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WIEN / Staatsoper: ELEKTRA

20.09.2012 | Oper

Wien /  Staatsoper:
ELEKTRA von Richard Strauss
63. Aufführung in dieser Inszenierung
20. September 2012 

Zwei Rollendebuts bei fünf Hauptrollen, das reicht dem Opernfreund schon, um neugierig in eine Repertoirevorstellung zu kommen.  Und zumindest Angela Denoke ist eine Künstlerin, um derentwillen man grundsätzlich in die Oper geht. Sie sang ihre erste Wiener Chrysothemis und hinterließ starken Eindruck, nicht nur wegen ihres schlanken, starken, strahlkräftigen Soprans, der nie überfordert war – Kunststück, wenn man Salome und Kundry singt (und sich sogar die Brünnhilden zugetraut hat, bis sie einen vernünftigen Rückwärtsgang einlegte: Aber irgendwann wird sie’s schon tun, das möchte ich wetten). Bei Angela Denoke ist es immer die unkonventionelle Darstellung, mit der sie den Betrachter besonders fesselt. Solcherart ist sie auch nicht Elektras „helle“ Schwester, sondern von Anfang an mindestens so düster durchwirkt wie diese. Wenn Orest den Aegisth getötet hat, ist ihr Triumph (der Tanz mit dem blutigen Mantel des Bruders) nicht minder stark, ja genauso brutal wie jener der Schwester. Die beiden sind wahrlich two of a kind – und nur in kurzer gegenseitiger Zuwendung, wenn sie die Hände nach einander ausstrecken, schimmert in diesen beiden harten Frauen etwas von Weichheit auf. Interessant übrigens, wie sich die Denoke ganz am Ende fallen lässt und alle viere von sich streckt – als ob hier auch Chrysothemis stürbe (die sich ja in anderen Inszenierungen gelegentlich ekstatisch dem siegreichen Bruder zuwendet). Jedenfalls eine durch und durch spannende Deutung.

Nobert Ernst war erstmals Aegisth, und stimmlich schaffte er das (die Rolle ist ja wirklich nicht groß) sehr ordentlich. Optisch freilich kann man sich nicht vorstellen, dass dieses „David“-Format den großen Agamemnon mitgetötet hat und an Seiten dieser Klytämnestra herrscht – zumal wenn er dem riesigen Ain Anger als Orest gegenübersteht: Dieser schien diesmal besonders eindrucksvoll in Stimme, Haltung, fast barbarischer Entschlossenheit zur blutigen Tat.

Deborah Polaski ist zweifellos eine der besten Elektras unserer Tage – stolz, schlank, mit soldatischem Duktus, grausam hart (außer es geht um Vater und Bruder), lustvoll  sadistisch gegenüber der verhassten Mutter, kurz, so überlebensgroß, wie Strauss und Hofmannsthal diese eigentlich schreckliche Figur geschaffen haben. Die Polaski hat Momente (wenn sie die Mutter höhnt: „Bist doch selber eine Göttin!“ mit Pianissimo-Höhe, wenn sie den Bruder erkennend „Orest!“ schreit), da bekommt man wahrlich eine Gänsehaut. Die Stimme klingt manchmal leicht beschädigt, doch wenn sie gegen Ende angestrengt wirkte, dann ist ja auch Elektra selbst emotional am Ende. Außerdem ließ Deborah Polaski sich wegen Rückenschmerzen entschuldigen, aber die Ankündigung, sie würde möglicherweise nicht „ausspielen“, bewahrheitete sich nicht: Man möchte gar nicht daran denken, welche Schmerzen es ihr bereitet haben muss, sich immer wieder zwischen die Seile zu hängen, die in Kupfers Inszenierung eine so große Rolle spielen… Also: eine tolle Leistung.

Seit Jahren hat man nun keine andere Klytämnestra gesehen als Agnes Balta, und man braucht nicht darüber zu diskutieren, welch große Persönlichkeit sie ist. Aber irgendeinmal würde man die Rolle auch gerne wieder ordentlich gesungen hören.

Simone Young am Pult der Wiener Philharmoniker griff (bis auf die lyrischen Stellen und auf die Rücksicht, die sie im Anfangsmonolog auf die Elektra nahm) gnadenlos durch, kein Mann hätte dieses Stück härter durchpeitschen können, am Ende duckte man sich geradezu vor der Brutalität der Musik. Aber das ist das Werk. Und es fand in dieser Aufführung seinen verdienten Beifall.

Renate Wagner

 

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