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WIEN / Staatsoper: DON PASQUALE von Gaetano Donizetti

So nah war Italien in Wien schon lange nicht mehr

09.06.2019 | Oper
Irina Lubngu (Norina) und Orhan Yildiz (Malatesta) Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Irina Lungu (Norina) und Orhan Yildiz (Malatesta) Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wien / Staatsoper: DON PASQUALE von Gaetano Donizetti
27. Aufführung in der Inszenierung von Irina Brook
Samstag, 8. Juni 2019

So nah war Italien in Wien schon lange nicht mehr

„Sehr gutes italienisches Lokal mit netter Bedienung. Gute Küche mit vielen Fischgerichten und Pizza aus dem Holzofen. Wir hatten sogar Live-Musik – so nah war Italien in Bad Ischl noch nie.“ Diese online nachzulesende Kurzkritik über ein oberösterreichisches Pizzalokal namens „Don Pasquale“ könnte ohne weiteres auch für die aktuelle Aufführung von Donizettis gleichnamiger Buffo-Oper an der Wiener Staatsoper zur Charakterisierung herangezogen werden. Was man auf der Bühne serviert bekommt, ist keine abgehobene alta cucina für elitäre Feinschmecker, sondern solide italienische Hausmannskost in einem peppig-bunten Ambiente. Italianità wird man In der Ausstattung allerdings vergeblich suchen. Im Bühnenbild von Noelle Ginefri-Corbel ist die Handlung in ein modernes Allerwelts-Caféhaus verlegt. Auch die Regisseurin Irina Brook bemüht sich in ihrer Inszenierung aus dem Jahr 2016 nicht um die Herstellung von italienischem Lokalkolorit. Vielmehr verwischt sie die Ebenen. So singt Ernesto seine schmachtende Serenade „Com´e gentil“ im weißen Anzug, begleitet von zwei mexikanischen Marriachis auf der Gitarre. Ein Latin Lover in der Pose eines Schnulzensängers, gewiss. Aber eindeutig einer von mittelamerikanischer Provenienz. Italianità findet sich hier einzig und allein in der genialen Musik Donizettis.

Wie sehr dennoch in dieser lauen Sommernacht italienische Urlaubsstimmung aufkommt, dafür zeichnet der musikalische Leiter, Enrique Mazzola, verantwortlich. Schwungvoll, animierend und vorwärtstreibend klingt das, was aus dem Orchestergraben kommt. Ein gelungenes Staatsoperndebüt und zugleich die Bestätigung einer Karriere, die den aus Italien stammenden Dirigenten vor allem als Spezialisten für das italienische Fach, vor allem für Rossini und Donizetti, ausweist. Wenn dann im 1. Akt, in der Einleitung zur klagenden Arie „Povere Ernesto“, das von Gerhard Berndl vorgetragene, melancholisch getönte Trompetensolo erklingt, wird einem mit einem Mal klar, woher der große Nino Rota die Anregung für das Hauptthema seiner Filmmusik zum Kinohit Der Pate bekommen hat.

Die Titelpartie ist an diesem Abend die einzige, die tatsächlich mit einem Italiener besetzt ist. Roberto De Candia, der den Don Pasquale schon im Vorjahr an der Staatsoper gesungen hat, überzeugt wiederum mit seinem wohltönenden, geschmeidigen, ausreichend durchschlagskräftigen Bass. Offenbar hat er sich diesmal in die Usancen der Wiener Inszenierung weiter eingearbeitet. Der running gag des Perücken-Rituals, den man bei seinem Debüt noch vermisst hat, ist diesmal rollengerecht eingebaut und sorgt für die eingeplanten Lacher. Die Spielfreude und der komödiantische Einsatz, mit denen er ans Werk geht, trägt viel zur wachsenden guten Laune im Publikum bei. Bewunderung verdient schließlich seine mühelose Bewältigung der atemberaubenden Schnellsprech- bzw. Schnellsingpassagen im Duett „Cheti, cheti, immantinente“. Mit seinem Schnurbärtchen und den trippelnden Schritten erinnert De Candia an Oliver Hardy. Insgesamt eine gesanglich wie darstellerisch zufriedenstellende Leistung.

Malatesta, der Mastermind hinter dem Spiel, das mit Don Pasquale getrieben wird, ist aus den Reihen des Ensembles der Wiener Staatsoper besetzt. Orhan Yildiz wächst von Aufgabe zu Aufgabe. Wirkte er als Belcore in Donizettis L´elisir d´amore vor einigen Monaten noch etwas schaumgebremst, stellt er nun als Ernesto sein komisches Talent in die Auslage. Da wächst ein ansprechender Bariton mit Potenzial heran und empfiehlt sich für weitere Aufgaben. Mozart?

Dmitry Korchak, der 2008 schon als Nemorino in einer Donizetti-Rolle an der Staatsoper debütiert hat, ist ein sympathischer Ernesto, der über einen einschmeichelnden, warmen Tenor mit wunderbarer Kopfstimme verfügt. Höhenprobleme sind keine zu registrieren, der Registerwechsel geht allerdings nicht immer ganz reibungslos vonstatten. Hervorragend gelingt ihm das Duett „Tornami a dir“ mit Norina. In dieser Partie präsentiert sich auch die russische Sopranistin Irina Lungu, ebenfalls in einem Rollendebüt, durchaus höhensicher. Ihr Vortrag ist jedoch –besonders wenn es sich um die fordernden donizettischen Koloraturkaskaden handelt – fehleranfällig und wirkt etwas schlampig exekutiert. Darstellerisch ist sie große Klasse und führt die Verwandlung Sofronias/Norinas von der naiven Klosterschülerin zur despotischen Ehefrau Don Pasquales herrlich komödiantisch vor. Wolfram Igor Derntl hat bei seinem Kurzauftritt als schusseliger Notar ebenfalls die Lacher auf seiner Seite.

Die Aufführung passt gut in die Zeit kurz vor dem Urlaubsbeginn. Unbeschwertheit ist Trumpf. Geboten wird italienische Hausmannskost, liebenswert serviert und insgesamt durchaus sehens- und hörenswert. Gedankt wird mit herzlichem Applaus. So nah war Italien in Bad Ischl – pardon: Wien – schon lange nicht mehr.

Manfred A. Schmid

 

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