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WIEN/ Staatsoper: DON GIOVANNI – „How low can you get?“

18.10.2012 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: How low can you get? – Don Giovanni, 17.10.2012

Ich könnte es mir leicht machen und diesen Abend einfach als die schlechteste, uninspirierteste Mozart-Aufführung brandmarken, in der ich je war (inklusive diverse Opernschüler-Aufführungen) und alles in Bausch und Bogen verdammen. Eine Zumutung für Mozart-Liebhaber und Abzocke der Touristen. Das wäre aber zu leicht (obwohl es sehr wohl helfen würde, die Frustrationen dieses Abends etwas loszuwerden), deswegen versuche ich mich an einer Ursachenforschung.

 Die Wiener Staatsoper gastiert zur Zeit in Japan, um dort Geld zu verdienen. Der Großteil des Ensembles, des Chors und des Staatsopernorchesters sind im Fernen Osten und werden dort von der sprichwörtlichen japanischen Gastfreundlichkeit verwöhnt (auch finanziell – wie sonst wäre es möglich, dass Sänger von Kleinstrollen in der Salome ein Ticket für die Business-Class der Austrian Airlines erhalten – Kostenpunkt schlappe EUR 4.000,- …). Nun wollte man aber das Haupthaus nicht schließen und prüfte, welche Stücke mit Kleinstbesetzung angeboten werden konnten. Also kam man darauf, Mozart-Wochen auf den Spielplan zu setzen – allerdings ohne der Qualität der Staatsoper entsprechende Besetzungen aufbieten zu können. DAS ist meiner Meinung nach der wahre Skandal. Ich meine – wie kommt man wirklich dazu, sich so ein Debakel anhören zu müssen??? Und da muss man wirklich klar sagen, dass ich da nicht den Künstlern den Vorwurf mache, sondern dem GMD und der Direktion. Es ist deren Job, entsprechende Gäste zu verpflichten und die Ensemblemitglieder ihren Fähigkeiten – und Stimmen!!! – entsprechend einzusetzen.

 Über die Inszenierung von Jean-Louis Martinoty wurde schon viel geschrieben, daher enthalte ich mich eines weiteren Kommentars (positiv vermerke ich, dass er dem Don Giovanni noch eine letzte Eroberung – die Zofe der Donna Elvira – zugesteht). Positiv zu vermerken ist, dass diese Serie wirklich geprobt war – und vom schauspielerischen Standpunkt aus gab es nichts zu bemängeln.

 Aber nun zu den handelnden Protagonisten – welcher Teufel hat den Dirigenten James Gaffigan geritten, diese „Oper aller Opern“ derartig belanglos runter zu klopfen? Da waren keine großen Bögen zu erkennen, keine Steigerungen – absolut nichts. Und über die Interpretation der Rezitative (wenn man überhaupt von einer Interpretation sprechen kann) breiten wir lieber den Mantel des Schweigens.

 Zumindest der Titelheld Peter Mattei wusste zu gefallen. Von der Figur her ein idealer Don Giovanni, hat er eine angenehme Stimme, schönes Legato und meisterte die Schwierigkeiten seiner Rolle souverän. Allerdings ist sein Don Giovanni eher fad und ohne Esprit. Dies geht beim notorisch gelangweilten Eugen Onegin, allerdings nicht bei diesem Frauenhelden. Es bleibt ein Rätsel, wie der 1800 Frauen verführen könnte.

 Alessio Arduini debütierte als Leporello, da Wolfgang Bankl kurzfristig absagen musste. Der Italiener ist ein erfreulicher Zugang im Ensemble, er hat die Rolle intus, spielte sehr gut. Doch ist seine Stimme für die Rolle zu hell – da fehlt doch etwas, um ihn zum Alter Ego des Giovanni zu stilisieren. Vom Typ her erinnerte mich an einen schleimigen, unsympathischen Typen á la Rizzo in „Midnight Cowboy“. Aber an diesem Abend gehörte er zu den Pluspunkten.

Eine erfreuliche Steigerung im Vergleich zur letzten Saison kann man Benjamin Bruns attestieren. Seine Stimme hat an Mittellage gewonnen, beide Arien konnte er fehlerfrei absolvieren. Irgendwie holte er das Maximum aus der Rolle des Don Ottavio heraus.

 Nun zu den beiden Sängern, die an diesem Tag keine Staatsopernreife besaßen – warum Albert Dohmen als Commendatore verpflichtet wurde bleibt das Geheimnis der Direktion. Mit viel zu heller Stimme konnte er in keinster Weise das Grauen vermitteln, das normalerweise bei seinem Auftritt entstehen sollte.

 Und wirklich einen furchtbaren Abend erwischte Tae-Joong Yang, der für diesen Abend nicht vorgesehen war. Da aber Arduini zum Leporello aufrückte musst er den Masetto singen. Er war textunsicher bei Rezitativen, hat eine kleine Stimme und überhaupt keinen Mozart-Stil. Da wäre meiner Meinung nach Adam Plachetka, der sich in Wien befindet, die um Lichtjahre bessere Alternative gewesen (auch die Tatsache, dass Plachetka am folgenden Tag eine kleinere Rolle in der „Clemenza“ zu singen hat, sollte doch kein Hindernis sein, ihn auch als Masetto zu bringen).

 Aber – im Schnitt waren die Herren noch besser als die Damen.

 Ileana Tonca sang die Zerlina mit schönen Legatobögen und fehlerfrei, konnte aber leider nicht mehr Tiefe und Innigkeit in ihre Rolle einbringen.

 Marina Rebeka intonierte besonders im 1. Akt oft knapp an den Noten vorbei und besitzt eine Stimme, die sehr scharf klingt. War keine bessere Sängerin für die Donna Anna zu haben?

 An der Donna Elvira scheiterten schon viele renommierte Sängerinnen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum man die sympathische Alexandra Reinprecht gezwungen hat, diese, ihrer Stimme und Technik absolut nicht entsprechenden Rolle zu singen. Damit hat man weder der Sängerin noch dem Publikum einen Gefallen erwiesen.

 Es tut mir weh, so einen Bericht schreiben zu müssen – aber das war einfach nichts!!! Ich hoffe, dass zumindest die „Clemenza“ besser wird – immerhin haben Freunde aus Amerika über EUR 300,- für ihre Tickets gezahlt und ich würde mich schämen, wenn sie eine Aufführung in dieser Qualität zu hören bekämen.

 Kurt Vlach

 

 

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