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WIEN / Staatsoper: DON CARLOS (französisch)

29.04.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
DON CARLOS von Giuseppe Verdi
Französische Fassung
27. Aufführung in dieser Inszenierung
28. April 2012  

Am Ende waren es tatsächlich knapp fünf Stunden, die Peter Konwitschnys Interpretation von Verdis französischer „Don Carlos“-Fassung dauerte, die man nun unter der persönlichen Leitung des Regisseurs in der Staatsoper wieder aufgenommen hat: Besonders die darstellerisch ausgefeilten Interpretationen der beiden Damen zeigten, dass hier auch im Detail gearbeitet wurde. Trotzdem war es ein Abend, der Sitzfleisch und Ausdauer des Publikums extrem beanspruchte…

Die sängerischen Leistungen dieser Wiederaufnahme sind (berichtet wird von der zweiten Vorstellung dieser Serie) zumindest auf Seiten der Herren nicht schönzuschreiben. In der Titelrolle erlebte man den jungen Koreaner Yonghoon Lee, der zwar erst fünf Jahre im internationalen Opernzirkus mit dabei, aber schon ziemlich hoch gestiegen ist. Vielleicht, weil er eine gelegentlich eindrucksvolle Höhe presst – aber im Grunde ist sein guttural-nasal gemixter Tenor, der von der Technik nicht völlig im Griff gehalten wird, kein sonderliches Erlebnis. Ein besonders hübscher Bursche ist er freilich, aber er würde als Titelheld in einem chinesischen oder koreanischen Period Movie besser am Platz sein denn als spanischer Königssohn – in jeder Hinsicht.

Auch der Papa schwächelt: Kwangchul Youn (ebenfalls  Koreaner, wie der Sohn, so der Vater…) ist in Nebenrollen eine absolut hervorragende Besetzung, für Hauptrollen nicht unbedingt, wie man schon an seinem Mephistopheles gesehen hat. Mag mancher Besucher auch begeistert sein, mit welcher Verhaltenheit er des Königs große Arie singt – die Kehrseite der Medaille ist doch eindeutig Mangel an Nachdruck und Überzeugungskraft. So, wie er als Figur auf der Bühne steht, bietet er weit weniger, als man in Wien von einem König Philipp II. verlangt. (Das Persönlichkeitsmanko teilt er, auch wenn man nicht große Rollenvorgänger bemühen will, mit Alexandru Moisiuc als Großinquisitor.)

Bedauerlich die Enttäuschung, die Ludovic Tézier als Posa bereitet, weil der Sänger doch etwa als Wolfram im „Tannhäuser“ so ausgezeichnet gefallen konnte und eine so überzeugende  Leistung lieferte. Allerdings ist Posa in dieser Inszenierung ein Kümmerer ganz ohne Profil, und das nimmt einen Teil der Wirkung. Die weitere ging – zumindest an diesem Abend – verloren, weil man dauernde Überforderung hörte und der Dirigent keinerlei Rücksicht walten ließ und den Sänger immer wieder einfach zudeckte…

Dan Paul Dumitrescu, als einziger von der Premierenbesetzung des Jahres 2004 übrig, muss Kaiser Karl V. als Gärtner-Mönchlein (am Ende sogar mit Gießkanne) spielen, Norbert Ernst übernimmt anfallende Nebenrollen ohne besondere Kennzeichen.

Besser, wenn auch gleichfalls nicht ideal, sieht es bei den Damen aus:  Adrianne Pieczonka, die den Bruch von der jungen Frau zu Beginn, die sich in Carlos verliebt, zur gehetzten Königin im zweiten Akt hervorragend spielt, ist stimmlich vielleicht nicht die Idealbesetzung für die Elisabeth, weil sie jene zupackende Kraft hat, die für das deutsche Fach ideal, für Belcanto ein bisschen zu hart ist. Aber sie kann – ihre Technik ist wirklich fabelhaft – auch wunderbare Piani spinnen. Das machte dann die letzte Arie zu einem Höhepunkt, der allerdings so spät lag, dass das Publikum in seinen Sitzen schon nur noch vor sich hin welkte…

Béatrice Uria-Monzon, die vor mehr als einem Jahrzehnt ein paar Mal an der Staatsoper als „Carmen“ zu hören war, damals ohne besonderen Eindruck zu hinterlassen, ist mittlerweile zu einer der großen Gestalterinnen der Opernbühne geworden, wie man auf DVDs („Carmen“ oder „Tannhäuser“ aus Barcelona) überprüfen kann, wo auch klar wird, dass ihre darstellerische Faszination über der sängerischen liegt. Schmal und lauernd steht sie als Eboli auf der Bühne, eine Präsenz, die über eine hüftwackelnde Hofdame, die auf ihre Arien wartet, weit hinausgeht. Auf „Ebolis Traum“, Konwitschnys parodistische Albernheit, lässt sie sich voll ein, ironisch und exzessiv. Man kann die Eboli schöner singen, aber interessanter wird sie nicht so schnell jemand spielen.

