, die da tanzend Party Party machen, mit einer ekstatisch mittanzenden, mitzuckenden Elektra unter ihnen, die sich plötzlich im Geschehen verliert und weg ist…

Happyend wie im Kino, das Böse besiegt, jetzt kommen die goldenen Zeiten? Wer auch nur ein bisschen von Politik versteht und von Geschichte weiß, kann es nicht glauben – und siehe da, schon fangen die braven Jungs an, sich zu prügeln… Zurück bleibt Chrysothemis, ratlos, fast panisch, wo sind ihre Hoffnungen geblieben? Über ihr allein senkt sich der Vorhang, der Normalmensch, der unvermeidlich in das blutige Geschehen hineingezogen wurde. Auch das macht Sinn, wie die ganze Inszenierung, die von Anfang bis zum Ende Hand und Fuß hat, in jedem Detail durchdacht ist und höchst theatergerecht erzählt wird.

Für Nina Stemme wollte Franz Welser-Möst, wie Dominique Meyer in der letzten Pressekonferenz erzählte, unbedingt die neue „Elektra“ machen, und das war richtig gedacht: Dies wird nun wohl für viele Jahre „ihre“ Rolle sein. Nie eine leidenschaflich-extrovertierte Darstellerin, holt Laufenberg aus ihrer inneren Verkrampftheit die höchste Wirkung. Ihre Erregung liegt ja auch in der Gesangslinie, und hier entlädt sie sich in dieser Reihe unglaublicher Attacke-Spitzentönen, die Strauss so unbarmherzig einfordert wie Wagner und die nur jemand wie sie, eine ausgewiesene Brünnhilde und Isolde, so singen kann. Dabei hat sie die perfekte Technik, jene wenigen, aber so wichtigen „zarten“ Stellen im Piano und Mezzavoce mit absoluter Sicherheit zu bringen. Im übrigen singt sie sich die Seele aus dem Leib, mit vereinzelten Schreien, die nichts mehr Menschliches an sich haben, das war stellenweise atemberaubend und entsprechend stürmisch fiel der verdiente Beifallsorkan aus.

Weit mehr als „nur“ eine Einspringerin war Ricarda Merbeth  als Chrysothemis, die mit ungeheurer Energie ihre „Normalität“ verteidigte, immer mit der Kraft, die auch sie – immerhin ebenfalls eine erprobte Wagner-Stimme – zu bieten hat.

Das „Andere“ der Klytämnestra kam durch Anna Larsson in einer darstellerisch fasznierenden Leistung zum Funkeln. Wenn wir – in den letzten Zeiten von Fassbaender oder immer wieder von Waltraud Meier (wenn auch von dieser nicht in Wien) – doch noch gewaltige Stimmen für die Rolle gewöhnt waren, so wirkt das auch stimmlich Brüchige der Anna Larsson hier fast wie ein Teil der Interpretation.

Mit spürbarem Forcement wollte Norbert Ernst keinen Zweifel daran lassen, dass er eine Besetzung für den Aegisth ist, und seltsamer Weise agierte auch Falk Struckmann als Orest mit geradezu nachdrücklichem Pathos in Stimme und Spiel. Das gab seiner Glaubwürdigkeit in diesem Rollenporträt allerdings einigen Nachdruck. Wolfgang Bankl, weniger „Pfleger des Orest“ als Mitmörder, wirkte bedrohlich genug, und an stimmlicher Potenz fehlt es bei ihm nie.

Das Ensemble hatte keinen Ausfall zu vermelden, die Inszenierung sorgte dafür, dass Ildikó Raimondi als 5. Magd besonders zur Geltung kam, auch die „Wärterinnen“ der Klytämnestra waren mit Simina Ivan und Aura Twarowska stark und fast erschreckend wirkend besetzt. Das Ensemble des Hauses war auf der Höhe der weiteren Aufgaben.

Und wahrlich auf der Höhe der Partitur bewegte sich Mikko Franck im Orchestergraben, wirklich ein Mitspieler und Miterzähler des Dramas, wobei man selten so viel Wagner in der „Elektra“ gehört hat wie bei ihm (steckt ja auch drin, man muss es nur herausholen). Dass bei der von Strauss vorgegebenen Lautstärke Textverständlich nur aus dem mitzulesenden Text kommt, ist klar, aber Franck hat sich keinerlei Rücksichtslosigkeit den Sängern gegenüber schuldig gemacht – wobei Nina Stemme wahrlich keine Schonung benötigte. Es war ein Abend, der vom Orchestergraben her stark zusammen gehalten wurde.

Dennoch trafen auch Mikko Franck viele Buh-Rufe, die übrigens von der ersten Sekunde des Applauses mit solcher Stärke einsetzten, dass man kaum an Zufall glauben kann. Uwe Eric Laufenberg schien verwirrt über die Heftigkeit der Ablehnung, die ihn traf (hat er „Basta, cretini!“ geflüstert? Nachfühlen könnte man es ihm), und auch Nina Stemme, die persönlich im Beifallsorkan baden konnte, schien mit dem Regisseur verwirrt.

Was soll’s, das ist Oper, die ist nun mal (entgegen der Meinung der Laien) keine steife oder gar tote Sache, die spielt sich nicht nur auf der Bühne, sondern nachher auch im Zuschauerraum ab, und lebendig genug ging es zu nach dieser Premiere. Doch es scheint, wer hier „Buh“ schrie, hat weder genau zugesehen noch zugehört.

Renate Wagner

 

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