Nicht so Gutes von den Nebenrollen – Juliette Mars als extrem alberner, nicht besonders schön anzuhörender Page und Elisabeta Marin, die aus der Stimme vom Himmel einen parodistischen Starauftritt machen muss und dermaßen sang, dass man es nur besagter Parodie zuschreiben will und kann…

Womit man bei der Inszenierung von Peter Konwitschny wäre, die im Oktober 2004 heiß umstritten war und heute angeblich „Kult“ ist. Aber in unseren Zeiten bedarf es ja wenig, um dieses „Lob“ heimzutragen. Grundsätzlich ging es dem Regisseur (in weißen Wänden von Johannes Leiacker, die am ehesten an ein riesiges Badezimmer erinnern und mit zahllosen kleinen Türen ausgestattet sind) um eine Trivialisierung der Geschichte – am markantesten in jener Szene in Philipps Zimmer, wo er mit der Prinzessin Eboli im Bett liegt, während er über die Untreue der Gattin philosophiert. Das stimmt natürlich historisch, das Verhältnis der beiden nämlich –  ebenso wie ihr Peter Konwitschny (er oder die Dramaturgen lesen ja nach!) am Ende noch das historische eine Auge verpasst, das die Dame hatte, nur dass man auf der Bühne dann nicht weiß, woher es plötzlich kommt…. Aber im Grunde geht es nur darum, aus der tieftragischen Szene zwischen Philipp und dem Inquisitor, wo der König (der in diesem Konnex nur ein alberner Weiberheld ist) immerhin seinen Sohn und seinen Posa preisgibt, eine billige Posse zu machen: Die Eboli versucht sich nämlich von dem blinden Großinquisitor wegzuschleichen, der auf ihrer Stola steht, und es gelingt Konwitschny, die ganze Szene mit körpersprachlichem Slapstick zu veralbern… Von der Substanz dessen, was hier erzählt werden soll, bleibt natürlich nichts übrig.

Diese Albernheit erreicht ihren Höhepunkt in „Ebolis Traum“, mit der Konwitschny die ganze lange Ballettmusik füllt: Im Wohnzimmer mit Blumentapete empfangen Frau Eboli und Gatte Carlos („Versace!“ ruft er, als sie ihm eine Hausjacke anzieht) Papa Philipp und Stiefmama Elisabeth zum Abendessen, und weil die Gans (oder was immer) anbrennt, kommt „Posas Pizza“ und rettet vielleicht die Kulinarik, aber nicht die Sinnhaftigkeit des Ganzen. Finde es lustig, wer mag.

Mehr noch als dieses ausgestellte Geblödel hat die Zuschauer einst das Autodafé als große Party erregt. Sie findet im Foyer, im Zuschauerraum, auf der Bühne statt, eine Moderatorin hat sich ihre hymnischen Künste von den ORF- und arte-Damen abgeschaut, ein paar „Ketzer“ werden zum allgemeinen Vergnügen herumgetrieben. Und man muss nur sehen, wie das Publikum diesen ganzen (kurzen) Autodafé-Akt stehen bleibt, selbst fotografiert und ihn als „Event“ (da hat man doch was zu erzählen!) geradezu in sich hineinzuschlürfen scheint… da fragt man sich, ob Peter Konwitschny mit dieser von Vera Nemirova gestalteten Medien-Satire nicht ins Schwarze trifft. (Dass die erste Pause erst nach zweieinviertel Stunden [!] stattfindet, dann aber nach dem Autodafé gleich weitergeht, ist eine dramaturgische Gewalttat der Aufführung.)

Was den Abend als Ganzes betrifft, so lauten seine besonderen Kennzeichen: zu lang und zu lähmend, wobei Letztgenanntes auch für die Musik gilt. Der französische „Don Carlos“ ist dem italienischen „Don Carlo“ so unterlegen, dass jedes Interesse daran akademisch bleiben sollte. Auch Bertrand de Billy ist es am Dirigentenpult (mit allen Lautstärken-Exzessen) nicht gelungen, die Verwässerung des großen späten Verdi in eine Grand Opéra französischen Stils für das Opernpublikum sinnvoll zu machen. Der Qualitätsbruch ist zu evident.

Renate Wagner

 

 

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